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Köstlich-komisches Kino: „Eat Drink Man Woman“

Ang Lee, Foto: Rex Bennett Creative Commons BY SA 2.0

Sie ist endlich wieder da: Die Filmwissenschaftlerin und Ang Lee-Expertin Dr. Isabell Wohlfarth wirft für SchönerDenken einen ganz persönlichen Blick auf die Werke des taiwanesischen Regisseurs. Noch einige spannende Filme stehen in unserer Reihe aus – es geht los mit „Eat Drink Man Woman“:


Noch nie wurde in einem Film so viel gekocht und so wenig gegessen. Als geradezu unverschämt empfindet man es als Zuschauer, dem hier ständig das Wasser im Munde zusammenläuft, wie die Tischgäste in dieser Familienkomödie die herrlichen Gerichte ignorieren oder vor lauter Sorgen und amouröser Entwicklungen keinen Bissen herunterkriegen. Das Familienmahl bleibt für die Protagonisten in diesem komischen und herzlichen Familienfilm trotz schmackhafter Kunstwerke eine quälende Erfahrung, vom Tisch aufzuspringen ist deshalb ein bewährtes und äußerst amüsant zu beobachtendes Fluchtmittel. Ang Lees dritter Film „Eat Drink Man Woman“, mit dem er weltweit bekannt wurde, gehört wegen der sinnlichen Inszenierung des Kochens und Speisens inzwischen zu den Standardwerken des Subgenres „Essen im Film“.

Backstory

„Eat Drink Man Woman“ war Abschluss und Höhepunkt von Mister Lees sogenannter „Vater-weiß-es-besser-Trilogie“ und ist bis heute der einzige seiner Filme, der auch in seinem Heimatland Taiwan spielt. Zum Zeitpunkt der Entstehung hatte Ang Lee bereits ein Standing in der asiatischen Filmwelt, deshalb wurden ihm bei den Dreharbeiten viele Türen und Tore geöffnet. Einige Szenen entstanden im berühmten Grand Hotel Taipeh, und das Haus des Bürgermeisters wurde zum Haus der Filmfamilie Chu. „Eat Drink Man Woman“ war einer der ersten asiatischen Filme, die sowohl ein östliches als auch ein westliches Publikum ansprachen. Ost und West wurden auf unverkrampfte, heitere Weise miteinander verknüpft. Das war ein Erfolgsrezept: 1994 wurde die Komödie ein weltweiter Publikumserfolg – und war sowohl für den Golden Globe als auch für den Auslands-Oscar nominiert.

Die Story

Herr Chu (Sihung Lung) ist ein gefeierter Meisterkoch, hat aber seinen Geschmackssinn verloren. Die Zeit seiner Rente scheint nahe. Zuhause lebt der Witwer mit seinen drei erwachsenen Töchtern zusammen. Jeden Sonntagabend kommt die ganze Familie zum Essen zusammen. Der Vater steht den ganzen Tag in der Küche, um die Kinder zu verwöhnen. Für die ist die Zusammenkunft eher eine lästige Pflicht, haben sie doch ganz andere Sorgen. Die älteste Tochter Jia-Jen (Kuei-Mei Yang), Chemielehrerin und strenggläubige Christin, befürchtet, als alte Jungfer zu sterben. Die mittlere, Jia-Chen (Chien Lien Wu), erfolgreiche Karrierefrau, überlegt, große Summen in eine Immobilie zu investieren. Und die jüngst, Jia-Ning (Yu-Wen Wang), hat genug zu tun mit ihrem Studium und dem Job im Fastfood-Laden. Als unerwartet neue Männer auf der Bildfläche erscheinen, kommt Bewegung ins familiäre Gefüge. Wer aber kümmert sich dann in Zukunft um den alten Vater, der immer mehr abzubauen scheint?

Der Meisterkoch und die drei ungleichen Töchter

Es war einmal ein alter Vater, der hatte drei schöne Töchter – von der Figurenkonstellation her erinnert dieser Film an ein Märchen. Episodisch wird vom Leben der drei so ungleichen Schwestern erzählt, die Geschichte des Vaters verbindet die Storys, im Heim und am Tisch treffen die verschiedenen Welten aufeinander. Das passiert aber wider Erwarten nicht in lauten Diskussionen, sondern führt meist zu erdrückender Stille. Beim Essen schweigt man sich an, offen ausgesprochen werden in dieser Familie die Dinge längst nicht mehr.

Einen Hauch Märchenplot besitzt auch das Verhältnis des Vaters zu den Töchtern. Die älteste und jüngste möchte er bald aus dem Hause haben. Die mittlere aber liebt er besonders, ihr Glück liegt ihm am Herzen. Das Vater-Tochter-Verhältnis ist jedoch angespannt, und beide sind zu stolz, um ehrlich auf den anderen zuzugehen. Jia-Chen ist auch noch die Unnahbarste und Selbständigste der Töchter, diejenige, die scheinbar so schnell wie möglich von zuhause fliehen möchte. Erst nach und nach versteht man, was sie wirklich will und sucht. Sie ist die vielschichtigste Figur des Filmes. Denn in Wahrheit sorgt sie sich am meisten um ihren Vater und wird im Laufe des Films oft als „Partnerin“ an seiner Seite platziert, als wäre sie die Mutter – nicht zufällig ist sie das Abbild der Verstorbenen. Die Beziehung des Vaters zu Jia-Chen ist die zentrale Geschichte des Films.

Das Schicksal der anderen beiden Schwestern wird vor allem komödiantisch erzählt. Ihre Liebeswirren sind heitere Anekdoten. Die Love Story der Ältesten, Jia-Jen, ist wunderbar kitschig und herzhaft komisch. Sie ist nicht nur streberhaft steif in ihrem Auftreten und in ihrer frommen Lebensweise, sie leidet und sehnt auch mit Pathos. Der Mann ihres Herzens, Volleyballtrainer Ming-Dao, ist wiederum ein einfältiger Tollpatsch und Gaukler erster Güte. Was an Intelligenz fehlt, macht dieser mit sportlichen Kunststückchen wett. Erst schmachten sich die beiden bollywood-mäßig an, dann nimmt er die Angebetete auf seinem Motorrad mit, sie fliegt an ihn gekuschelt durch Taipehs Großstadtdschungel, wie auf einem weißen Pferde.

Die jüngste, Jia-Ning, bleibt die blasseste und unbekümmertste Figur im Film, sie stolpert, sympathisch aber ohne viel Drama, in die Arme eines noch vorbildlicheren Jungen.
Am Ende kommt vieles natürlich anders als gedacht. Endlich werden alle Karten offen auf den reich gedeckten Familientisch gelegt. Er wird zum Siedepunkt der Emotionen und Schlachtfeld der Meinungen. Denn selbstverständlich hat auch der Vater noch ein schockierendes Geheimnis im Topf.

Essen in Taiwan, Foto: Yuting Hsu Creative Commons BY SA 2.0

Essen in Taiwan, Foto: Yuting Hsu Creative Commons BY SA 2.0

Essen, Trinken, Mann, Frau: Über den Magen zum Herz

Schon die erste Sequenz des Films zieht einen hinein in den Zauber der Kochkunst. Meisterkoch Chu schwingt die Beile in beschwingtem Rhythmus, schneidet Gemüse in ratternder Präzision, gießt dampfende Soßen in vibrierende Schüsseln und formt Teigtaschen mit einer filigranen Drehung des Daumens. Das professionelle Werkeln in der zischenden und klopfenden Geräuschkulisse, heiter vorangetrieben von chinesischen Klängen, hat etwas rauschhaft Tänzerisches. Auch später wird man noch Zeuge von der Meisterschaft des Koches. Einmal wird Chu in die Restaurantküche gerufen, um ein Menü zu retten. Die Kamera folgt ihm durch die labyrinthartigen Gänge, wo er noch im Gehen die weiße Schürze umgeworfen bekommt, als wäre er ein Notarzt, und schließlich zielstrebig Anweisungen an viele demütige Köche gibt. Hier strotzt er nur so vor Kraft.

Auch Lieblingstochter Chen findet das echte Glück nur, wenn sie kocht. Sie liebt es, traditionelle Gerichte zuzubereiten. Der Vater, dem sie als Kind immer am Herd hatte über die Schulter schauen dürfen, verbot ihr jedoch, das Kochen zum Beruf zu machen. Das bleibt der schmerzhafte Kern ihres Twists. Kochen und Essen sind die großen Metaphern und das Leitthema in „Eat Drink Man Woman“.

„Der Titel bezieht sich auf die beiden menschlichen Grundbedürfnisse, die unser Überleben sichern – Essen und Sex“,

sagte Mister Lee in einem Interview. Im Film verbinden sich diese Elemente lebhaft, die zwischenmenschlichen Begegnungen werden gespiegelt in der Art und Weise, wie jemand Gerichte zubereitet oder verspeist. Für Chu und Chen ist das Bekochen anderer sogar sinnstiftend, sie selbst essen kaum, fühlen sich aber zutiefst befriedigt, wenn andere ihre Gerichte mögen. Das Nähren wird zu einer Metapher der Zuneigung. Wird eine Speise kritisiert, kommt das einer persönlichen Zurückweisung gleich. So schaut der Vater seinen Töchtern stets akribisch beim Essen zu und mustert ihre Reaktion. Dass seine Speisen kaum mehr schmecken, wagt deshalb keiner zu sagen. Für den alten Chu ist es eine Katastrophe, dass er seinen Geschmackssinn verliert. Ihm wird die Möglichkeit genommen, seine Liebe auszudrücken.

Dass in dieser Familie die Kommunikation über Worte längst nicht mehr gelingt, wird sehr deutlich, wenn alle auf engem Raum am Essenstisch zusammenkommen. Übrigens wird die unangenehme Grundstimmung auch visuell verstärkt, indem die Kamera die stumme Familie wiederholt durch kleine Teilfenster eng eingerahmt zeigt. Der quälende Moment der scheiternden Kommunikation ist aber auch häufig komisch. Denn wenn geredet wird, dann wird entweder gestottert, alle rufen durcheinander oder jemand springt auf, verkündet etwas und rennt wie vom Teufel besessen hinaus.

Fazit: Köstlichkeiten und Veränderungen

Dieser Film hat alles, was eine spannende Familiengeschichte braucht: Geheimnisse, Lügen, Drama, Missverständnisse und Liebe. Und er entführt uns westliche Zuschauer in die taiwanesische Lebenswelt, in eine Sphäre des Umbruchs. Tradition und Moderne liegen in der Großstadt Taipeh nebeneinander – hier ein alter Tempel, dort das neue Luxushotel. Auch die Lebensstile und -entwürfe der Figuren pendeln zwischen traditionell und individuell – hier steht wieder das Essen symbolisch Pate, im Kampf der traditionellen östlichen Kochkunst gegen die westlichen Einflüsse des Fast Food-Zeitalters. Der Film zeigt, dass der Mix aus Altem und Neuem eine gute Lösung ist, dass plötzliche Veränderungen und unerwartete Wendungen auch ganz schön heilsam sein können, für Familie und Gesellschaft.

Besonders erinnern wird man sich bei diesem liebevoll inszenierten Film aber vor allem an die herrlichen, üppig gedeckten Tische, die kuriosen Gerichte, die kunstvollen Gemüseschnitzereien und brutzelnden Pfannen. Diese sinnlichen Kochszenen gehören nach wie vor zu den schönsten der Filmgeschichte. Und Ang Lee, der auch in seinen anderen Filmen gerne das Speisen am Tisch orchestriert, gilt seither als einer der „Regisseure des Essens“.


Eat Drink Man Woman
Taiwan 1994, 123 Min., Regie: Ang Lee



Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Goessele, arbeitet als Journalistin in Köln. Ihre Doktorarbeit wurde unter dem Titel “Das Kino des Ang Lee: Im Atem des verborgenen Drachen” veröffentlicht. Der Podcast wurde gesprochen von Thomas Laufersweiler.
Hier alle Beiträge der Reihe „Mr. Lee And Me“.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY NC ND 4.0.
Quelle: Dr. Isabell Wohlfahrt, geb. Goessele
Das Foto im Banner stammt von Rex Bennett und steht unter der CC-Lizenz BY SA 2.0


Das Kino des Ang LeeIsabell Gössele
Das Kino des Ang Lee
Im Atem des verborgenen Drachen

Wissenschaftliche Beiträge
aus dem Tectum Verlag
Medienwissenschaften, Band 5
349 Seiten, Paperback, 2009
ISBN 978-3-8288-2046-3