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Den schwarzen Hund vertreiben: Prof. Pu empfiehlt „Zwei Herren am Strand“

Churchill und Chaplin

Churchill und Chaplin in Hollywood 1929


Auf dem Titelblatt steht Roman, das Buch ist jedoch wie eine Matrjoschka, wie eine russische Puppe in der Puppe. Vordergründig geht es um die Geschichte der Freundschaft zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill, die sich 1927 auf einer Party in Santa Monica kennengelernt haben und während eines Strandspaziergangs das verbindende Element zwischen sich finden: Den schwarzen Hund. Die Depression.

„Dass Chaplin und Churchill niemandem, auch nicht den engsten Freunden, von ihren Spazierganggesprächen erzählten, (»talkwalks«, wie der geschmeidige Chaplin sagte, »duck-talk-walks«, wie der korpulente Churchill selbstironisch verdrehte und ergänzte), hatte einen Grund, nämlich das Thema Freitod. Mit anderen Dingen hielten sie sich nicht auf. Sie hatten wenig gemeinsame Interessen und zu viele trennende Ansichten.“

Als sie sich kennenlernten, war Chaplin gerade dem medienträchtigen Rosenkrieg seiner Frau Lita ausgeliefert, Churchill noch Schatzkanzler Großbritanniens. Sie erkannten sich und ihre Dämonen, ohne sich einander vorzustellen. Und versprachen sich gegenseitig, dem anderen bei einem Seelenabsturz zur Hilfe zu kommen. Sie gestehen sich ihre Methoden, ihre Versuche, den schwarzen Hund zu vertreiben. Churchill malt, Chaplin erklärt ihm die „Methode des Clowns“, mehr sei hier nicht verraten …

Mit freundl. Genehmigung des Hanser Verlags

Mit freundl. Genehmigung des Hanser Verlags

Das herrliche Buch Köhlmeiers ist aber viel mehr als der Roman einer Freundschaft. Es ist Filmgeschichte, Antidepressivum, Biographie zweier großer Männer, Porträt eines halben Jahrhunderts, Einblick in den inneren Kampf von Kreativen (wer erinnert sich daran, dass Churchill den Literatur-Nobelpreis erhalten hat?!), Komödie, Tragödie, Fiktion und Realität auf eine Weise vermischt, wie ich sie bisher noch nicht gelesen habe. Dazu die Rahmenhandlung des Ich-Erzählers, der, selbst Clown, von seinem Hobby-Historiker-Vater und dessen Freundschaft zu Churchills privatestem Privatsekretär erzählt. Deswegen: Die Puppe in der Puppe.

253 Seiten lang musste ich den immer größer werdenden Drang unterdrücken, ständig etwas nachrecherchieren zu wollen. So viele Fakten, so viele Ideen in diesem Buch, wahr oder unwahr? „Kosher Nostra“, erfunden oder existent? Ich habe es mir verboten und mich dem Buch einfach hingegeben. Wahrscheinlich sind die unwahrscheinlichsten Dinge darin die wahrsten. Egal, ohne Recherche kann man die Lektüre noch viel länger nachwirken lassen. Prädikat: Unbedingt lesenswert!

PS: Churchill starb im Alter von 91, Chaplin mit 88.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Michael Köhlmeier
Zwei Herren am Strand
Hanser-Verlag € 17,90
978-3-446-24603-4

Ariane Binder befragt Michael Köhlmeier (3sat-Video)

Michael Köhlmeier zu Gast bei „Lesenswert“ (SWR-Video)

Passend: Prof. Pu über „Der schwarze Hund“ von Matthew Johnstone