Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & WitschNein, wir werden so schnell keine Technologie erfinden, die alle unsere Energieprobleme löst. Aber es ist eine spannende Idee, sich das Ganze vorzustellen. Frank Schätzing hat das in „Limit“ für uns erledigt. Er geht von drei Annahmen aus: Es gibt einen Stoff namens Helium 3 (gibt es), es gibt einen Aufzug ins Weltall (eine alte Idee, die nur aus Materialgründen nicht funktioniert) und es gibt effiziente Fusionsreaktoren (die heute in einem sehr frühen Entwicklungsstadium sind). In naher Zukunft – im Jahr 2025 – hat der visionäre Unternehmer Julian Orley die Raumfahrt revolutioniert und das Geschäftsmodell der Öl- und Gaskonzerne über Nacht beendet.

Der Roman folgt einer Gruppe reicher Investoren und Prominenter, die zur exklusivsten Reise aufbrechen, die man sich vorstellen kann: als Gäste des Milliardärs Orley auf den Mond zu fliegen, im luxuriösen Mondhotel „Gaia“ zu wohnen und im Mondstaub Golf zu spielen. Während die High Society Dekadenz mit niedriger Schwerkraft paart, hat der Detektiv Owen Jericho in China ganz andere Probleme: Er gerät in eine Verschwörung, in deren Fadenkreuz sich auch eine chinesische Dissidentin befindet. Es geht um militärische, politische und vor allem wirtschaftliche Machtkämpfe auf der Erde, die eine tödliche Bedrohung für die Menschen auf dem Mond werden.

„Habgier. Es ist letzten Endes immer Habgier.“,

antwortet Frank Schätzing auf die Frage, was die Erde an den Rand der Katastrophe führt – im Roman wie im wirklichen Leben. Und es gelingt ihm, aus dieser Erkenntnis einen spannenden Thriller zu machen. Wie der Mond hat aber auch Schätzings Roman seine helle und dunkle Seite. Fangen wir mit der dunklen Seite an: Die prominenten Gäste haben mein Interesse nicht geweckt, auf zu vielen Seiten folge ich ihnen leicht gelangweilt durch Raumstationen und ein Mondhotel, sehe ihnen zu, wie sie sich den Mondstaub von den Stiefeln klopfen, nachdem sie Armstrongs Fußspuren besichtigt haben. Erst als die tödliche Bedrohung greifbar wird, hört Frank Schätzing auf über Sterneköche in der Schwerelosigkeit zu schwadronieren. Die helle Seite: Sobald er zur Sache kommt, entfaltet des Buch auch im lunaren Handlungsstrang eine ungeheure Sogwirkung und lässt den Leser bis zur letzten Seite mitfiebern.

Aber es gibt ja noch den chinesischen Handlungsstrang – und hier funktioniert der Thriller von Anfang bis Ende. Ohne Vorgeplänkel entbrennt hier ein Duell zwischen dem Detektiv Owen Jericho und einem psychopathischen chinesischen Killer. Auf dem Spiel steht das Leben einer (natürlich jungen und bildhübschen) chinesischen Studentin und später noch viel mehr. Immer wieder dreht Schätzing an der Action-Schraube und lässt es in verschiedenen Städten atemberaubend krachen. Mein Lieblingsschauplatz: die Berliner Museumsinsel.

Dazwischen psychologisiert Schätzing wenig überzeugend in den verschiedenen Protagonisten herum, da werden die Innenwelten und seelischen Konflikte doch schon sehr unsubtil in die Handlung eingebaut. Trotzdem ein wirklich lesenswerter Roman, zum einen wegen der vielen interessanten, technischen und (wirtschafts-)politischen Gedankenspielereien, zum anderen wegen der atemlosen Spannung, die Schätzing über weite Strecken aufbaut. Fazit: kein Ausnahme-Thriller wie sein Vorgänger „Schwarm“, aber prächtiges SF-Lesefutter vor allem für technisch Interessierte. Und wieder eine wunderbare Drehbuchvorlage.

Links

Hier gibt es eine Leseprobe, und hier ein Interview, das Denis Scheck mit Frank Schätzing geführt hat. Und der Auftritt des Autors bei „3nach9“:

Frank Schätzing
Limit
1.328 Seiten, 26 Euro
Kiepenheuer & Witsch, 2009
ISBN-13: 978-3462037043

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