Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Niemand kann so gut nicht kochen wie ich“

Prof. Pu empfiehlt: Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh von Sigrid Neudecker

Prof. Pu und die Pücher

Wie habe ich mich amüsiert, oft sogar laut gelacht über Sigrid Neudecker, Österreicherin, Journalistin, die der Korrespondenten-Job ihres Mannes für ein paar Jahre nach Paris verschlägt. In das Land, das seine Esskultur als Welterbe der Menschheit betrachtet. Dort fasst sie den für ihre Verhältnisse extrem mutigen Entschluss, endlich Kochen zu lernen.

In Wien bin ich berühmt für mein Nicht-Kochen. Niemand kann so gut nicht kochen wie ich. Als ich nach Deutschland ging, hat sich die österreichische Nichtkocher-Nationalmannschaft aufgelöst. Ohne mich waren sie chancenlos.

Gleich zwei Kochkurse bucht sie, nachdem sie bei ihrer ersten Soirée die Gäste  mit dem Dessert nahezu sprachlos macht; nicht vor Bewunderung. Für das Essen sorgt ihr kochender Gatte, sie kredenzt ihren französischen Freunden die „Biskuitrolle des Grauens“
Stille. Bis der diplomatischste aller Ehemänner sagt:

„Sieht toll aus! Ich hol mal die Säge.“

Ihr Licht muss sie nicht unter den Scheffel stellen, kann sie doch mit Bohrmaschine und Kabelbindern umgehen, mathematisch bewandert ist sie auch. Dagegen bereitet ihre Wortanfang-Verwechslungs-Schwäche schon Probleme beim Zutatenkauf. Sie verwechselt gerne gleichklingende Worte, Boucherie mit Boulangerie, auch findet sie, der Thymian sollte besser Rosmarin heißen und umgekehrt. Noch problematischer ist es mit dem französischen Wortschatz beim Metzger, unter Einsatz sämtlicher Körperteile erklärt sie tanzenderweise Kuhwaden, „bitte die vordere“ …
Vor allem jedoch schreibt sie einfach köstlich, viel viel köstlicher, als sie zunächst kocht. Kommentar eines Freundes zu einer ihrer Vorspeisen:

„Nglebt am Nngaumen.“

Doch es geht in ihrem Buch, das aus einem Blog entstanden ist, nicht nur um den sehr beschwerlichen Weg, den sie mit Hartnäckigkeit und Geduld geht, wenn man das Kochen eben nicht „im Gefühl“ hat, wie die Frau bei Loriots Frühstücksei. Gleichzeitig ist es eine Liebeserklärung an gutes Essen, gute Zutaten und das Glücksgefühl, wenn etwas gelungen ist. Auch wenn der Gatte irgendwann genug hat von Schokoladenpudding und ständigen Tafelspitz-Testreihen.

Nebenbei berichtet sie von uralten Pariser Geschäften für Küchenbedarf, französischem Handwerkerverhalten, einem Besuch bei Gérard Dépardieu, bevor er zum Steuerflüchtling wurde (ich erinnerte mich noch genau an den Zeitmagazin-Artikel) und erklärt die komplizierte Welt des „Faire la bises“, dem Küsschen-Küsschen-Wahn der Franzosen. Vor allem aber lässt sie die Leser schonungslos selbstironisch teilhaben an all‘ ihren Niederlagen, Kämpfen und Siegen am Herd. Sie ist Kochblog-süchtig, ihr Mann bevorzugt seine Kochbuchregale. Was ich absolut nachvollziehen kann, ist ihre Abneigung gegenüber Rezepten ohne Abbildungen, nicht mangels Phantasie, sondern eher aus anregenden Gründen. Am Ende bekommen doch eine Reihe von Rezepten das Neudeckersche Siegel „Idiotensicher“.

Selbst diejenigen, die mit dem Kochen vielleicht nichts am Hut haben, finden ihr Vergnügen an dieser Lektüre, denn essen muss schließlich jeder, und es schadet niemandem, Lebensmitteln etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Außerdem gibt es doch im Alltag immer viel zu wenig zu lachen …  Aus diesem Grund wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen dieses witzigen Appetitanregers. Schon allein für das Wort „Stützwein“, den man gern beim Kochen zu sich nimmt, bin ich der Autorin dankbar.

Merci et santé, Frau Neudecker, kochen und schreiben Sie weiter!

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Sigrid Neudecker
Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh
Piper Taschenbuch 30395
€ 9,99
978-3-492-30395-8