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„Maschinenmann“: Perfekte Körper sind nicht aus Fleisch und Blut

Thomas liest Max Barrys „Maschinenmann“.

Es ist eine weitverbreitete Annahme, dass unser Bewusstsein, unsere Wahrnehmung, der ganze intellektuelle Kern unserer Persönlichkeit weitgehend unabhängig von unserem Körper zu sehen ist. Ein Mensch, dessen Gehirn in einen anderen Körper oder in einen Roboter verlagert werden würde, bliebe demnach immer noch der gleiche Mensch – als Bewusstsein und Persönlichkeit. Ich teile diese Annahme nicht.

Mit freundl. Genehmigung des Heyne-VerlagsKörper und Bewusstsein sind in sehr hohem Maße ineinander verschränkt und voneinander abhängig. Jede Veränderung auf der einen Seite verursacht eine Änderung auf der anderen Seite. (Wer das genauer durchdenken möchte: hier entlang zum Wikipedia-Beitrag über das Leib-Seele-Problem.) Da im 21. Jahrhundert unsere Körper auf verschiedenste Weisen massive „Verbesserungen“ erfahren werden, lohnt sich der Gedanke, was das mit unserem Bewusstsein anstellen wird. Wie komme ich überhaupt auf dieses interessante Thema? Durch das Buch „Maschinenmann“, das mir Prof. Pu geschenkt hat.

Dr. Charlie Neumann, der Held dieses Romans, ist Ingenieur. Er denkt in Lösungen und liebt klare Regelsysteme, auch wenn sie komplex sind. Mit Menschen und vor allem mit Frauen kommt er dagegen nicht so gut zurecht. Seine Konzentration auf technische Probleme und Lösungen geht aber weiter: Neumann empfindet auch seinen eigenen Körper als unangenehme, chaotische, unzuverlässige Maschine, die dringend verbessert werden sollte.

Als er bei einem Laborunfall ein Bein verliert, entwickelt er eine völlig neuartige Hightechprothese, die seinem natürlichen Bein haushoch überlegen ist. Also liegt der nächste Schritt auf der Hand: Er entscheidet sich, auch das verbliebene, biologische Bein abzutrennen …

Neumann arbeitet für die „Better Future Corporation“ und diese erkennt, dass sie mit Neumanns Erfindungen Milliarden Dollar verdienen könnte. Also bekommt er freie Hand und ein Team, das ihn unterstützt. Schnell geht es nicht mehr nur um Beine. Neumann, der sich mittlerweile in die Prothesenexpertin Lola verliebt hat, macht sich selbst zum Versuchsobjekt Nummer Eins und verwandelt sich Körperteil für Körperteil in etwas Anderes. Aber seine verbesserten Teile zeigen einige gefährliche Nebenwirkungen. Das macht aus Dr. Neumann keinen netteren Menschen:

„Halten Sie den Mund. Nichts verstehen Sie. Sie haben Körperteile. Ich bin Körperteile. Ich bin die Technologie. Sie sind ein Mann mit Krücke. Sie sind überhaupt nicht wie ich.“

findet Neumann. Max Barry erzählt seine Geschichte schwungvoll, zwischendurch fast atemlos, die einzelnen Kapitel sind kurz und knackig, fast immer gibt es Action und einen kleinen Cliffhanger, der einen von Seite zu Seite treibt. Diese Struktur verdankt der Roman seiner Entstehungsgeschichte: Ungeduldige Leser hatten Barry vorgeworfen, zu lange schon nichts mehr veröffentlicht zu haben. Also entschied er sich, eine Geschichte, die er im Kopf hatte, als täglichen Fortsetzungsroman auf seiner Website zu veröffentlichen. „Ich schrieb die meisten Seiten in den vierundzwanzig Stunden, bevor ich sie postete.“

Die Geschichte wurde von den Lesern umfangreich kommentiert und einige dieser Gedanken hat Max Barry dann auch in die stark überarbeitete Romanfassung übernommen. Das Ergebnis ist eine leicht lesbare und sehr unterhaltsame Science-Fiction-Abenteuergeschichte mit überraschenden Wendungen, die einen ständig anregt, über sehr grundsätzliche und philosophische Aspekte nachzudenken. Sehr lesenswert, allerdings nicht ohne makabre Details. Ich jedenfalls sehe jetzt jede Unvollkommenheit meines Körpers mit ganz anderen Augen – im übertragenen Sinne versteht sich.

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.
Quelle: Thomas Laufersweiler/SchönerDenken

Max Barry
Maschinenmann (Machine Man)
Broschiert, 352 Seiten
Heyne Verlag, 14,99 Euro
ISBN 9783453267978