Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Polnische Saturnrakete erfüllt ihr Missionsziel (gerade noch)

Eine neue Folge von: The Future … revisited! schoener-denken entkorkt alte Jahrgangs-SF und testet die Nachhaltigkeit des Bouquets wiederveröffentlichter alter Science Fiction-Filme.

Heute: Hendrik verkostet den osteuropäischen SF-Import Testflug zum Saturn



„… und meine Hilflosigkeit in dieser Situation empfand er als Scharfsinn, und er begann wie ein Mensch zu reagieren. Dadurch hat er verloren. Gegen uns Menschen.
Man hat mich des passiven Verhaltens in einer kritischen Situation beschuldigt. Nein. Meine Schuld ist eine andere. Aber sie wird nicht im Gesetzbuch des  Raumfahrttribunals aufgeführt.“

I.

Ich reserviere eine ganz besondere Art von Skepsis für preisgünstige Produkte, auf deren Etikett man trotzdem einen großen Namen findet. So etwas ist erstmal verdächtig, nicht nur bei Wein und Filmen. Dieser Film hier pinselt sich gleich einen der edelstdenkbaren Markenbegriffe der Science Fiction auf, indem er sich als die Verfilmung eines Werkes des polnischen Großmeisters Stanislaw Lem deklariert. Dass sich die Gestalter der DVD-Hülle nicht ausgekannt haben und meinten, die zugrunde liegende Erzählung „Die Verhandlung“ („Rozprawa“) sei ein Roman, wollen wir dem Film selbst mal nicht vorwerfen, aber das Misstrauen schürt es doch, so wie ein Druckfehler auf dem Etikett eines Moet & Chandon. Markenschwindel? Naja, ich will nicht voreilig sein, manchmal schmeckt ein Sekt zu 4 € die Flasche ja auch durchaus mal besser als einer für 20 €.

„Die Verhandlung“ (aus dem Erzählungsband „Die Jagd“) ist eine der Geschichten um den Piloten Pirx, welchen ich persönlich für eine der zwei oder drei gelungensten Charakterschöpfungen der gesamten mir bekannten Science Fiction-Literatur halte. Dabei ist Pirx gar kein heroischer Typ: eher unauffällig, absolut kein Adonis, wie ein x-beliebiger Mechaniker sieht er aus. Er ist auch kein geniales Superhirn und besitzt keine paranormalen Fähigkeiten. Zwar ist er eindeutig hochintelligent, sonst hätte er die Ausbildung zum Raketenpiloten und später zum Navigator wohl nicht geschafft – aber auch das lässt ihn nur bedingt hervortreten aus der langen Reihe der SF-Protagonisten.

Was Pirx zu etwas Besonderem macht, ist seine Eigenschaft, dem Universum zu misstrauen. Er ist ein skeptischer Träumer, der, selbst wenn er wollte, nicht in der Lage wäre, die Dinge einfach mal so zu sehen, wie alle anderen sie sehen. Damit vermag er das zu tun, was Menschen oft abgeht, nämlich die wahren Konstanten von den Konventionen zu unterscheiden, und wenn ihm dann etwas begegnet, was sich zwischen diesen beiden, im Grenzland des Möglichen abspielt, macht ihn das Denken des Undenkbaren nicht handlungsunfähig.

Testflug zum Saturn spiegelt seine literarische Vorlage nur unvollkommen wieder II.

Worum geht es in „Die Verhandlung“? Pirx wird als Kommandant für eine experimentelle Raumfahrtmission zum Saturn engagiert. Nun ist zum Saturn zu fliegen – genauer gesagt: zu dessen Ringen – zu Pirx‘ Lebzeiten keine große Sache mehr. Aber mit der Mannschaft hat es eine besondere Bewandtnis: sie besteht nämlich zur Hälfte aus neuartigen Androiden, die, so versprechen es ihre Konstrukteure, nicht nur perfekte Kopien des Menschen sein, sondern ihn bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit gar um ein Vielfaches übertreffen sollen. Pirx soll mit einer gemischten Mannschaft aus Menschen und Androiden, von denen keiner die wahre Identität der anderen Mitreisenden kennt, eine Routinemission zu den Ringen des Saturn unternehmen, und darüber einen Bericht schreiben, von dem die Auftraggeber hoffen, ihn als wirksames Argument zugunsten der neuen Maschinen verwenden zu können. Es kann nicht lange dauern, bis jemand auf den Gedanken kommt, es wäre natürlich die allerbeste ‚Werbung‘ für die künstlichen Lebewesen, wenn es an Bord zu einer Notsituation käme, in welcher die Menschen versagen müssen, die Maschinen jedoch triumphieren…

Die Geschichte zieht einen nicht geringen Teil ihres Reizes daraus, dass sie zunächst in einer ganz besonderen Form erzählt wird: als Mitschnitt der Sitzung einer Untersuchungskommission nämlich, die im Nachhinein herausfinden soll, warum die Mission zu einer Katastrophe geworden ist. Der Befragte ist nicht Pirx, sondern einer der anderen überlebenden Menschen, und einer der Punkte, den die Untersuchung klären soll, ist die Frage, ob Pirx durch sein Verhalten eine Mitschuld am Verlauf der Ereignisse trägt. Erst nach zwanzig Seiten gestattet sich Lem, zu seiner gewohnten Perspektive zu kommen und den – soweit es Pirx betrifft – eigentlichen Anfang der Ereignisse zu erzählen, um dann die Erzählung in Form einer persönlichen Aufzeichnung Pirx‘ abzuschließen.

„Die Verhandlung“ ist – wie die meisten Pirx-Geschichten – die geniale Synthese einer spannenden und zugleich naturwissenschaftlich fundierten Raumfahrtgeschichte, einer philosophischen Metaebene und nicht zuletzt auch eines intellektuellen Ratespiels. Denn kaum ist Pirx mit seiner Mannschaft gestartet, erhält er irritierende Verdachtshinweise und Selbstoffenbarungen von verschiedenen Mannschaftsmitgliedern: einer kommt zu ihm, um ihm zu sagen, er sei ein Mensch. Ein zweiter kommt zu ihm und offenbart sich ihm als Androide. Ein dritter schweigt über seine Identität, ein vierter schreibt Pirx anonym – und jeder hat den ein und anderen Verdacht bezüglich seiner Kameraden, und natürlich widersprechen sich diese. Pirx ist immer noch dabei, das Puzzle zu sortieren, als die Ereignisse sich überschlagen.

III.

Die 1979 in polnisch-russischer Zusammenarbeit entstandene Verfilmung der Erzählung folgt nicht dem Aufbau der Vorlage, sondern unterwirft sich im Wesentlichen der chronologischen Konvention, zunächst die gesamte Vorgeschichte der Mission zu erzählen, dann die Mission selbst und zuletzt deren Nachbereitung in Form der Verhandlung. Das müsste den Film nicht gleich ungenießbar werden lassen, zumal ich die Hauptfigur mit Sergei Desnystsky recht angenehm besetzt finde (und ich entdecke sogar Aleksandr Kajdanovsky, den Hauptdarsteller aus „Stalker“ wieder). Allerdings vergeht recht viel Zeit mit diesem Vorgeplänkel – die Erfindung der Kunstmenschen wird gezeigt, jemand Wichtiges fliegt mit Pan Am (vermutlich eine Art capitalistic product placement; später wird auch kurz ein früher McDonald’s gezeigt), Pirx wird beim Bergsteigen vorgestellt (was manche an Captain Kirk erinnern wird), Pirx wird erklärt, warum man das Experiment macht, Pirx ist skeptisch, Pirx fährt durch die (seinerzeit futuristisch anmutenden) Röhren des Flughafens Charles de Gaulle, die man womöglich auch noch vom etwa gleich alten Alan Parsons‘ „I Robot“-Cover kennt, Pirx wird überredet, die Drahtzieher sind sich wegen Pirx nicht einig, Pirx lernt seine Mannschaft kennen, Pirx akzeptiert den Auftrag – und so tendiert der Film in der Kopfnote zu einer Behäbigkeit, die sich manchem Guckergaumen schon als Langeweile darstellen mag.

Zu irgendeinem Zeitpunkt des Drehs hat man das wohl bemerkt und daher im ersten Drittel einen Mordversuch an Pirx eingebaut, welcher das dramaturgische und für mich persönlich auch qualitative Apogäum des Filmes darstellt, denn diese Einlage hat weder mit der Vorlage noch mit den folgenden Ereignissen irgend etwas zu tun – mit der möglichen Ausnahme, auf etwas brachiale Art den zurückhaltenden Pirx als im Ernstfall unerschrockenen Kerl zu charakterisieren.

Zu seinem eigenen Glück kommt im Folgenden der Film auf seine soliden Wurzeln zurück, und je mehr er sich (bis hin zur teilweise wörtlichen Übernahme von Dialogen) auf diese Kernkompetenz besinnt, desto ausgewogener gerät die Lem-Verfilmungsmission dann im weiteren – immer noch etwas behäbig zwar, aber in einer soliden, relativ alterslosen Weise. Der nach knapp der Hälfte des Filmes endlich zelebrierte Start eröffnet nicht den Weg zu spektakulären Effekten, sondern betont bei der filmischen Umsetzung der eigentlichen Mission eher die Ungewissheit Pirx‘ und dessen selbstgestellte Aufgabe, die künstlichen von den echten Menschen zu unterscheiden. Das schafft eine durchaus wirkungsvoll paranoide und das Original würdigende Atmosphäre, wenn es auch nicht ansatzweise die Intensität von Tarkovskis „Solaris“ erreicht.

Ob der eigentliche dramatische Höhepunkt ohne die Kenntnis der Originalgeschichte verständlich ist? Ich glaube es ja eher nicht, aber immerhin wird das zwei Minuten später erklärt – besser als nichts.

Die abschließend gezeigte Untersuchung durch das Raumfahrttribunal verliert zwangsläufig durch die Notwendigkeit der Kürzung an Intensität. Dabei schreibt Lem  – insbesondere in den Pirx-Erzählungen – zuweilen Dialoge, wie sie sich ein Regisseur eigentlich nur wünschen kann: exakt und pointiert, nicht zu ausladend und doch an jede der verschiedenen Ebenen der Erzählung anknüpfend. Hätte man sich hier getraut, auf den aufgepropften Mordversuch zu Beginn zugunsten einer stärkeren Anlehnung an die Dialoge der Vorlage zu verzichten – es wäre, finde ich, sehr wahrscheinlich ein spannungsvollerer und besserer Film geworden.

Immerhin möchte ich dem Regisseur Marek Piestrak – der vier Jahre früher bereits die Kriminalerzählung „Die Untersuchung“ von Lem verfilmt hatte – einen Achtungserfolg bescheinigen. Er hat aus der Vorlage nicht das herausgeholt, was bei etwas mehr Konsequenz und größerem Vertrauen in die Eigendynamik der Quelle möglich gewesen wäre, aber von einem völlig vergorenen Ergebnis mag ich auch nicht sprechen. An einer Stelle hat er der Versuchung des dramaturgischen Panschens nicht ganz widerstehen können, aber er hat auch sehr vieles richtig gemacht: das betrifft die Rollenbesetzung ebenso wie die gelungene atmosphärische Verdichtung des Zusammenseins der Mannschaft an Bord des Raumschiffes. Es gelingt Piestrak, seine Charaktere mit geringem Aufwand für den Betrachter präsent werden zu lassen und die Perspektive von Pirx – seine Gedankengänge und Zweifel – stets nachvollziehbar zu machen, und das fast ganz ohne die Zuhilfenahme stets anstrengender Kunstgriffe wie aus dem Off kommende innere Monologe.

Überrascht war ich, nebenbei bemerkt, noch vom Urheber des Soundtracks – immerhin handelt es sich dabei um den Estländer Arvo Pärt, einer der großen Namen der zeitgenössischen E-Musik, wenngleich man das diesem nur kurzstreckenweise originellen, zuweilen jedoch auch einfach nur drolligen Score (ich verweise auf den pseudofuturistischen Disco-Tanz in der 40. Minute) im Endeffekt nicht anmerkt. Das war wohl schlicht nicht Herrn Pärts Baustelle und ist auch nachbarplanetenweit von seinen lyrischen und liturgischen Gelungenheiten entfernt.

Alles in allem: eine süffige anderthalbstündige Abfüllung aus dem Hause Piestrak, die auf die Früchte der besten erzählerischen Hanglage zurückgreifen kann. Zwar hat die Filmverkelterung das unverwechselbare intellektuelle und narrative Aroma der Erzählung nur mit Verlust ins Guckmediale zu übertragen vermocht, aber an einem lauen Abend kann der Lem-Enthusiast dennoch seinen wohltemperierten Spaß mit dem Stöffchen haben.