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Enterprise revisited: Star Trek auf der Spur

Leonie findet: Die Leidenschaft für Star Trek kann eine gute Basis für höhere akademische Weihen sein – Filmwissenschaftler Andreas Rauscher (den wir jüngst interviewt haben) hat einen langen Blick auf das Star-Trek-Universum geworfen und an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz eine Doktorarbeit über die Serie verfasst. Die Ergebnisse seiner Forschung sind als Buch unter dem Titel „Das Phänomen Star Trek – Virtuelle Räume und metaphorische Weiten“ erschienen und bieten eine lesenswerte filmwissenschaftliche Analyse der Serie, die seit Jahrzehnten Fans in ihren Bann zieht.

„SF-Trash in bester B-Picture-Tradition und intellektuelle Politallegorien liegen im Star-Trek-Kosmos nur wenige Lichtjahre auseinander“,

stellt Rauscher schon in der Einleitung seiner Analyse fest. Denn die Schauplätze von Star Trek befinden sich zwar meistens in Welten, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Doch die Geschichten der Serie spiegeln immer auch die gesellschaftliche Wirklichkeit und ihre Konflikte der vergangenen vierzig Jahre wie Rassentrennung oder Kriege wieder. Auf der anderen Seite ist Star Trek zum festen Bestandteil der Popkultur geworden und damit selbst ein Teil der Zeitgeschichte.

Rauscher untersucht in seiner Doktorarbeit die Entwicklung der Ästhetik und der Inhalte von Star Trek seit der Original Series bis hin zu Deep Space Nine. Dabei arbeitet er zentrale Star-Trek-Thematiken wie Multi-Kulturalismus, Zeitreisen oder die immer wiederkehrenden Bezüge auf die eigene Serienvergangenheit heraus und widmet Star-Trek-Charakteren wie Mr. Spock, Q oder Captain Picard eigene Kapitel. Andererseits ordnet der Autor Star Trek in einen größeren (pop-)kulturellen Zusammenhang ein und identifiziert die Serie als „Mythenpatchwork“ und Genre-Crossover. So ist der Android Data für Rauscher eine „synthetische Figur“ im doppelten Sinne, da sie diverse Eigenschaften von Charakteren aus Film und Literatur, u. a. Frankenstein, Pinocchio, den Tin Man aus „The Wizard of Oz“, C3PO aus Star Wars und Mr. Spock in sich vereint. Die Funktion der Serie als Genre-Crossover zeigt sich besonders deutlich in dem Element des Holodecks, auf dem die Charaktere Abenteuer als Detektive, Westernhelden oder Agenten erleben.

Rauschers Buch ist nicht nur eine wissenschaftlich-fundierte Analyse, sondern auch eine amüsante Reise durch den Star-Trek-Kosmos, nicht zuletzt durch zahlreiche kleine Anekdoten rund um die Produktion der Serie. Und bei aller Faszination für Star Trek schlägt der Autor durchaus auch mal kritische Töne an, beispielsweise wenn es um die (häufig sexistische) Darstellung weiblicher Charaktere in der Original Series geht. Die Serien Raumschiff Voyager und Enterprise untersucht Rauscher nur am Rande (das Buch erschien im Jahr 2003). Dennoch ist „Das Phänomen Star Trek“ ein wirklich empfehlenswertes Buch für alle Fans, die einen neuen Blick auf „ihre“ Serie wagen wollen.

Andreas Rauscher
Das Phänomen Star Trek – Virtuelle Räume und metaphorische Weiten
352 Seiten
Ventil Verlag; 1. Auflage (Mai 2003)
ISBN-10: 3930559986
ISBN-13: 978-3930559985