Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Big Data? Big Brother! Datenzombies für den Informationskapitalismus

Foto: Bugeater CC BY 2.0


Der Untertitel sagt eigentlich schon alles – nur wer die erschreckenden Details genau erläutert haben möchte, sollte weiter lesen. Er wird nach der Lektüre die (digitale) Welt mit anderen Augen sehen. Yvonne Hofstetter infiziert den Leser mit einem (Computer-) Virus, der schwer zu bekämpfen sein wird – falls man das überhaupt möchte, denn ihre Darstellung ist treffend und überzeugend.
Schon auf den ersten Seiten wird sie deutlich und hält uns den digitalen Spiegel vors Gesicht.

„Trotz der Enthüllungen Edward Snowdens entblößen wir uns unbekümmert weiter. Doch wir werden dabei abgehört. Online einkaufen, chatten, skypen, emailen ist zum Spießrutenlauf geworden. Ausnahmslos alles, was wir unseren elektronischen Helferlein anvertrauen, erzählen sie weiter. An den Handel, die Industrie und die Geheimdienste. Wir sind nicht nur vollkommen gläsern geworden, wir haben uns erpressbar und manipulierbar gemacht. Wir sind anfällig geworden für Beutelschneider, für Kriminelle, für Umstürzler. Nicht nur jeder Einzelne von uns, sondern unsere gesamte freiheitlich-demokratische Gesellschaft. Wenn du mit deinem Gadget spielst, spielst du mit dem Feuer. Du vertraust jedem und gibst alles – und setzt damit alles aufs Spiel.“

Mit freundl. Genehmigung von C. Bertelsmann Verlag

Mit freundl. Genehmigung von C. Bertelsmann Verlag

„Alles“, damit meint Yvonne Hofstetter nicht nur die individuelle Freiheit in Form von persönlichen Daten, sie meint auch die kollektive Freiheit und malt so das Menetekel einer Bedrohung der Demokratie an die Wand. Das scheint dem digitalen Normalo doch ziemlich stark aufgetragen zu sein. Doch, Yvonne Hofstetter weiß, wovon sie spricht; immerhin arbeitete sie in einem US-amerikanischen Unternehmen für das algorithmische Supply Chain Management und sie führt seit 2009 das deutsche Teramark Technologies. Arbeitsschwerpunkt: Fusion und Analyse großer Datenmengen für Staat und Industrie.

Und da haben wir schon alle wichtigen Stichworte zusammen, die für sie das anbrechende neue Zeitalter beschreiben. Big Data, also große Datenmengen, die mittels spezieller Software und künstlicher Intelligenz analysiert und – besonders wichtig – fusioniert, also zusammengeführt werden. Das Ziel: Systematisch und gezielt den Einzelnen noch besser kennen zu lernen und so effiziente Verkaufsstrategien zu entwickeln.

„Denn zum ersten Mal unterliegt die Datenerhebung, besonders in Bezug auf Bürger und Konsumenten, keinerlei Einschränkung mehr, was wiederum zu einem Rückkoppelungseffekt in Bezug auf die Modelle führt: Je mehr Daten über uns und die Welt verfügbar sind, desto feingranularer und präziser können Modelle formuliert werden, bis sie uns immer besser erklären, uns besser ‚verstehen‘ können und schließlich schneller wissen als wir selbst, was wir demnächst wünschen, tun oder denken werden.“

Dahinter steht zuallererst kapitalische Gewinnsucht. Hofstetter schlüsselt detailliert die problematischen Verästelungen des aktuellen High-Speed-Börsenhandels auf und zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, daß einerseits hochspezailisierte Computer ohne menschliches Zutun den Handel mit Aktien in Bruchteilen von Millisekunden abwickeln und daß andererseits die Politik die Problematik nur ansatzweise erkannt hat. Da die Politiker kaum oder zumeist gar keine Ahnung von Algorithmen oder gar der Bayes’schen Statistik haben, können sie folglich keine sachgerechten Entscheidungen oder adäquate Gesetze formulieren. (Zur Bayes’schen Statistik bitte bei Wikipedia nachschauen – eine Erläuterung wäre zu umfangreich …) Und so können die Fondsmanager munter weiter so tun, als habe es niemals eine Finanzkrise gegeben.

Wenn es dabei bliebe, wäre es schlimm genug, doch nun – so Hofstetter – beginnt eine neue Ära, die des Informationskapitalismus. Und Ziel der Big Data-Analysten sind wir, die Konsumenten. Unsere Reaktion ist kläglich:

„Sechzehn Millionen deutsche E-Mail-Konten gehackt? Kein Problem, solange es mich nicht selbst betrifft. Virenscanner, Firewall? Wozu, solange mein Gehaltskonto noch nicht abgeräumt ist. Das sei heute so, ein Fakt, eine unumstößliche Realität des Informationszeitalters: Überwachung, Aushebelung von Bürgerrechten, erhöhte Vulnerabilität von Politik, Industrie und jedem einzelnen Konsumenten; mit all dem müsse man sich eben abfinden, hört man allenthalben und erschrickt ob der Naivität und Gleichgültigkeit der vernetzten Nation.“

Diese Gleichgültigkeit, gepaart mit dem Spaß an immer neuen Spielsachen wie Handys, Tablets usw. führt dazu, daß der einzelne seine Würde verspielt, meint Hofstetter. Denn wer kann sich in die Datenabstinenz begeben und ernsthaft eine Karriere anstreben? Und wer will nicht Geld sparen, zum Beispiel bei der Autoversicherung, wenn man weniger zahlt, wenn man sein Fahrverhalten per Telematik überwachen läßt? Das würden europaweit zwei Drittel aller Autofahrer tun, wenn ihre Prämien dadurch sinken würden.

„Und was widerfährt dem einzelnen Überwachungsverweigerer? Wer sich nicht mit Telematiktarifen einverstanden erklärt, gerät direkt unter Generalverdacht, der die Unschuldsvermutung selbst für einen unbescholtenen Menschen aufhebt. Die Versicherungswirtschaft wird argwöhnisch: … Wenn sie daraufhin seine Prämie erhöht, ist das genau die Diskriminierung, die der Freiheitsbeschränkung folgt. … Vertrauen wird ersetzt durch das Urteil einer Maschine, und dreißig Jahre unfallfreies Fahren sind nicht mehr der Rede wert.“

Mit anderen Worten: Selbst wenn man wollte, kann man sich Big Data schwerlich widersetzen, die Informationen über persönliches Verhalten werden buchstäblich zum Kapital.
Andererseits stammen gerade diese Daten von einem Individuum, das die Quelle dieser Daten ist.

„Persönliche Daten tragen eine personale Würde in sich, die ihnen einen ethischen Wert verleihen.“

So gesehen wird Datenschutz zum Schutz des Individuums. Folglich stellt Hofstetter in einem „Update der Gesellschaft“ zehn Grundforderungen auf, u.a. seien Grundrechte für Datensubjekte zu schaffen. Aber auch ziviler Widerstand sei angebracht, Privatsphäre muß gefordert und geschützt werden. Für die Autorin hilft da nur eines: Demokratie. Und eben diese wird von den Big Data-Brothern als überholt dargestellt. Warum wohl?

„Die Vernetzung ist es, die aus dem neuen Gut des Informationskapitalismus, den Daten, jenen virtuellen Zombie – das Ganze – hervorbringt, der mehr ist als nur die Summe seiner Einzelteile. Diese digitale Beobachtung und Berechnung des Menschen wird eine neue Gesellschaftsform hervorbringen: die Kontrollgesellschaft. … Kontrolle wird zur Normalität.“

Konkret: Die intelligenten Maschinen sammeln Daten über uns, fügen sie zusammen und schaffen so ein Abbild von uns, einen Zombie, und der wird zur Beurteilung und Bewertung unserer Person herangezogen – unabhängig von unserer eigentlichen Realität. Eine düstere Prognose, formuliert von einer Insiderin, die weiß, was läuft. Ihr Buch ist keine leichte Kost, teilweise redundant, aber durch die kenntnisreiche Schilderung nie langweilig. Ich hatte ein Bild vor Augen: Hier sitzt jemand in einem Fahrzeug, weiß genau, welchen fatalen Kurs es steuert, läuft von einem Mitfahrer zum anderen, rüttelt ihn und schreit ihn an, endlich von seinem Smartphone aufzublicken und vereint dem Fahrer ins Lenkrad zu fallen.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: PJ Klein/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Das Beitragsbild von Bugeater steht unter der Creative Commons-Lizenz BY 2.0