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„Silent running“: Chronik eines hilflosen Amoks

The Future … revisited! schoener-denken entkorkt alte Jahrgangs-SF und testet die Nachhaltigkeit des Bouquets wiederveröffentlichter alter Science Fiction-Filme. Hendrik gönnt sich heute ein schönes altes SF-Filmtröpfchen: Silent Running von Douglas Trumbull, Jahrgang 1972

I.

Silent Running Lautlos im WeltraumManchmal muss man sich einfach mal was Gutes gönnen. Vielleicht hat die von uns einhellig gelobte SF-Produktion Moon mich daran erinnert, dass ich da noch was ehrenvoll Angestaubtes im Würdigungsregal liegen habe, gleich links auf dem Stapel der noch ungeöffneten Bildabfüllungen, die meine nächsten Augentränke darstellen sollen. Und so wische ich reichlich metaphorischen Staub vom Etikett und öffne den mittlerweile 38 Jahre alten SF-Film Silent Running von Douglas Trumbull, der in Deutschland unter dem Titel Lautlos im Weltraum erschien.

Der Botaniker Freeman Lowell arbeitet an Bord des Weltraumfrachters Valley Forge daran, die letzten Bäume der Welt in großen Glaskuppeln fern der verseuchten Erde am Leben zu erhalten. Seine Kollegen, allesamt eher unsensible Machotypen, wollen einfach nur ihre Schicht überstehen, er dagegen liebt die Natur. Als die Durchsage kommt –

„Wir haben eben Befehl erhalten, alle Wälder aufzugeben, sie nuklear zu vernichten und unsere Raumschiffe wieder kommerzieller Verwendung zuzuführen.“

– ist Lowell der einzige, dem klar wird, was die Menschen damit wegwerfen. Und er begreift, dass er gar nicht anders kann, als sich der Umsetzung dieser Order mit allen Mitteln zu widersetzen …

II.

Ich gestehe offen, dass ich Silent Running nicht völlig unvoreingenommen betrachten kann, obwohl es eigentlich keiner meiner Lieblingsfilme ist. Es ist jedoch einer der allerersten SF-Filme, die ich überhaupt erinnere (gemeinsam, glaube ich, mit Soylent Green und Westworld), spät nachts allein im Dritten Programm geguckt, was meine Eltern wohl erlaubten, weil ich dafür – mit Ausnahme der mit ganzem Körpereinsatz ertrotzten wöchentlichen Bugs Bunny- und Raumschiff Enterprise-Sitzungen – sonst kaum Interesse am Fernsehen zeigte. Das ist ein Bonus, den ein Film so schnell nicht wieder los wird.

Dabei hat der Film gar nicht mal wenige Schwächen. Freeman (der ‚freie Mann‘) Lowell wird zu Beginn fast schmerzhaft überdeutlich als häschenstreichelnder, naturliebender Franz von Assisi im All inszeniert, und so haben die ersten zehn Minuten dieses Filmgetränks – besonders aus heutiger Perspektive – durchaus etwas Messweinartiges. Lowells Kollegen sind ebenso plakativ als eindimensionale Klischeerauhbeine angelegt, und so sind die interessantesten Charaktere eigentlich die heizlüfterförmigen Roboter (in deren Hüllen übrigens tatsächlich Akteure steckten). Wo die Grundidee der Bewahrung der irdischen Fauna in Raumschiffkuppeln bereits kränkelt, versagt Lowell als Botaniker völlig, weil er erst quälende zehn Minuten nach dem ZDF (dem Zimmerpflanzenfeindlichst Denkbaren Filmbetrachter) begreift, dass seine Gewächse mit zunehmender Entfernung von der Sonne schlicht langsam an Lichtmangel eingehen müssen.

Auf der Plusseite ist der Film ganz wunderbar liebevoll inszeniert, bis hin zu so genialen Kleinigkeiten wie einem Roboter, der, darauf wartend, dass Lowell seine Neuprogrammierung abschließt, gedankenverloren mit den Füßen tappt. Die Figur Lowells erfährt ihre eigene spannungsreiche Brechung, als der Botaniker zur Verteidigung seiner geliebten Pflanzen nicht nur zum Verbrecher werden muss, sondern er darüber hinaus auch angewiesen bleibt auf die kalte Technologie, die er so verachtet, und ohne die doch weder er noch sein Wald überleben können.

Bruce Dern (im Deutschen gesprochen von Christian Brückner) spielte hier eine frühe von vielen Glanzrollen, zwischen denen er sein Talent aber auch schonmal in B- und C-Produktionen verheizte. Effektespezialist Douglas Trumbull lieferte ein einsames Glanzlicht seines Regiekönnens, bevor er nach nur einem weiteren – weitestgehend vergessenen – Film namens Projekt Brainstorm diesen Stuhl anderen überließ und sich der gekonnten visuellen Ausgestaltung u.a. von Unheimliche Begegnung der Dritten Art und Blade Runner widmete. Tricktechnisch und bildatmosphärisch ist Silent Running trotz eines damals bereits vergleichsweise lächerlichen Budgets von nicht einmal 2 Mio. US-Dollar für seine Zeit unbestreitbar wegweisend.

An Silent Running wird in vielen Artikeln gelobt, es sei eigentlich der SF-Film gewesen, der das Gewissen des Menschen erstmals im Genre etabliert habe, das Bewusstsein dafür, dass der Mensch auch im All vor allem erst einmal Mensch ist und das Verlassen des Erdorbits keineswegs einen automatischen ethischen Quantensprung bewirken werde. Der Ansicht kann ich mich nicht anschließen, denn im Grunde hatte u.a. auch Alarm im Weltall (Forbidden Planet) über 20 Jahre zuvor einen sehr ähnlichen Gedanken etabliert, wenn sich jener Film auch psychologisch versöhnlicher gibt, indem er das Böse ins Unterbewusste und Archaische verschiebt. Im Gegensatz dazu weiß man in Silent Running sehr genau, dass die politisch etablierte blinde egoistische Raffgier die Wurzel allen Übels ist.

III.

Silent Running erweist sich als ein stiller Klassiker, den man – unter Vorbehalt – auch heute noch unverschnitten durchaus genießen kann trotz seiner melancholischen Basisnote, die er auch im Abgang nicht verliert. Und es ist ein wichtiger Film: Denn es ist zugleich erstaunlich, wie viele neuere SF-Filme guter Machart plötzlich nicht mehr denkbar scheinen, wenn man sich vorstellt, Silent Running habe es nie gegeben – aktuell nur pausierend bei dem dramaturgisch qualitativ ähnlich entspannt-gelungenen Ein-Mann-Abenteuer Moon bis hin zu Wall-E, dem Lowells Roboter Huey und Dewey absolut unverzichtbare Ahnen sind. Auch Unheimliche Begegnung der Dritten Art und 2010 haben hier starke Wurzeln.

Es ist dabei bei allem Pessimismus und aller anarchischen Wut ein Film mit einer klaren Hoffnungsbotschaft:

„Glaubst du nicht, dass es Zeit wird, dass mal wieder einer Interesse an einem Traum hat?“

Das fragt Lowell seine spöttischen Kollegen zu Beginn des Films. Und obwohl sein eigener Traum dem Verderben geweiht ist, gibt zuletzt das Bild eines Roboters, der mit einem verbeulten Blechgießkännchen bewaffnet einsam über das ökologische Erbe der Erde wacht, während die Glaskuppel, die das Ganze enthält, einer in den Pazifik geworfenen Flaschenpost gleich ins Nichts entschwebt, eine nachhaltige und zärtliche Aufforderung ab, mit verstärkter Kraft zu träumen, um es soweit niemals kommen zu lassen. Joan Baez‘ Gewissenssopran unterstreicht diese kräftiggrün gepinselte Botschaft, und eigentlich könnten sie dazu auch gleich Mitgliedsanträge für Greenpeace verteilen.

Der Film ist – und deswegen der obige Vorbehalt – überdeutlich Ausdruck des Lebensgefühls einer bestimmten Generation. Das stellt eine Stärke und zugleich eine Schwäche dar, denn wer nicht zumindest für 81 Minuten dieses herbe Aroma abgeklärten Hippietums und erwachenden, noch naiv formulierten Ökologiebewusstseins zu akzeptieren bereit ist, wird Silent Running wohl nur bedingt genießen können.

Für mich persönlich überwiegt zuletzt trotz aller solcher Vorbehalte die Freude an einem offensichtlich von Könnern für Kenner vor langer Zeit produzierten und gut durchdachten und gelungenen Film. Es ist u.a. dieser Filmeindruck gewesen, der meine große Liebe zur Phantastik mitbegründet hat, und ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Ich habe entsprechend Manschetten davor, auch dieser Film könnte eines Tages in Form eines actionverlorenen sinnesbetäubenden Remakes exhumiert und verunglimpft werden. Aber vermutlich habe ich diese Angst umsonst, denn die Ökobotschaft unserer Zeit wurde mit Avatar bereits adäquat zelebriert. Und daher ist es mir absolut nicht peinlich, mich hier als altmodisch zu erweisen und den Klassiker zu ordern.

Quelle: Hendrik Schulthe/SchönerDenken