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Wie eine Ente, die Gänseeier ausgebrütet hat

Prof. Pu empfiehlt: „Wovon wir träumten“ von Julie Otsuka

Prof. Pu

In diesen Roman war ich von der ersten Zeile an verliebt. Eines der Bücher, das man sofort in einem Atemzug durchlesen will und gleichzeitig aufsparen, damit es länger bei einem bleibt. Julie Otsuka erzählt die Geschichte von jungen Japanerinnen, die Anfang  des 20. Jahrhunderts per Schiff in die USA reisen, um dort ihre angeblich gutsituierten Landsmänner zu heiraten. Männer, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen.

Das Erste, was wir auf dem Schiff machten – bevor wir beschlossen, wen wir mochten und wen nicht, bevor wir einander erzählten, von welcher Insel wir kamen und warum wir weggingen, bevor wir uns bemühten, die Namen der anderen zu lernen -, war, die Fotos unserer Ehemänner zu vergleichen. Es waren gut aussehende junge Männer mit dunklen Augen und vollem Haar und glatter, makelloser Haut.

Doch die Männer, die erwartungsvoll am Pier stehen, haben nichts mit denen auf den Fotos zu tun. Niemand hat die ahnungslosen jungen Frauen gewarnt.

Dass die Fotos, die man uns geschickt hatte, zwanzig Jahre alt waren. Dass die Briefe, die man uns geschrieben hatte, von Menschen geschrieben wurden, die nicht unsere Männer waren, sondern professionelle Leute mit schöner Handschrift, deren Beruf es war, Lügen zu erzählen und Herzen zu erobern.


Mit freundl. Genehmigung des mare-VerlagsEs bleibt nicht bei dieser ersten Enttäuschung. Es beginnt ein hartes, liebloses und entbehrungsreiches Leben an der Seite von armen Wanderarbeitern, unter despotischen Farmbesitzern, die die Japaner zu schätzen wissen, sind sie doch die anspruchslosesten und diszipliniertesten Arbeiter unter den Emigranten. Doch hätten die jungen Frauen geahnt, was sie in Amerika erwartet, sie wären nie ausgewandert. Dazu der tägliche Rassismus. Abweisend, grausam, riesig und laut  kommen ihnen die Amerikaner vor. Doch heimlich bewundern sie die amerikanischen Frauen, wünschen sich zu sein wie sie. Sie arbeiten als Hausmädchen, Wäscherinnen, Putzfrauen und arrangieren sich damit, nie wieder nach Japan zurückkehren zu können. Eine Frauen-Generation voller Traurigkeit. Sie bekommen Kinder, die sich heranwachsend für ihre Eltern schämen, ihre japanischen Namen anglisieren.

Bald erkannten wir sie kaum wieder. Sie waren größer als wir und schwerer. Sie waren unglaublich laut. Ich fühle mich wie eine Ente, die Gänseeier ausgebrütet hat.

Man lebt unter sich in den „J-Towns“, hat sich arrangiert, aber nie aufgehört zu träumen. Von einem besseren Leben oder davon, nur einmal noch die Mutter wiederzusehen. Bis 1941 der Krieg gegen Japan ausbricht. Gerüchte beginnen zu kursieren. Männer werden abgeholt, verschwinden. Die meisten denken wie der Mensch in solchen Situationen eben neigt zu denken, ob als Jude im NS-Deutschland, ob als Deutscher im Partisanen-Jugoslawien oder Armenier: Ich habe niemandem etwas getan, was soll passieren, warum wir?

Das letzte Kapitel des Buches spricht nicht mehr wie ein kollektives Ich der Japanerinnen, es wechselt in die Perspektive der Amerikaner, die das Verschwinden bemerken und gleichzeitig ignorieren. Die es nicht so genau wissen wollen, sich selbst täuschen, trotz der sichtbaren „Anordnungen für alle Personen japanischer Herkunft“ an den Telefonmasten, man kennt dieses Verhalten …

Wir fragen uns, ob nicht irgendwie alles unsere Schuld war. Vielleicht hätten wir beim Bürgermeister eine Petition einreichen sollen. Beim Gouverneur. Beim Präsidenten selbst. Bitte schicken Sie sie nicht weg. Oder vielleicht hätten wir einfach bei ihnen anklopfen sollen und unsere Hilfe anbieten sollen.

120.000 Menschen japanischer Herkunft wurden als „Enemy Aliens“ aus den östlichen Pazifik-Anrainerstaaten, wie zum Beispiel Kalifornien,  interniert und zwangsumgesiedelt. Auch die mit amerikanischer Staatsbürgerschaft.  Erst 1992 bat George Bush öffentlich um Entschuldigung.

Ein zauberhaft-poetisches Buch über einen gar nicht traumhaften Teil der US-amerikanischen Geschichte. Ganz besonders fasziniert Otsuka mit ihrer Erzählweise, wie sie die vielen Einzelschicksale zu einer kollektiven Biographie dieser Frauen verwebt. Auch wenn sie das Buch auf Amerikanisch verfasst hat und ich des Japanischen keineswegs mächtig bin, die japanische Sprachkunst schimmert zwischen den Zeilen. Mein Kompliment auch an die Übersetzerin Katja Scholtz.

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Julie Otsuka
Wovon wir träumten
Übers. von Katja Scholtz
mareverlag € 18.-
978-3-86648-179-4