Podcast zwischen Kirk und Kafka

„Avatar“: Die blaue Blume von Pandora

Die üblichen Verdächtigen kommen aus „Avatar“ und sind (trotz eisiger Temperaturen) bester Laune:

Die Romantik träumt von der Heilung der Welt, von einer Versöhnung der Gegensätze, von Wissen und Natur, sie flieht vor Städten und Maschinen in den Mystizismus der Wälder und in das einfache Leben – und das Symbol dieses Traumes war für die Romantiker die „blaue Blume“. Die Romantik hat ihren Niederschlag unter anderem in der Umweltschutzbewegung gefunden – und bei James Cameron. Er gibt vor die Zukunft zu zeigen und zeigt in Wirklichkeit eine größere, blauere, aufregendere Version der Gegenwart. Cameron führt uns unsere reale, rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen auf Kosten der Natur und der Naturvölker durch Konzerne vor, wie sie tägliche Wirklichkeit in Südamerika ist.

In Camerons Zukunftsvision sind die Rohstoffe noch viel wertvoller und die edlen Wilden viel edler, blauer und stärker, als wir uns hätten vorstellen können. Und hier ist die Verschmelzung der Menschen mit der Natur nicht nur eine religiöse Angelegenheit sondern eine biologische Realität: Auf Pandora sind alle Lebewesen Teil eines planetenweiten, neuronalen Netzwerks. Das hindert natürlich den Konzern und die beauftragte Sicherheitsfirma nicht daran, die störenden Ureinwohner (und „Besitzer“ des Planeten und seiner Rohstoffe) und den im Weg befindlichen Dschungel mit Brandbomben zu beseitigen.

Wir erleben den Konflikt zwischen uns und Pandoras Ureinwohnern aus der Perspektive des einfachen Marines Jake Sully, der am Beginn des Filmes die Augen aufschlägt und eine für ihn trostlose Welt sieht – er ist querschnittsgelähmt, sein Bruder verstorben. Sully übernimmt dessen Platz auf Pandora und steuert mit seinem Gehirn einen Körper, der aus Na’vi-Genen gezüchtet worden war. Und entdeckt eine unglaubliche Welt. Wenn er am Ende des Films die Augen aufschlägt, wird sich für ihn alles verändert haben.

Die Na’vi auf Pandora wehren sich und so erleben die amerikanischen Söldner im zweiten Teil des Films ihr blaues Wunder. Dabei bedient sich Cameron natürlich wieder – wie auch in „Aliens“ – der üblichen Klischeevorstellungen von bösen/dummen Militärs und gierigen Geschäftemachern auf der einen Seite und naiven, edlen Wilden auf der anderen Seite, die in Harmonie mit ihrer (diesmal real existierenden) Mutter Erde leben. Dabei wird natürlich eine simple Story mit dickem Pinsel schwarzweiß gemalt (naja eher olivgrünmetalschwarz gegen blaubuntfluoriszierend). Soll man Cameron vorwerfen, dass er keinen Politthriller aus dem Stoff gemacht hat sondern eine Mischung aus „Der mit dem Wolf tanzt“ und „Braveheart“ mit einer Prise Esoterik-Ethnokitsch und Pocahontas? Ich finde nicht. Er hat einem populären, großen Kinoabenteuer einen ernsthaften Subtext gegeben. Das reicht.

Und bei Lichte betrachtet (vor allem durch eine 3-D-Brille) kommt man kaum noch zum Denken, weil man drei Stunden lang die Augen aufreisst in dieser wunderbaren Dschungelwelt auf Pandora mit seinen atemberaubenden Tieren, den überirdisch-schönen Pflanzen, den Sprüngen, dem Fliegen und überhaupt diesen drei Meter großen blauen Indianern mit ihren katzenartigen Bewegungen. Cameron gelingt eine unglaubliche Verschmelzung von digitalen Effekten, im computer umgesetzten Visionen und realen Elementen. Besser als sie jemals einem anderen Regisseur gelungen ist, besser selbst als den bisherigen Großmeistern des Fantasy-Kinos wie Peter Jackson, Guillermo del Toro und Joss Whedon. Insofern ist „Avatar“ ein Meilenstein des populären Kinos.

Aber auch daran habe ich im Kino keinen Gedanken verschwendet, weil es mir zwischendurch den Atem verschlagen hat, wenn im dreidimensionalen Kino der Blick über Abgründe geht und in dieser gleichzeitig so realen und so naiven Welt Pathos, Trauer und Begeisterung mit einem durchgehen, dass mir die Tränen nur so gegen die 3-D-Brille klatschten. An einem Streit, ob Cameron da jetzt „nur“ technisch ein Meisterwerk abgeliefert habe oder es sich auch „sonst“ um einen großartigen Film handelt, will ich mich gar nicht beteiligen. Wenn man drei Stunden lang soviel gestaunt, gelacht, mitgezittert und geweint hat, dann ist einem das schlicht egal.

Hier der Bericht vom zweiten Avatarbesuch – diesmal in 2D.
Und hier ein Gespräch mit einem, der 30 Jahre Kinopause mit Avatar 3D beendet.

Andere Meinungen

Christian verteidigt Cameron:

James Cameron ist ein Film gelungen, der obschon einfach gestrickt, sehr wohl berühren kann. Es reicht eben manchmal doch, wenn Filme einfach wunderschön aussehen, denn die glänzende Oberfläche birgt in diesem Fall mehr, als allein mit den Augen wahrzunehmen ist.

Michael Sennhauser entdeckt die Parallelen zwischen Old Shatterhand und Jake Sully | Florian über Cameron, den König der Welt:

„Zwar ist Camerons neuer Film nicht die Kröne der digitalen Schöpfung, aber er ist eine Station auf dem Weg dorthin. Und James Cameron selbst hat erreicht, was er wollte. Er sitzt wieder auf seinem Thron. Wie lange, bleibt offen.“

Peter Körte nennt die Schwächen … und die Stärken:

„Ein Seeleningenieur wie Cameron jedoch schafft es immer wieder, dass man all das vergisst: das Gestell auf der Nase, das klappernde Skelett der Story, die Holzschnitttechnik beim Clash der Kulturen; und einfach nur staunt: über diesen uralten magischen Effekt des Kinos, der die Leinwand zum Fenster zu einer anderen, nie gesehenen Welt werden lässt.“

Tobias Moorstedt erklärt die revolutionäre Technik:

„Immer dann, wenn James Cameron bei den Dreharbeiten die „virtuelle Kamera“ einschaltete, die aussieht wie eine Mischung aus Radarpistole und Videospiel-Controller, verwandelte sich die graue, leere Umgebung der Halle in eine fremde Science-Fiction-Welt. Auf dem Monitor sahen Cameron und sein Kamera-Operator nicht länger die Wirklichkeit, sondern schwebende Berge und einen dichten Dschungel. Und an Stelle der Schauspieler standen nun die drei Meter großen Avatare im Raum.“

Carsten Baumgardt meint:

„Dieses optisch bahnbrechende Werk ist ein Anfang in einer neuen Realität des Filmemachens. Möglicherweise obliegt es aber Regisseuren wie Peter Jackson oder Steven Spielberg, diese Steilvorlage Camerons in Zukunft zu nutzen und einer perfekten Optik auch noch eine faszinierende Geschichte hinzuzufügen – Interesse am Drehen in diesem neuen Stil haben jedenfalls beide schon bekundet …“

Der Abspannsitzenbleiber ist überwiegend enttäuscht. Noch mehr Kritiken bei film-zeit und moviepilot.

Quelle: Thomas Laufersweiler/SchönerDenken

2 Kommentare zu “„Avatar“: Die blaue Blume von Pandora”

  1. Diane

    Danke für die schöne Filmkritik!

    Ihr schreibt, die rücksichtslose Ausbeutung von Bodenschätzen auf Kosten der Natur und der Naturvölker durch Konzerne sei tägliche Wirklichkeit in Südamerika. Richtig. Und sie ist tägliche Wirklichkeit auch an vielen anderen Orten auf dieser Erde:

    Die Dongria Kondh in Indien verehren den Gipfel des Niyamgiri-Berges. Weil dort Eisenerz vorkommt, plant die britische Bergbaugesellschaft Vedanta Resources den Abbau des Erzes. Eine Raffinerie steht schon, und unter Androhung von Gewalt mussten die Ureinwohner ihre Dörfer räumen.

    Botswanas Buschleute aus dem aus dem Central Kalahari Game Reservat wurden in drei großen „Räumgsaktionen“ in den Jahren 1997, 2002 und 2005 vertrieben: Auf dem Reservatsgebiet wurden Diamanten entdeckt.

    Die Sámi in Norwegen, Schweden, Finnland und auf der russischen Kola-Halbinsel lebten ursprünglich als Nomaden, später züchteten sie Rentiere. Norwegen erlaubte einer multinationalen Bergbaugesellschaft, istorisches Sámi-Territorium auszubeuten. Finnland rodet die Wälder Lapplands, Heimat der Sámi. An Toruisten udn Investoren verkaufte Russland Sámi-Jagd- und Fischgründe. Auf Sámi-Territorien werden Fabriken, Kraftwerke und Militärbasen errichtet. 1999 hat Russland die Sámi überhaupt als Ureinwohner anerkannt. Erst 2002 hat Schweden die samischen Sprachen als zusätzliche Landessprachen anerkannt. 2003 vereinbarte die EU mit Norwegen, die Bodenschätze der Finnmark zu verwerten – allerdings ohne Beteiligung der Sámi.

    Die Beispiele sollen zeigen: „Indianer“ gibt es nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent. Viele Ureinwohner anderer Kontinente haben es – sofern das überhaupt möglich ist – noch schwerer, weil viele Menschen von ihrer Existenz nicht einmal wissen.

    Diane

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