Thomas liest „Ewigkeit“ („Century Rain“) von Alastair Reynolds.

Mit freundlicher Genehmigung des Heyneverlags1959: Floyd ist ein Amerikaner in Paris. Er arbeitet als Detektiv – sein aktueller Fall: Susan White, ebenfalls Amerikanerin, vo einem Balkon zu Tode gestürzt. Ein Unfall, sagt die Polizei. Mord, sagt Vermieter Blanchard und beauftragt Floyd. Und der lässt nicht locker, auch nicht als Kinder unter Mordverdacht geraten, auch nicht als es weitere Tote gibt, auch nicht als die Pariser Polizei beginnt, ihn unter Druck zu setzen. Floyd ist einer riesigen Verschwörung auf der Spur, größer als er sich vorstellen kann, so groß, dass es die Grenzen (nicht nur) der Erde sprengen könnte …

Das ist nicht (nur) der Anfang eines Schwarze-Serie-Krimis, sondern auch der Anfang eines Science-Fiction-Romans. Zeitsprung. Ortswechsel. Einige Jahrhunderte später ist die Erde unbewohnbar: Nanotechnologie ist außer Kontrolle geraten und hat buchstäblich alles Leben zerstört. Das war 2077. Danach spalten sich die überlebenden Menschen in „Stoker“ und „Slasher“, also in diejenigen, die Technologie streng kontrollieren und diejenigen , die auch nach der Katastrophe konsequent auf technischen Fortschritt setzen.

In diese beiden Handlungsstränge – Krimi und SF – packt Reynolds eine Menge bekannter und bewährter Motive:

  • alternative Realität: Die Frage „Wie hätte sich die Geschichte verändert, wenn man an einem bestimmten Punkt eingegriffen hätte?“ fasziniert viele Autoren. Reynolds stellt diese Idee in den Mittelpunkt seines Romans. Die Welt, in der Floyd lebt, hat keinen Zweiten Weltkrieg erlebt, die Nazis sind 1959 noch an der Macht (wie in „Vaterland“ von Robert Harris), aber Hitler ist ein todkranker politischer Gefangener, nach der gescheiterten Ardennenoffensive weggeputscht von gemäßigten Kräften. Ohne den Krieg blieben wissenschaftlich-technische Anstrengungen aus und so gibt es keine Atomkraft, kein Weltraumprogramm, keine Computer …
  • Reisen durch ein Wurmlochsystem: Eine Archäologin, sozusagen „aus der Zukunft“ reist durch ein sehr altes wurmlochartiges Transportsystem unbekannter Herkunft. Das haben wir unter anderem schon bei Iain Banks in „Der Algebraist“ gelesen.
  • Kinder töten Erwachsene: Ein Motiv aus der Horrorfilmwelt, das Reynolds sehr effektiv einsetzt – wer diesen Gedanken vertiefen will und starke Nerven hat, dem sei „Ein Kind zu töten“ („Quién puede matar a un niño?“)  von Regisseur Narciso Ibáñez Serrador empfohlen.
  • Der unbeugsame Detektiv samt treuem Partner und geheimnisvollen Frauenfiguren purzelt direkt aus Dashiell Hammetts „The Maltese Falcon“ in diesen Roman.
  • Zwischendurch ein paar Motive im Schnelldurchlauf: Nanotechnologie, virtuelle Realität, gentechnische Veränderungen, Geheimagenten, Roboter, Androiden und ein
  • Archiv zur Rettung des Weltwissens für die Zukunft der Menschheit – wie wir es aus Asimovs Psychohistorikern kennen:

„Nach dem Nanocaust, als wir erlebt hatten, wie die Maschinen in einem unvorstellbaren Ausmaß versagt hatten, starteten wir ein Schnellprogramm, mit dem so viel elektronisch gespeicherte Informationen wie möglich wieder in analoge, solide Formate umgewandelt werden sollten. Wir bauten Druckerpressen, um reale Bücher herzustellen. Wir haben digitale Bilder wieder auf Fotoplatten gebrannt. Wir hatten Fabriken, die Papier produzierten, so schnell wie unsere Drucker es verbrauchen konnten. (…) Und es hätte beinahe funktioniert. Aber wir waren nicht schnell genug.“

Daraus bastelt Reynolds einen spannenden Thriller, gerade für Technologiefreaks und Naturwissenschaftler mit sehr viel Science in dieser Science-Fiction – und viel Abenteuer:

„Wenn Auger das Schiff nicht steuern kann, muss ich es tun.“
„Sie haben keine Ahnung, was damit verbunden ist. Und selbst wenn Sie eine Ahnung hätten … Scheiße, Sie können doch ein Wurmloch nicht von Ihrem eigenen Arschloch unterscheiden!“

„Nein, aber ich kann es lernen.“ (…)
„Gut“, sagte Skellgard. „Sie können damit anfangen, mir zu erklären, was Sie bereits über die Gleichgewichtsparameter zwischen normaler und exotischer Materie wissen. (…) Wobei ich davon ausgehe, dass Sie flüchtig mit den Grundprinzipien der Navigation in Quasi-Wurmlöchern vertraut sind. Oder ist Ihnen das etwas zu schnell?“
„Ich kann immerhin eine Zündkerze auswechseln“, sagte Floyd.
Auger stieß einen leichten Schmerzensschrei aus.
„Ich werde eine örtliche Betäubung vornehmen“, sagte der Roboter. „Das könnte mit einem vorübergehenden Verlust der mentalen Klarheit einhergehen.“
„Ich bitte darum“, sagte Auger.

Probleme hat Reynolds manchmal mit seinem Timing und auch mitunter mit seinen Charakteren. Zum Timing: In Filmen werden häufig bereits gedreht Szenen wieder herausgenommen, weil erst im Schnitt auffällt, dass sie die Handlung zu sehr verzögern – das passiert Reynolds im mittleren Teil mit redundanten Dialogen zwischen Floyd und der Archäologin.

Zu den Charakteren: Die Archäologin Verity Auger, spezialisiert auf das 20. Jahrhundert, landet genau in der Vergangenheit, deren Geheimnisse sie ihr ganzes akademisches Leben lang ergründen wollte. Gefühlsausbrüche? Schwärmerei? Begeisterung? Fehlanzeige. Statt sich zu fühlen wie Schliemann im Zelt des Achilles, bleibt sie kühl, kein Gefühl. Davon abgesehen denkt sie auch fast nie an ihre beiden halbwüchsigen Kinder, von denen sie durch ihre Abenteuer getrennt ist. Da hat Reynolds unübersehbar Probleme, sich in das Gefühlsleben seiner Protagonistin zu versetzen.

Und am Ende verschenkt Reynolds die wunderbare Gelegenheit einer Fortsetzung: Da deutet sich nämlich eine Geheimagentengeschichte an, die tollen Stoff für einen ganzen weiteren Roman bieten würde. Nur denkt keiner daran, dem Helden die wenigen dafür notwendigen Informationen zu geben. Sei’s drum. Die Aufzählung der Schwächen ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Reynolds hat tolles Lesefutter abgeliefert, voller technischer Spielereien und spannender Wendungen. Und nach fast 800 Seiten würde ich am liebsten gleich die Fortsetzung lesen. Die gibt es nicht, dafür aber acht weitere Romane, darunter den fünfbändigen Space-Relevation-Zyklus. Na dann.

Alastair Reynolds
Ewigkeit (Century Rain)
Heyne Verlag, 798 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-453-52175-9

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