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Das eiskalte Naturphänomen Familie: „Der Eissturm“

Foto: Jan Beck Creative Commons BY 2.0

Die Filmwissenschaftlerin und Ang Lee-Expertin Dr. Isabell Wohlfarth wirft für SchönerDenken einen ganz persönlichen Blick auf die Werke des taiwanesischen Regisseurs. Da Thanksgiving für die US-Amerikaner das ist, was für uns Weihnachten ist, präsentieren wir heute Ang Lees Familiendrama „The Ice Storm“.


Wenn man durch Blicke andere Menschen einfrieren könnte, dann wären in diesem Film früher oder später alle Figuren zu Eisskulpturen erstarrt. So kalt und hart sind die menschlichen Regungen und Stimmungen, die durch die ebenso kühlen Häuser wabern. Der Titel des Films ist deshalb natürlich längst nicht nur die Beschreibung eines Wetterphänomens, das über eine schicke Vorortsiedlung hinwegzieht. „The Ice Storm“ ist ein psychologisches, metaphorisches und inszenatorisches Meisterwerk. Dass der Film bis heute einer der weniger bekannten von Mister Lee bleibt, ist sehr bedauerlich – verwundert aber auch nicht, angesichts des fordernden, unangenehmen Grundtons und der oft meditativen Erzählweise der Geschichte.

Back Story

Nach drei asiatischen und einer englischen Produktion, war „The Ice Storm“ Ang Lees erster US-Film – und er führt direkt hinein ins amerikanische Herz, in die entzauberte späte Nixon-Ära. Der Film, eine vieldeutige Mischung aus Drama und Satire, basiert auf dem gleichnamigen, semi-autobiographischen Roman des Autors Nick Moody aus dem Jahr 1994.

Schon das Buch war keine leicht verdauliche Kost für jedermann: Wegen seines schonungslosen, ehrlichen Tones und der sexuellen Ausführungen hatte es im prüden Amerika nicht gerade überall einen guten Ruf. Kurz vor Drehbeginn in New Canaan und Westchester im Staat New York (übrigens Mister Lees amerikanische Heimat) zogen einige Besitzer, die ihre Häuser für den Film zur Verfügung stellen wollten, ihre Genehmigung zurück, nachdem sie das „schockierende“ Buch gelesen hatten.

Während der Dreharbeiten passierte dann ein kurioser, geradezu symbolträchtiger Zufall: Ein echter Eissturm zog über den Schauplatz hinweg – der erste dort seit 30 Jahren.

Story

Herbst 1973 in New Canaan, Connecticut: Die beiden Mittelklasse-Familien Hood und Carver leben in direkter Nachbarschaft und sind freundschaftlich verbunden. Hinter der höflichen Fassade hat Vater Ben Hood (Kevin Kline) eine heimliche Affäre mit Mutter Janey Carver (Sigourney Weaver). Ehefrau Elena Hood (Joan Allen) ahnt dies, aber beschuldigt ihren Mann nicht öffentlich. Ehemann Jim Carver (Jamey Sheridan) bemerkt nichts, weil er immerzu auf Reisen ist.

Auch die Kinder sind auf amourösen Pfaden unterwegs: Die 14-jährige Wendy Hood (Christina Ricci) bändelt mit dem gleichaltrigen Mikey Carver (Elijah Wood) an. Der jüngere Bruder Sandy (Adam Hann-Byrd) beobachtet dies eifersüchtig. Der 16-jährige Paul Hood (Tobey Maguire) lebt in einem Internat in New York und ist dort unglücklich in die schöne Libbets (Katie Holmes) verliebt.

Zu den Thanksgiving-Feierlichkeiten kehrt Paul Hood heim. Er ist der Erzähler der Geschichte, seine Fahrt von New York nach New Canaan bildet den Rahmen der Geschichte. Am Thanksgiving-Abend zieht ein schwerer Eissturm über New Canaan hinweg und die Geschehnisse im Leben der Familien Hood und Carver spitzen sich zu. Die Erwachsenen gehen auf eine Partnertausch-Party, was das Beziehungsgeflecht zur Eskalation bringt. Und auch die Kinder bewegen sich in dieser Nacht auf sehr dünnem Eis.

Die Familie als Antimaterie

In „The Ice Storm“ geht es – natürlich! – um die Familie. Dieses Mal sogar mit metaphorischem Überbau. In seiner Erzählung vergleicht Teenager Paul seine familiären Erlebnisse stets mit denen einer Comic-Familie, deren Mitglieder sich brauchen, aber auch gegenseitig abstoßen, je mehr Macht sie übereinander haben. Die Familie, so interpretiert er, wird zur Antimaterie, zu einem verlorenen Ort. Ein solch intellektueller Deutungsrahmen, durch den die verschiedenen Episoden kommentiert und spannend verknüpft werden, passt zu diesem nachdenklichen Film, der nicht alles zeigt und vieles nur suggeriert. Das Erzähltempo lässt hier genug Raum zur Reflektion.

Ang Lee, Foto: Rex Bennett Creative Commons BY SA 2.0

Während die Kinder fast schon altklug über familiäre Bande philosophieren und politische Wutreden schwingen, versagen die Eltern in diesem Film vollständig, sie taugen nicht mehr als Rollenvorbilder und haben ihre Autorität längst verloren, sie befinden sich in einer Identitätskrise, experimentieren mit Liebe, Lust und Sexualität wie ihre pubertären Kinder. Auch wenn sie ihr Scheitern selbst nicht erkennen wollen: Ben gaukelt gerne den lässigen Vater vor, seine gönnerhaften Ratschläge an die Kinder verkommen allerdings eher zur amüsanten Doppelmoral. Auch Mutter Janeys erzieherische Belehrungen wirken wie eine auswendig gelernte Seite aus einem New-Age-Ratgeber.

Blicke wie Schockfrosttasten

Die Einsamkeit, Verlogen- und Verlorenheit der Figuren zeigt sich am eindrücklichsten in ihren Blicken, die der Film minutiös dokumentiert. Im zwischenmenschlichen Austausch bleiben die Blicke kalt und hart. Aus Janey Carver scheint die Wärme gar völlig entwichen zu sein – als sie vom liebestrunkenen Ben leidenschaftlich umarmt wird, starrt sie nur wie eine Puppe ins Leere. Der verletzlichen Elena Hood steht der Schmerz dann ins Gesicht geschrieben. Besonders hängen bleibt man aber an Wendys großen Augen, die im einen Moment zürnen, im nächsten verführen und manchmal etwas von dem Kind enthüllen, das sie noch ist.

In den Begegnungen der Eltern und Kinder blitzen Wärme und Nähe nur selten auf. Vater Ben schwankt stetig zwischen Tadel und Zuneigung. Als er Wendy beim Fummeln erwischt, ereifert er sich wie ein strenger Patriarch, trägt seine Tochter danach aber liebevoll nach Hause. Das erinnert daran, was Familie eigentlich sein will und sollte: ein Heim, ein Fluchtort, ein Platz der Geborgenheit. Der Film erzählt letzten Endes genau davon: vom Versuch heimzukommen und der beschwerlichen Reise, wieder eine Familie zu werden.

Wenn freie Liebe wehtut

„The Ice Storm“ ist nicht nur ein Familiendrama, sondern auch eine überspitzte Kulturstudie der frühen 70er Jahre – und zwar in Politik, Design und Habitus. Der Film setzt in einer amerikanischen Krisensituation ein: Das Land hat den Vietnam-Krieg hinter sich und steckt mitten in der Watergate-Affäre. Die Zerbrechlichkeit der Familien ist also auch Ausdruck der Paralyse eines Landes – und umgekehrt. Wendy ist auch hier Symbolfigur, sie wettert gegen die Scheinheiligkeit des Landesvaters Nixon und rebelliert dabei in Wahrheit doch gegen die Lügen des eigenen Vaters. Ihre impulsiven Agitationen werden herrlich komisch inszeniert, beim Liebesspiel etwa trägt sie eine Nixon-Karikatur als Maske.

Das Sexuelle spielt überhaupt eine übermächtige Rolle in diesem Film. Die Flower Power-Jahre haben die Schleusen geöffnet, nun gehört es zum gesellschaftlichen Schick, die freie Liebe zu versuchen. Bei einer Schlüssel-Party in der Nachbarschaft werden „Partner“ zugelost, ein bisschen sexuelle Verwirklichung, ein kleines Reihum für die eigene Trophäensammlung und den guten Ruf in der liberalen Society. Doch statt Leidenschaft und Abenteuerlust mutet das Spielchen eher wie ein Gang zum Schafott an. Die Ehepartner sind nicht ganz so cool, wenn sie die eigene Frau mit dem Schönling von nebenan ziehen lassen müssen. Und dem Paar, das sich zufällig selbst zulost, steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

Der Film zeigt die fahlen Nachwehen der sexuellen Revolution. Der Druck eines liberalen Sexverhaltens belastet die eigentlich viel konservativeren und nach aufrichtiger Nähe suchenden Figuren. Man möchte doch im Grunde lieber wieder weniger einsam sein und etwas für den eigenen Partner fühlen – oder überhaupt irgendetwas Echtes.

Wabernde Klänge durch eisige Gänge

Ganz und gar künstlich sind auch die Raumwelten. Wie ein polierter Plastikrahmen überzieht der gehobene Wohn- und Kleidungsstil der 70er Jahre den Filmraum. Das minimalistische Design, die kalten weiten Räume mit psychedelischen Tapeten, erdigen Farben, Spiegelfronten, Flokatiteppichen und Lava-Lampen erfüllen, bis ins Perfekte getrimmt, das Klischee eines 70er-Jahre-Settings. Das eindrückliche Haus der Carvers etwa thront als weißer Kasten mit Glasfronten auf steinigem Untergrund mitten im Wald – Bauhaus lässt grüßen.

Die Kühle dieser Un-Räume passt natürlich bestens zu den nicht minder kalten menschlichen Regungen, in denen der Schein und das Aussehen mehr zählen als Komfort und Wohlgefühl. Hier verkommt der Mensch zur lebenden Statue in einer unwirtlichen Kunstwelt. Eine Seelen-Raum-Symbiose: Die immer eisiger werdende Witterung ist hier nur noch die symbolische Steigerung der menschlichen Entfremdung.

Die winterliche Natur wiederum tritt lebendiger, geradezu sinnlich und mächtig auf. Das Eis glänzt und funkelt, die gefrorenen Bäume tanzen, die Wiesen krachen, die Eiszapfen klirren. Verstärkt durch eine eindrückliche, wabernde Filmmusik, die zu jaulen und klagen scheint, bekommt die Geschichte einen dramatischen Grundton, der etwas Mystisches, Bezauberndes und Meditatives besitzt.

Fazit: Unangenehm und unglaublich schön

Was bei diesem Film hängen bleibt, sind weniger die Geschichten als die Bilder und Stimmungen. Zum einen lässt einen das bittere, düstere Gefühl nicht los, das diesen lyrisch melancholischen Film umgibt – als ob das Eis langsam herankriecht und sich im Zuschauer festsetzt. Aus Räumen, Blicken und Klängen entsteht eine schockierende und betörende kühle Welt, in der man als Zuschauer stets nach Zeichen der Wärme und Hoffnung sucht. Zum anderen – und das verhindert, dass die Geschichte zu sehr deprimiert -, trifft einen der Humor immer wieder von der Seite. Denn ganz so ernst werden die Figuren dann doch nicht genommen, sie wirken in ihrem tragischen Getue doch manchmal auch höchst komisch.

Zurück bleiben aber auch Bilder, die unglaublich schön sind. Wenn sich etwa Mikey und Wendy in einem leeren, verrotteten Swimmingpool zwischen fliegenden roten Herbstblättern küssen. Oder wenn Mikey während des Eissturms wie ein selbstverlorener Astronaut über die vereisten Felder springt. So ist „The Ice Storm“ nicht nur stark besetztes Arthouse-Kino, Kostümfilm, 70er-Jahre-Satire und großes Familiendrama, sondern vor allem auch ein visuelles Meisterwerk.


Der Eissturm (The Ice Storm)
USA 1997, 112 Min., Regie: Ang Lee



Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Goessele, arbeitet als Journalistin in Köln. Ihre Doktorarbeit wurde unter dem Titel “Das Kino des Ang Lee: Im Atem des verborgenen Drachen” veröffentlicht. Der Podcast wurde gesprochen von Thomas Laufersweiler.
Hier alle Beiträge der Reihe „Mr. Lee And Me“.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY NC ND 4.0.
Quelle: Dr. Isabell Wohlfahrt, geb. Goessele
Das Eis-Foto stammt von Jan Beck und steht unter der CC-Lizenz BY 2.0
Das Foto im Banner stammt von Rex Bennett und steht unter der CC-Lizenz BY SA 2.0


Das Kino des Ang LeeIsabell Gössele
Das Kino des Ang Lee
Im Atem des verborgenen Drachen

Wissenschaftliche Beiträge
aus dem Tectum Verlag
Medienwissenschaften, Band 5
349 Seiten, Paperback, 2009
ISBN 978-3-8288-2046-3