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Wolken beobachten. Oder: Anleitungen zur vergnüglichen Zeitverschwendung

Foto: Jenny Downing Creative Commons BY 2.0


Einhundert Vergnügungen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nicht 101 oder 111, nach dem Muster: „Einhundertelf Gründe …“ und nun kann man multiple-choice-mässig ankreuzen:

  • sich nicht umzubringen
  • kein Fleisch mehr zu essen
  • diese Buchbesprechung zu lesen

Also ganz nach Belieben. Darum geht es auch bei den 100 Vergnügungen. Man soll das tun, was man mag, was einem gerade Spaß macht und was – vor allem – nichts kostet. Schon das Inhaltsverzeichnis macht das deutlich: „Ein Bad nehmen“, „Herumdümpeln“, „Ein Nickerchen machen“, usw. Dann wollen wir uns mal gemächlich dem Vergnügungsvorschlag „Wolken beobachten“ nähern. Tom Hodgkinson meint dazu:

„Wenn wir innehalten in unserem erdgebundenen Gewusel und nach oben blicken, sehen wir, daß uns das Firmament ein ständig wechselndes Schauspiel bietet…. Wolken nehmen pausenlos andere, fantastische Formen an und scheinen manchmal sekundenlang sogar Dingen aus unserer Welt zu gleichen: Einem Esel, einer Schildkröte oder einer Bratpfanne. Gleich darauf sind sie wieder verschwunden, ständig sich verändernd, ohne feste Gestalt und doch nicht formlos, beständig und doch stets im Fluss.“

Hodgkinson ist Fachmann für das Innehalten, hat er doch „Anleitung zum Müßiggang“ geschrieben. Hier propagiert er den Müßiggang par excellence, ähnlich wie ein weiterer Mitautor – Chris Yates – der uns vorschlägt, wir sollten

„einfach nur auf einer Wiese liegen und hinauf … blicken zu den vorüberfliegenden Vögeln … Bussarde sind meiner Ansicht nach die Vögel, die sich am besten dazu eignen, unsere Blicke auf sie zu konzentrieren … Stundenlang sah ich ihnen bei ihren Spiralen, Loopings und Kurven zu, und als ich schließlich nach Hause ging, fühlte ich mich federleicht.“

Wir sehen schon, die 100 Vergnügungen haben auch etwas mit Zeitverschwendung im Sinne unserer ökonomisierten Welt zu tun. Das ist aber auch das einzige „Kapital“, das der Leser einbringen muß, um die schönen Dinge zu geniessen – Zeit. Die sollte man auch mitbringen, wenn man mit dem Postboten plaudert, es kann auch der Gemüsehändler oder Metzger sein. Hodgkinson wettert massiv gegen das Internet:

„Die Kommerzialisierung des menschlichen Miteinanders ist eines der schlimmsten Verbrechen des digitalen Zeitalters. Wir brauchen keine Internetportale, die dazu angelegt sind, uns etwas zu verkaufen, um mit anderen Menschen zu sprechen. Denken Sie nur an diese fantastische Erfindung, von der ich neulich hörte. Sie können damit, wann immer Sie wollen, mit jemanden AM ANDEREN ENDE DER WELT sprechen, ohne daß sich pausenlos Markennamen in Ihre Unterhaltung drängeln! Man nennt sie „schreiben“.

Da ist er mit seinen Ko-Autoren bekennender Digitalisierungsgegner und damit bewußt altmodisch. Auch mit dem Vorschlag, mit dem Nachtzug zu fahren, um sich besser zu akklimatisieren und die Fahrt zu geniessen. Leider gehört der Nachtzug (zumindest bei der Deutschen Bahn) zu den aussterbenden Spezies in der Klasse der Fortbewegungsmittel. Durchaus wiederbelebt werden könnte die Mode des Morgenmantels, angeblich die wahre Uniform der Revolution, meint Dan Kieran.

„Es gibt keine geeignetere Uniform für die Faulheit als den Morgenmantel. Allein einen zu besitzen ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Ein Zeichen absichtsvoller Bummelei. Morgenmäntel gehen mit dem Zustand des Nichtstuns einher, aber was tun sie eigentlich, wenn sie nichts tun? Denken natürlich – das tun sie. Die Gesellschaft fürchtet jene Bevölkerungsschicht, die Zeit zum Denken hat.“

Spätestens jetzt ist es an der Zeit, die Aufmachung des Buches im allgemeinen und die Illustrationen im besonderen hervorzuheben. Zu jedem Thema gibt es jeweils auf der linken Seite den erläuternden Text, doch die Illustration dazu auf der rechten Seite springt zuerst ins Auge – kolorierte Zeichnungen, die Witz und Leichtigkeit ausstrahlen. Die taz-Illustratorin Stephanie E. Scholz, die auch Plattencover gestaltet, hat hier erkennbar viel Vergnügen bei der bildlichen Umsetzung der 100 Vergnügungen gehabt.

So hatte ich schließlich ein Büchlein in der Hand, das sich gut auf dem Nachttisch oder in der Leseecke macht – man blättert immer wieder gerne darin und bleibt an Bild und/oder Text hängen. Den philosophischen Überbau liefert Tom Hodgkinson im Vorwort:

„Müßige Vergnügungen haben mit Selbstbestimmtheit, Freiheit und Unabhängigkeit zu tun. Wenn wir im Sommer unter den Bäumen im Park ohne Gewissensbisse ein Nickerchen machen, dann beanspruchen wir damit unser Recht darauf, so zu leben, wie wir wollen. Wenn wir ganz ohne Eile einen Bummel durch die Stadt machen und dabei allein dem Treiben des Lebens zuschauen, ohne dem Drang zum Kaufen nachzugeben, dann protestieren wir auf genussvolle Weise gegen die Arbeits- und Konsumgesellschaft.“

Konsequenterweise steht am Ende der 100 Vergnügungen „In einer Hängematte liegen“. Verbunden mit dem Plädoyer, das bislang nicht existierende Wort „hängemattbar“ in den Duden aufzunehmen. Seine Bedeutung? Es bezeichnet zwei Bäume, die exakt im richtigen Abstand stehen, um eine Hängematte dazwischen zu befestigen. Na dann, angenehmes Nichtstun!

Dan Kieran / Tom Hodgkinson
Das Buch der hundert Vergnügungen
Rogner & Bernhard, 218 Seiten
ISBN 978-3-95403-020-0

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 
Das Wolkenfoto stammt von Jenny Downing und steht unter Creative Commons BY 2.0