Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Die Traurigkeit des Pianisten: „Der Grund“ von Anne von Canal


„45° 26′ 11“ N, 12° 23′ 35“ O
12.08.2005
14.00 Uhr
Hier bin ich wieder. Sechs Quadratmeter für mich allein. In jedem modernen Gefängnis haben die Insassen mehr Platz. Aber das spielt keine Rolle, ich brauche nicht mehr. Und ich will gar nicht mehr. So klein ist meine Welt. Sechs Quadratmeter. Ein überschaubarer Raum. (…)
Wir haben schon abgelegt, fahren mit langsamer Fahrt hinaus in die Lagune. Weg von Venedig.
Mir soll’s recht sein.
Dabei mag ich diese Stadt, womöglich war sie in den letzten fünf Jahren sogar eine Art Zuhause. Aber nach allem, was heute Morgen passiert ist, glaube ich nicht, dass ich wieder dorthin zurückkehre. Rosa hat alles kaputt gemacht. Und ich verstehe einfach nicht, warum.“


Lawrence Alexander, Pianist auf einem Kreuzfahrtschiff, schreibt Tagebuch. Man merkt schnell, es geht ihm nicht gut, er ist misanthropisch, trinkt zu viel und schläft schlecht, nur das Arbeiten, das Klavierspielen, hilft ihm durch die Tage. Er hat seine venezianische Freundin in dem Moment verlassen, als sie ihm eröffnete, von ihm schwanger zu sein. Sie wird es nicht verstehen, sie kennt seine Geschichte nicht.

Mit freundl. Genehmigung des mare-VerlagsLawrence Alexander heißt in Wahrheit Victor Alexander Laurentius Simonsen, genannt Laurits, geboren in den Sechzigern, und stammt aus einer wohlhabenden Stockholmer Arztfamilie. Sein Vater, ein klassischer Patriarch, seine Mutter überspannt und sehr musikalisch, erlaubt dem einzigen Sohn nur widerwillig die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule. Seine Klavierlehrerin ist sich sicher, dass er es schafft, doch er fällt durch. Verzweifelt betrinkt er sich zum ersten Mal und bricht sich selbst einen Finger. Denn jetzt ist klar, er muss nach dem Willen seines Vaters Medizin studieren. Der erste Grund für seine Lebensveränderung. Er wird Gynäkologe.

Vierzehn Jahre später feiert er im Familienkreis seinen zehnten Hochzeitstag mit Ehefrau Silja und Tochter Liis. Die Rede seines Onkels bringt Familiengeheimnisse zu Tage, von denen Laurits – und erst recht nicht seine Frau – keine Ahnung hatten. Die Wahrheit stürzt ihn in eine wild-wütende Krise und liefert den zweiten Grund für eine eklatante Lebensveränderung. Er bricht jeglichen Kontakt zu seinen Eltern ab und zieht mit Frau und Kind nach Estland. Tochter Liis ist unglücklich in Talinn. Mit Freuden nimmt sie die Einladung ihrer schwedischen Grossmutter an und bittet ihren Vater, sie zu begleiten. Doch er bringt es nicht über sich und lässt sie allein reisen. Mit schwerwiegenden Folgen. Denn das Wort Grund im Titel hat auch noch eine andere Bedeutung …

Anne von Canal versteht es gut, erzählerisch eine Spannung aufzubauen, ihr Ton hat einen meeresgleichen Sog. Sie springt in Laurits Lebensjahrzehnten hin und hier, zwischen der Gegenwart auf dem Kreuzfahrtschiff und seinen gravierenden Lebensabschnitten, und man möchte einfach immer nur weiterlesen, um endlich zu erfahren, was ihm geschehen ist, warum er so traurig ist, wieso aus ihm ein Kreuzfahrtpianist mit Selbsthass wurde. Sie ist ein Erzähltalent und ich wünsche mir, es bleibt nicht bei diesem Erstlingswerk.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Anne von Canal
Der Grund
mare-Verlag € 20.-
978-3-86648-196-1

Video: Anne von Canal liest aus „Der Grund“