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Das Volk der Extreme – die Italiener

„Der Mensch des Südens…, der umgeben von einer gnädigen Natur in einem paradiesischen Klima lebt, sonnig, mild, … verwandelt sich mit der Zeit in eine leichte Fliege, die in den Tag hinein lebt vom Nektar der Blumen, die das von ihr bewohnte Land bedecken.“

Mit freundl. Genehmigung des Verlags C.H.BeckSo zitiert Corrado Augias den schweizer Essayisten Karl Viktor von Bonstetten, der sich bereits 1824 Gedanken über die Menschen nördlich und südlich der Alpen machte. Und so kennen wir doch die Italiener: leichtfertig, mit einer Vorliebe für die glatte Oberfläche der Dinge und die angenehmen Seiten des Lebens, die Zerstreuungen. Gustave Flaubert macht in seiner Enzyklopädie der Allgemeinplätze kurzen Prozess:

„Italiener. Alles Musikanten, alles Verräter.“

Corrado Augias stellt diese nicht sehr schmeichelhafte Sichtweise an den Anfang seines Bestsellers „Geheimnisse Italiens“ in dem Kapitel „Die Italiener, von aussen besehen“. Sinnvollerweise folgt „Die Italiener, von innen besehen“. Und da wird es schon differenzierter. Allmählich wird deutlich, daß es nicht „den Italiener“ per se gibt – was auch kein denkender Mensch wirklich erwarten würde – es gibt zumindest den guten und den schlechten Italiener. Das zeigt Corrado am literarischen Beispiel und dies ist auch seine Methode, dem Leser die weiteren Geheimnisse des langgestreckten Stiefels näher zu bringen.

Der Historiker hat nicht ohne Grund sein Buch „Roman einer Nation“ untertitelt. Er will also vermeiden, daß man es als Fachliteratur versteht. Er schweift – typisch italienisch – durch die Regionen, Städte und Zeiten. Denn wenn man an einen bestimmten Ort reist, sieht man diesen Ort immer in mehreren Schichten: Der aktuellen Ebene, der geschichtlichen und man hat die Geschichten im Kopf, die man über diesen Ort gehört und gelesen hat. So gelangt der Leser mit Leopardi nach Rom, besucht mit diversen Klassikern Neapel und steigt in die Gewölbe der Cittá Misteriosa namens Palermo.

Besonders aufschlußreich für den Italienfreund ist das Kapitel über die Entdeckung des Mezzogiorno, des geschmähten, vernachlässigten und anfangs durch den Vatikanstaat abgetrennten Süden. So schreibt 1860 der Politiker Luigi Carlo Farini aus Neapel:

„Was sind das nur für Länder, dieser Molise und die Terra di lavoro! Was ist das für eine Barbarei! Das ist nicht Italien! Das ist Afrika: Im Vergleich zu diesen Primitivlingen sind die Beduinen die Blüte der zivilisatorischen Tugend!“

Bereits damals begann also für den zivilisierten Norditaliener Afrika südlich von Rom – eine Haltung, die noch heute in den Regionen um Mailand oder Bologna weit verbreitet ist.

Nebenbei erfährt man, daß ein Italiener namens Antonio Meucci 1850 Garibaldi zu Gast hatte. Der war auf der Flucht und half Meucci beim Bau eines Apparates, den dieser telegrafo parlante oder telettrofono nannte. Meucci kämpfte darum, daß ihm die Amerikaner nicht das Patent für diesen Apparat abjagten. Der Apparat, mit dem man auf Entfernung miteinander sprechen kann, wurde dann auch wirklich gebaut – aber ohne Meucci. So zeichnet Augias das verwirrende Bild eines Volkes, das sich in Extremen bewegt. Einerseits die zerlumpten Emigranten, andererseits die weltweit bewunderten Genies. Sein Motto:

„Der Charakter eines Volkes ist seine Geschichte, seine ganze Geschichte.“

Es ist daher eine Reise durch die Zeit, die man mit Augias antritt, durch die Geschichte und die Literatur. Denn

„der Literatur gelingt es…, auch wenn sie aus Phantasie gewebt ist, die Realität zu potezieren, und das ist ihre Stärke“.

So erzählt er Geschichte und Geschichten von Regionen, von Städten. Gerade Italien ermöglicht diesen Zugang, schließlich besteht das Land aus Städten:

„Wenn man Frankreich Paris wegnimmt und Großbritannien London, bleibt nicht allzu viel übrig. Wenn man Italien Rom wegnimmt, bleibt noch ziemlich viel.“

Ein Sachverhalt, den es mit Deutschland verbindet – wie ich meine. Kurzweilig und amüsant zu lesen, kommt sowohl der Italien-Einsteiger (aber wer ist das heute noch?) als auch der Tifosi mit Corrados Buch auf seine Kosten.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: PJ Klein/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)

Corrado Augias
Die Geheimnisse Italiens, Roman einer Nation
C.H.Beck
ISBN 978-3-406-65898-3