Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Dreiundzwanzigtausend Teebecher

Mit freundl. Genehmigung Luchterhand VerlagSchon oft habe ich es hier an dieser Stelle gesagt: Ich mag es, wenn es einem Autoren gelingt, mich für ein Thema zu interessieren, an das ich vorher im Leben nicht gedacht habe. So auch Christoph Peters mit seiner Geschichte über einen deutschen Keramiker. Ernst Liesgang begibt sich für drei Jahre in die Lehre eines japanischen Töpfermeisters, Furukawa Tokuro. Eher unterwirft, kann man sagen, denn da beginnen schon die großen kulturellen Unterschiede, mit denen Peters so herrlich in seinem komödiantischen Roman spielt.

Immerhin verlangte Herr Furukawa nicht, daß er die Töpferscheibe – wie in Japan üblich – im Uhrzeigersinn rotieren ließ, sondern an Ernsts Platz durfte sie sich nach europäischer Art in umgekehrter Richtung drehen. Die Folge war, daß er alle Bewegungen, die er bei Herrn Furukawa sah, spiegelverkehrt umsetzen mußte. Während der ersten neun Monate seiner Lehrzeit formte er Tag für Tag bis zu zehn Stunden lang den immergleichen einfachen Teebecher – etwa sechshundert pro Woche, zweitausendfünfhundert im Monat, insgesamt rund dreiundzwanzigtausend Stück, von denen im Blick des Meisters nicht ein einziger Bestand hatte. Weder nannte Herr Furukawa Gründe, weshalb er Ernsts Becher für mißlungen hielt, noch erklärte er ihm, wie sie richtig hätten gemacht werden müssen.

Eine harte Schule für Ernst. Auch ist es ihm nicht erlaubt, andere Meister gut zu finden oder mit ortsansässigen Töpfern zu sprechen, eine durchaus übliche Methode beim Erlernen japanischer Handwerkskunst.

Zurück in Deutschland begibt sich Ernst auf die Suche nach einem geeigneten Anwesen für seine zukünftige Töpferwerkstatt. Durch seinen Meister in Langsamkeit geschult, braucht er viele Monate, bis er das richtige Objekt gefunden hat. Doch damit beginnen erst die Schwierigkeiten. Er will einen echten japanischen Brennofen, einen Anagama, bauen lassen und das kann natürlich nur ein berühmter Ofensetzer aus Japan. Herr Yamashiro Tatsuo reist an. Nicht allein, in seinem Gefolge – denn anders kann man das nicht nennen – Töpfermeister Nakata Seiji, seine Frau Nakata Masami, die im Auftrag der Töchter des Ofenbauers strengstens auf sein leibliches Wohl achten soll, die beiden Söhne der Nakatas und ein Kunststudent. Da das Ereignis für das 740 Einwohner zählende Dorf an der holsteinischen Ostsee, in dem Ernst seine Shino-Keramiken brennen will, ein großes ist, läßt das Fernsehen nicht lange auf sich warten. Also wird Ernsts buddhistische Gelassenheit auch noch durch ein Filmteam, dessen Verhalten Peters unverkennbar gut und amüsant beschreibt, auf die Probe gestellt.

„Vielleicht nehmen wir noch einen Sack von dem Tonmörtel und stellen ihn dort an die Wand, um die Baustellensituation hervorzuheben.“
„Nein, ich glaube nicht, daß das sinnvoll ist“, sagte Ernst. „Hier sind wir im Werkstattbereich, der Ofen wird draußen gebaut.“
„Sonst etwas, was sinnvollerweise an der Wand lehnen könnte, um ein bißchen mehr …“
„Die Leere ist ja ein zentraler Begriff im Zen, und das kann sich durchaus in den Bildern widerspiegeln.“

Das ist nicht das einzige Mal, daß die doch so unterschiedlichen Kulturen aufeinanderstoßen. Neugierig taucht Herta Mölders auf, Gastwirtin des „Schollenkutters“, und bringt das traditionelle Maurerfrühstück für den „Polier“. Ernst wird für seine Verhältnisse etwas panisch, aus Angst, sie könne den Meister verschrecken, doch der beißt herzhaft in ein Mettbrötchen und trinkt Schnaps, was wiederum die extra mitgereiste Köchin beleidigt. Allein wie Ernst in höflichstem Japanisch versucht zu erklären, was Herta für den Meister bringt, ist umwerfend komisch.

Doch es kommt noch heftiger: Meister Yamashiro muss ins Krankenhaus, Nierensteine quälen ihn, und die Geduld aller wird auf sehr harte Proben gestellt …

Wunderbar, wie Christoph Peters diese übertriebene Fettnäpfchen-Angst und Fremdkultur-Verehrung in Worte zu fassen weiß. Schon seinen Roman „Mitsoukos Restaurant“ habe ich mit viel Genuss, Aha-Effekten und Horizonterweiterungen gelesen. Mit dem Kartoffeln bevorzugenden Ofenbaumeister ist ihm wieder etwas Herrliches gelungen. Völlig zu Recht landete der Roman auf Platz 1 der SWR-Bestenliste Juli/August!

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken
(Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Christoph Peters
Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln
Luchterhand € 18,99
978-3-630-87411-1