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Kinojahrgang 2001 – Hendriks Gewinner: Zweieindrittel Epen, ein Philosophie- und ein Rückwärtsfilm

Hendrik checkt für Markus das Kinojahr 2001.

1.

Im Jahr 2001 war ich wohl nicht oft im Kino, habe aber Einiges auf DVD nachgeholt. Trotzdem: Von den paarhundert Kinostarts in Deutschland, die man bei kurzer Recherche so findet, kannte ich zwei Drittel der Filme nicht einmal. Gut, das ist angesichts der Titel, die einem begegnen – „Octopus 2“, „Beethoven 4 – Doppelt bellt besser“, „The Sexy Sixth Sense“ oder „Lemon Popsicle 9 – The Party Goes On“ – höchstwahrscheinlich eher eine Gnade als ein Verlust. Aber auch schon Thomas‘ kurze Vorschlagsliste enthält einige Filme, die ich bei einigem Nachdenken bis heute noch nicht gesehen zu haben mir annähernd sicher bin. „Das Experiment“ und „Password: Swordfish“ zählen dazu.

Manches habe ich dann doch gesehen, erinnere mich sogar daran, aber besonders beeindruckt hat es mich jedoch anscheinend nicht – „Jalla! Jalla!“ war eine frische kleine Komödie, „Forrester – gefunden!“ ein nettes, etwas unbesonderes Drama mit Literaturbezug, „The Dish“ eine als <Komödienhit aus Downunder!> völlig fehldeklarierte liebevoll unaufgeregte Hommage an die australische Provinz und die Anfänge der Raumfahrt, „Xchange“ ein immerhin kompetent gemachtes Körpertausch-B-Movie. Und so fort.

2.

Was bleibt noch zu erwähnen? „Verschollen“ (Cast Away) natürlich, eine schauspielerische Glanzleistung Tom Hanks‘, den Film hätte ich wegen der Absturzszene damals besser nicht kurz vor dem Abflug in den Urlaub gesehen. „Red Planet“ und „Planet der Affen“ überzeugten eher optisch als dramaturgisch und hinterließen dieses mulmige Fast Food-Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre, wenn man nur gewollt hätte. „Donnie Darko“ war ein grandioses, unheilvolles Debut – spürbar konstruiert, aber gut konstruiert. „Blow“ hat mir mal gefallen, ich müsste ihn aber nochmal sehen, um irgendwas Geistreiches dazu absondern zu können, und „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ist einfach nur ein derart penetrant frankophiles Guckéclair, dass ich es nur in großen Abständen und genau im richtigen Moment ertrage, aber dann ist es wunderbar. Ähnlich geht es mir mit „Asoka – Der Weg des Kriegers“, der mich an sich Bollywoodophoben nicht eines Indischeren belehrt hat, aber die für mich stimmige filmische Umsetzung einer alten Legende darstellt, mit einer schönen Mischung aus Tragik, Humor, Poesie und Drama.

Andere Filme sind mir aufgrund einzelner Ingredienzen unsympathisch – ob „Evolution“ mit seinem so häufig in Rezensionen angemerkten Fäkalklamauk, dass ich ihn trotz Phantastikbegeisterung umgehend von meiner Vormerkliste gestrichen habe, oder ob „Chocolat“, der womöglich auch für mich eine kleine warmherzige Liebeskomödie darstellte, wenn ich persönlich nicht zufällig Schokolade absolut ekelhaft fände und mir daher das Ganze so unappetitlich war wie es möglicherweise auch „Evolution“ gewesen wäre.

3.

Letzten Endes verbleibt aus einem Kinojahrgang in der Rückschau aber stets nur Weniges, was – nach unten oder oben – wirklich hervorsticht:

Vergessen, verdrängt oder am allerliebsten gar nicht erst gesehen hätte ich gerne „Dr. T. and the Women“, dessen angeblich satirischer Biss völlig an mir vorbeigeschnappt hat; mit Richard Gere als Frauenarzt in Nöten möchte ich mich nie wieder auf dem gleichen Kontinent aufhalten. Auch für „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ hätte ich Eintrittsgeld und Lebenszeit gerne zurück, hatte allerdings das Glück, ihn erst später auf Video durchlitten und so zumindest mal das Geld gespart zu haben. Der erste „Harry Potter“-Spielfilm traute sich derart wenig von der Buchvorlage weg, dass er nicht nur sterbenslangweilig war, sondern im Grunde überhaupt kein eigenständiger Film. Beim „Schneider von Panama“ bin ich einfach nur eingeschlafen. Der persönliche Tiefpunkt des Kinojahres 2001 war für mich jedoch mit „Der Schuh des Manitu“ erreicht, für den ich bis heute einfach nicht albernheitsbesoffen genug war; dieses Machwerk steht in Kinofilmlänge für mich auf einer Kellerstufe mit Waalkes‘ und Hallervordens schlimmsten gespielten Witzen.

Verglichen damit ist die Kategorie „guilty pleasure“ ein intellektuelles Freudenfeuerwerk, und selbst „Tomb Raider“, „Miss Undercover“ und „Wasabi – Ein Bulle in Japan“ erscheinen oscarverdächtig (für „bestes Kostüm“, „glamouröseste Prügelszene“ sowie „würzigstes Catering“). Natürlich nicht mehr, sobald man vorher etwas anderes als einen der zuvor genannten Aussetzer gesehen hat; aber naja: bei ein, zwei Bierchen sind die immerhin mal ganz nett.

4.

Aber zum Eigentlichen: Nicht nur erwähnens-, sondern ausdrücklich empfehlenswert sind für mich zuletzt drei, na gut, eigentlich zweieindrittel epische Werke, ein Rückwärts- und ein Philosophiefilm.

„Das Glücksprinzip“: Hervorragend besetztes, unaufgeregtes Drama, in der die Schulaufgabe eines kleinen Jungen nach und nach das Leben vieler Menschen zu verändern beginnt. Diese Romanverfilmung schafft es zugegebenermaßen nur mit Hilfe guten Zuschauerwillens bis zum Zielhafen, aber ich fand mich seinerzeit doch sehr angesprochen.

Völlig anders und auf seine Art unvergesslich (haha!) – ist „Memento“, der, richtig herum betrachtet, eigentlich nur ein etwas überkonstruierter kleiner Krimi wäre, wenn man nicht einige genialitätsbeflügelte Stunden im Schneideraum verbracht und den Film umgekehrt hätte, damit der Zuschauer in die Verwirrung des an Gedächtnisverlust leidenden Protagonisten hineingezogen wird.

Erstes Epos: „A.I.“. Ich mag an diesem Film seine konsequente Langsamkeit, sein beharrliches Ausloten, seine betont naive poetische Ebene: im Grunde ist das der Versuch, die Zukunft in der Atmosphäre einer Mythologie zu erzählen, mit der Hauptfigur des Roboters, der aussieht und empfindet wie ein Kind und so gerne ein Mensch wäre.

Zweites, na eigentlich erst ein Drittel Epos, aber immerhin dessen bestes Drittel: „Der Herr der Ringe – Die Gefährten“. Trotz einiger kleiner Aussetzer eine bildgewaltige, große und gelungene Variation über Motive einer wahrhaft großen Geschichte. Und zum Glück trotz allem nicht so gut, dass es mir den viel älteren Film im eigenen Kopf verdorben hätte.

Und drittes, mir von diesen dreien liebstes Epos: „Tiger & Dragon“, einer meiner Lieblingsfilme überhaupt, schon weil ich nunmal willenlos gegenüber Filmen bin, die in grandioser Landschaft spielen und der außerdem (hier zitiere ich mich mal kurz selbst) „eine interessante Geschichte, eine interessante Geschichte hinter der Geschichte, vielschichtige Charaktere, elegante Ausstattung und eine elegante Choreografie, ein wenig Humor, wundervolle Musik und einen der für mich ganz eindeutig herzzerreißendsten Filmschlussmomente meiner Guckerbiographie“ aufweist.

Also: klares Votum von mir zugunsten der Geschichte vom Grünen Schwert.

Der Text steht unter einer Creative Commons-Lizenz. Quelle: Hendrik Schulthe/SchönerDenken