Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Kirk/Spock – the first Slash Pairing oder
„I have been and always shall be your Friend“

Kirk/Spock auf einer Glückwunschkarte (Foto: Thomas Laufersweiler)

Kirk/Spock auf einer Glückwunschkarte

78 Folgen lang und in sechs Star Trek-Kinofilmen wird außer der Geschichte des Raumschiffes Enterprise und seiner legendären Crew noch eine weitere erzählt, ein Subtext, wie er eindringlicher und unter die Haut gehender, subtiler und zärtlicher kaum sein kann. Gewiß, an Bord herrscht ein Triumvirat – Kirk, Spock und McCoy -, aber das unanfechtbare Heldenpaar heißt Kirk und Spock, und ihre Beziehung steht im Zentrum der zwischenmenschlichen Interaktion auf der Enterprise.

Ihre starke filmische Präsenz und ihre Hingabe zueinander ließ schon in den 70er Jahren, als die Serie als Wiederholung zu ihrer globalen Einmaligkeit und ihrer noch heute unstrittigen Bedeutung fand, ein ganz neues Genre in Literatur und Film entstehen, den Slash (so benannt nach dem englischen Schrägstrich, der die Paarungen angibt, in unserem Fall also Kirk/Spock), der sich mittlerweile als mächtigstes Subgenre der Fanfiction installiert hat – Geschichten, ob schriftlich oder visuell, die die homosexuelle Anziehungskraft zwischen den wichtigsten Charakteren einer Serie oder eines Filmes zum Thema haben.

Entsprechend nennt nicht nur Sabine Horst in ihrem Aufsatz (siehe Literaturtipp) Kirk und Spock die „Mütter des Slash“. Auch die amerikanische Genderforscherin Elizabeth Woledge weist in ihrem Essay „Decoding Desire: From Kirk and Spock to K/S“ darauf hin, daß bereits bei der ersten Wiederholung nach der Absetzung von „Star Trek“ im amerikanischen Fernsehen,

„a few fan writers started speculating about the possibility of a sexual relationship between Kirk and Spock, adding a sexual element to the friendship between the men.“

Im Juni 1976 erschien das erste Kirk/Spock-Fanzine. Ein Autor von Kirk/Spock Slash-Stories und ein Fan der ersten Stunde beschreibt den enormen Pool an Subtext bei Star Trek, aus dem er seine Inspiration bezieht, wie folgt:

„K/S has it all: friendship, relationship drama that gets resolved, enormeous expressions of devotion through sacrifice, trust and commitment over a period of decades. It’s really hard to find another fictional couple that did all that, and did it as well.“

Die Star Trek-Fans, die den Slash erfanden, gingen völlig zu Recht davon aus, daß eine solche Serie, die in hohem Maße die Massen ergreift und durch die Fans ihren Machern eine Menge Geld einbringt, auch im Umkehrschluß von den Massen und den Fans zurückerobert, sprich in Besitz genommen werden kann. Schließlich dient ihr Anliegen keinem kommerziellen Zweck. Daraus entstand im Laufe der Jahre eine ganz eigene Kultur mit eigenen Regeln, eigenem Code und einer eigenen Etikette.

Wer nun glaubt, die homoerotischen Geschichten und Filme zu Kirk/Spock seien folgerichtig auch von einer schwulen Fangemeinde erfunden worden, der täuscht sich mächtig. Das wirklich Überraschende, wenn man sich zum ersten Mal mit der Thematik beschäftigt, ist, daß der überwiegende Teil der Phantasie und Kreativität von heterosexuellen Frauen entspringt.

Denkt man allerdings weiter, so wird einem schnell klar, daß die Vorstellung zweier Frauen, die sexuell zärtlich zueinander sind, allgemein als erregend akzeptiert ist – warum dann nicht auch diese Variante? Sabine Horst schreibt dazu:

„Schon die Bandbreite der Themen und Formen zeigt, daß die Motivationen der ‚Girls who love Boys who do Boys’ nicht ohne weiteres auf den Punkt zu bringen sind. (…) Dabei sind diese Fantasien kein bloßer Reflex homosexueller Praxis. Vielmehr scheint sich in den gleichgeschlechtlichen Akten der expliziten Slash-Stories etwas auszudrücken, für das die heterosexuelle Kultur selbst noch keine angemessene Form gefunden hat: eine unverstellte weibliche Liebe zur männlichen Anatomie.“

So, und jetzt kommen wir doch wieder in der guten alten Tradition der SchönerDenker auf das Persönliche. Ich bin schon lange ein Kirk/Spock-Fan und habe z.B. in YouTube die K/S-Videos abonniert (dort geben sich die Schöpferinnen übrigens bevorzugt vulkanische Frauennamen; eine der besten und eifrigsten Video-Slasherinnen, die ich sehr schätze, nennt sich T’Gin). Wenn ich sehe, mit wie viel Liebe und Verve die Blicke, Berührungen, Begegnungen zwischen Kirk und Spock zu Liebesfilmen zusammengeschnitten sind, die gestengenau auf die unterlegte Musik passen, wird mir nicht nur warm um’s Herz.

Sabine Horst hat Recht: Wann wird uns Frauen schon die Gelegenheit gegeben, unserer Begeisterung für geile, erotische, testosterongestählte Männer und ihren körperlichen Merkmalen zu frönen? Wann dürfen wir Entzücken, Rührung, Rausch äußern beim Anblick eines wundervollen männlichen Profils, vollendeter Schlüsselbeine, muskulöser Oberarme oder eben dann halt auch einer engen Hose? Was Frauen anzuturnen hat auf erotischem Gebiet, ist in einem Kanon festgeschrieben: Kerzen, Kuscheln, Passivität. Interessieren uns denn wahrhaftig nur der Humor und das Verständnis der Männer? Kriegen wir das nicht besser von unseren weiblichen Gefährtinnen, Kolleginnen, Freundinnen?

Genau hier setzen schon seit mittlerweile Jahrzehnten die Schöpferinnen des Slash ein, am häufigsten und liebevollsten mit der unschlagbaren Paarung Kirk/Spock. Denn auch wenn Kirk unzählige flüchtige Affairen hat, so bedeuten sie nichts angesichts der Enterprise, und selbst diese eine große Liebe Kirks bedeutet dann wiederum nichts, wenn es gilt, Spock aus einer mißlichen Lage zu befreien: um sein Leben zu retten, setzt Kirk ein ums andere Mal die Sicherheit der Enterprise und ihrer Besatzung aufs Spiel. Die tiefe Freundschaft, die Nachdrücklichkeit, mit der die beiden Männer immer wieder aufeinander rekurrieren, steht über allem. Nicht umsonst sagt Spock in der legendären Sterbeszene in „The Wrath of Khan“ und auch später in anderem Kontext:

„I have been and always shall be your Friend.“

Diese Freundschaft kann auf verschiedene Weise gelesen werden, aber ihre Intensität und Unerschütterlichkeit ist unbestritten. Dazu kommt natürlich noch die Tatsache, daß Star Trek zu einer Zeit entstand, in der die gesellschaftlichen Gefüge erste Anzeichen eines Umbruchs zeigten hin zu einer kommenden sexuellen Revolution. Diese Spannung ist unterschwellig bei Star Trek zu spüren.

Bis dahin waren Serien und Filme sauber und hygienisch rein (man denke nur an Doris Day als Extrembeispiel), adrette Frisuren, aseptischer Sex; auf unserem einzig wahren Raumschiff aber ist alles anders: Kirk schwitzt, Kleidung wird zerfetzt, die Frauen haben kurze Röcke an oder Gewänder, die am Körper kleben und keine Fragen offen lassen, ständig ist der Captain der Versuchung durch Sex ausgesetzt und der Sex ist polymorph (bedenkt: Infinite diversity in infinite Combination!). Es herrscht eine subtile aufgeheizte Atmosphäre, auf die Kirk mit seinem natürlichen „Brunftverlangen“ reagiert.

Eine Schlüsselfolge ist natürlich „Amok Time“ („Weltraumfieber“), die immer und immer wieder geslasht wird, in schriftlicher wie in visueller Form. Schließlich erklärt Spock dort seinem Captain: ein Vulkanier in dieser Zeit „must have Sex or die“. Die Episode war für alle Beteiligten, nicht nur für die Rezipienten, uns, die Fans, spektakulär. Wir dachten uns ja immer schon, was sich liebt, das schlägt sich … Leonard Nimoy erinnert sich an die Dreharbeiten:

„Ich war ziemlich aufgeregt, und bei den Proben fand ich immer mehr Gefallen an der Story. Insbesondere faszinierte mich die Dramatik jener Szene, die dem Kampf von Spock und Kirk folgt – damit meine ich die Auseinandersetzung, bei der Spock den Captain umzubringen scheint. Als wir die entsprechende Sequenz drehten und T’Pau „Glück und ein langes Leben“ sagte, da war ich fast überwältigt. Spock sollte antworten: ‚Für mich gibt es weder das eine noch das andere, denn ich habe meinen Captain und meinen Freund getötet.’ Ich brachte den Satz kaum heraus.“

Die schauspielerische Intensität der Szene verleitet sehr leicht zum Eindruck, daß es sich in Wirklichkeit um eine Love Story handelt oder zumindest um eine verstörend intensive und leidenschaftliche Beziehung. Und schließlich geht es ja darum, daß den Vulkanier Spock nur schneller Sex von seiner nervenzerfetzend fiebrigen Hitze befreien kann und daß er auf der Suche nach Vollzug in einem heftigen Kampf über seinen Freund und Captain herfällt!

Überhaupt wären Kirk und Spock nicht die „Mütter des Slash“, wenn ihre schauspielerische Leistung nicht so ergreifend und enthusiasmierend wäre. Das dürfen wir nicht vergessen. Beispielsweise mußte selbst George Takei, der unter William Shatners Ego während der Dreharbeiten sehr gelitten hat und alles andere als sein Freund war, in einem Interview einräumen:

„Er (Shatner) ist ein wunderbarer Schauspieler, der eine einzigartige Figur schuf. Keiner hätte Kirk so spielen können wie Bill. Seine Energie, Vitalität und Leidenschaft und sein überragendes Selbstbewußtsein – das ist Bill UND das ist Captain Kirk.“

Lassen wir dem Schöpfer von Star Trek und damit auch von Kirk und Spock das letzte Wort, während ich mich mit einem „Liebe! In welcher Form auch immer: Es ist Liebe!“ zurückziehe: Gene Roddenberry beantwortet die Frage, ob es so etwas wie Liebe zwischen Kirk und Spock gäbe, wie folgt:

„Yes, there’s certainly some of that – certainly with love overtones. Deep Love. The only difference being the Greek Ideal – we never suggested in the series – is physical Love between the two. We certainly had the feeling that the affection was sufficient for that.“

Literaturtipp

Sabine Horst
Im Bett mit Spock und Mulder: Die Neuerfindung des Sex im Slash.
In: Sabine Horst / Constanze Kleis (Hg.):
Göttliche Kerle. Männer – Sex – Kino.
Bertz 2002, S. 329 – 340.