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MOON: Filmischer Lichtblick von der dunklen Seite des Mondes

Die Üblichen Verdächtigen kommen aus „Moon“ und sind sehr zufrieden. Im Podcast sprechen Sie über den Weltraum-Bonus, die Vorbilder aus der SF-Geschichte, wenig Überraschungen, über angenehm wenig Bohei, einen tollen Schauspieler und über eine Geschichte, die es wert ist erzählt zu werden:

(c) Sony 2009

Hendrik weiß: Moon wird Freunde finden

Arbeiter Sam Bell schiebt die einsamste Schicht im Universum. Als einziger Bewohner einer Energiegewinnungsstation auf der erdabgewandten Seite des Mondes hat er drei Jahre lang keinen Kontakt zu anderen Menschen, mit Ausnahme der Videobotschaften seiner Bosse und seiner Familie. Seine einzige Gesellschaft ist eine künstliche Intelligenz, welche die Anlage wartet, während er im Mondtraktor unterwegs ist, um die von großen Erntemaschinen direkt von der Oberfläche gewonnene kostbare Substanz Helium-3 einzusammeln und mit unbemannten Raketen zur Erde zu schießen. Seine Schicht ist fast zu Ende, als ein Unfall geschieht, den Sam nur knapp überlebt – nur um daraufhin eine Entdeckung zu machen, die alles in Frage stellt, was er je gewusst zu haben glaubt…

Großes „JA!!“: es gibt sie noch: mit geringem Budget gedrehte intelligente SF, die es versteht, eine gute Story gekonnt zu servieren. Nachwuchsregisseur Duncan Jones bekennt sich in seinem Debut offen zu den von ihm dabei zitierten Vorbildern, Genreklassikern wie Lautlos im Weltraum und Outland. Das stört nicht im Geringsten, da es ihm (scheinbar mühelos) gelingt, über diese Anlehnungen hinaus eine eigenständige Story zu entwickeln.

Da er im Unterschied zu vielen seiner Kollegen in Hollywood lediglich ein sehr geringes Budget zur Verfügung hatte, kam er wohl auch schon deswegen nicht in Gefahr, effektgestützte Action versehentlich als Handlungssurrogat anzusehen. Wo sich zunehmend vermehrt die Level-to-Level-Logik aus Computer-Rollenspielen in Drehbüchern verwalzt sieht, weil man in vielen Produktionsfirmen seinen Zuschauern offenbar durchweg ADS unterstellt, hebt sich Moon durch seinen selbstbewusst gemächlich erzählten Plot hervor, der es sogar locker wegsteckt, dass der routinierte SF-Fan die <große Entdeckung> Bells meist schon vorausgeahnt haben wird. Denn die wahre Spannung ergibt sich gar nicht nur aus den äußeren Ereignissen, sondern aus der Entwicklung des Charakters.

Damit hat endlich mal wieder ein hervorragender Hauptdarsteller (Sam Rockwell, deutsche Stimme: Dietmar Wunder) viel Zeit, den persönlichen Konflikt einer Figur in einer spannungsvollen Situation auszuloten, statt sich nur von dramatischer Wendung zu dramatischer Wendung gehetzt zu sehen. Unterstützt wird er dabei würdig (fast) nur von seinem Dialogpartner, dem Stationscomputer, der im Original von Kevin Spacey und im Deutschen ebenso würdig von dessen bekannter Synchronstimme Till Hagen beigesteuert wird. Trotz des geringen Budgets sind übrigens sowohl das Setdesign als auch der Soundtrack rundum gelungen.

Die bereits 2008 in nur wenigen Wochen gedrehte britische Produktion hat sich auffällig unauffällig den Weg in die deutschen Kinos gebahnt: es gab keinerlei Vorabwerbung, und über ein Jahr lang schien Moon ein direkt auf DVD gewanderter Geheimtip bleiben zu sollen, den zumindest für Deutschland auch niemand einer Synchronisation für würdig erachten würde. Erst die durch Festivalaufführungen ausgelöste Flüsterpropaganda hat wohl dazu geführt, dass Moon es jetzt auch ins hiesige Kino geschafft hat.

Dort wird er, fürchte ich, nicht lange bleiben, aber im Unterschied zu  zahlreichen anderen Produktionen mit kurzer Leinwandverweildauer ist es hier definitiv nicht die geringe Qualität des Films, die das Problem darstellt – im Gegenteil: er ist, fürchte ich, schlicht zu gut für’s Massenkino. Allerdings wird er ohne Zweifel seinen dauerhaften Freundeskreis finden. Und den wird er dann auch noch haben, wenn ‚größere‘ Produktionen längst wieder vergessen sind. Mit uns hat er das jedenfalls geschafft.


Links

Brigitt Häring und Judith Wipfler in Sennhausers Podcast über Moon:

Florian ist voll des Lobes:

„Stattdessen fängt Jones, studierter Philosoph, ausschließlich die Reaktion zwei Menschen ein, die feststellen, dass ihr ganzes Leben eine Lüge ist. Gerade die vielfältigen Analogien zu den oben genannten Sci-Fi-Werken, aber auch literarischen Vorvätern wie Philip K. Dick lassen das Herz eines jeden Science Fiction Fans aufgehen. […] Erfreulich ist auch – wie angesprochen -, dass Moon durchweg seinen ruhigen und besonnen Charakter beibehält, ohne wie Sunshine in seinem Finale in ein Horror-Schema zu verfallen. Im Gegenteil, Jones inszeniert als wäre dies alles, aber nicht sein Spielfilmdebüt. Und insofern ist sein Debütfilm nicht nur ein viel versprechender Start in eine hoffentlich erfolgreiche Karriere, sondern auch einer der stärksten Beitrage innerhalb seines Genres.“

Auch Dennis Vetter gehört zum Moon-Fan-Club:

„MOON will zurück zu den plausiblen, psychologisch bzw. existenzialistisch geprägten Bereichen des Science Fiction Kinos, die vor allem in den Siebzigern und Achtzigern mit Filmen wie BLADE RUNNER(1982) oder OUTLAND(1981) – und natürlich mit Perfektion in einigen Filmen Andrej Tarkovskys – erkundet wurden. Ein lobenswerter Ansatz, hier anzuknüpfen. Noch lobenswerter ist, dass Jones seinem Vorhaben auch gerecht werden konnte.“

Der Abspannsitzenbleiber weckt die Vorfreude auf den nächsten Film von Duncan Jones:

„Duncan Jones ist, was ich vorher nicht wusste, der Sohn eines sehr berühmten Mannes und hat, bevor er “zum Film” ging, Philosophie studiert. Dabei beschäftigte er sich auch mit Ethik bei Künstlichen Intelligenzen, wie er bei der kleinen Fragestunde nach Filmende erzählte. Bei der er im übrigen einen höchst sympathischen Eindruck machte und bereits sein nächstes Projekt ankündigte, auf das man sich sehr freuen kann: Eine Blade-Runner-artige Geschichte, die in einem futuristischen Berlin spielen soll.“

Moon läuft in Mainz im Programmkino. Mehr Kritiken bei film-zeit.de.