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„Präludium“: Mit Blaulicht durch die Zukunft (Dritter Einsatz)

Hendrik (weitgehend spoilerfrei) über „Präludium“, den neuen dritten Band der Zukunftsthriller-Reihe „Sektion 3: Hanseapolis“ von Miriam Pharo.

Nachdem wir vor geraumer Zeit schonmal den Eröffnungsband der SF-Krimiserie „Sektion 3: Hanseapolis“ mit einer Rezension und einem Autorinneninterview gewürdigt hatten, ist die Reihe mittlerweile mit „Präludium“ in ihrer dritten Erzählepisode angelangt: Zeit, einen Blick darauf zu werfen, ob der vielversprechende Anfang eine versprecheneinlösende Fortführung erfahren hat.

Ein schmuckes Stück SF-Krimi

Zur Erinnerung bzw. Einführung – das Grundkonzept der Reihe folgt einer gut etablierten Tradition des kleinen Subgenres SF-Krimi: man nehme einen oder mehrere möglichst interessante Ermittlerfigur(en), platziere sie in einer mehr oder weniger nahen, meist hochtechnisierten Zukunft und lasse sie dort gute alte Polizeiarbeit leisten. Das Böse ist zumeist auch dort das gute alte Böse, weil die menschliche Habgier bekanntlich nicht ausstirbt, es hat aber häufig zwischenzeitlich die Technohosen an, und denen lässt sich mit einer oft reizvollen Kombination aus futuristischem Schnickschnack und altmodischer Detektivarbeit entgegentreten.

Das Konzept hat schon so einige AutorInnen – Asimovs „Die Stahlhöhlen“ wäre ein gutes frühes Beispiel – beschäftigt und ist dann oft auch in filmischer Variante umgesetzt worden – mal mehr (“Blade Runner“), mal weniger („Spacecop L.A. 1991“) gelungen, auch mal explizit humoristisch („Demolition Man“), meist insgesamt jedoch als zumindest akzeptables „guilty pleasure“ („I Robot“, „Minority Report“, „Robocop“). Die Kombination hat damit offenbar etwas von No. 54 bei irgendeinem Pizzaservice der Stadt: richtig originell oder hochwertig ist es selten, aber man kann sich’s doch in Abständen immer wieder mal antun.

Die Wahlmünchnerin Miriam Pharo hat ihrer Reihe die grundlegende Besonderheit mitgegeben, die Handlung nicht mal wieder in New York, San Francisco oder Los Angeles anzusiedeln, sondern vornehmlich in Hanseapolis, einer im Jahre 2066 in Norddeutschland bestehenden gigantischen Küstenmetropole, wo, wie in einem solchen Moloch zu erwarten, die Reichen besonders reich, die Armen besonders arm, die Bösen besonders böse und damit die Verbrechen besonders übler Natur sind. Kleiner Teil der Polizeiorganisation, welche hier die Ordnung aufrechtzuerhalten versucht, ist das Ermittlerduo Louann Marino und Elias Kosloff, wiederum eine beliebte und als meist gut funktionierend bestätigte Konstellation: ein alter, stahlharter Knochen mit eigenen Methoden und mehr als einem dunklen Geheimnis, dazu ein Neuling mit Idealen und Skrupeln, der seine Feuerprobe zunächst noch vor sich hat, aber zuweilen auch weiterkommt, wo der alte Knochen scheitert.

In „Präludium“, dem jetzt vorliegenden dritten Band der Reihe, haben sich Veteran Kosloff und Juniorpartnerin Marino schon weitgehend miteinander arrangiert und bereits – mehr oder weniger – gelernt zusammenzuarbeiten. Die junge Frau hat ihre Feuerprobe bestanden und wird von Kosloff akzeptiert. Das Ermittlerduo wird in einen Mord hineingezogen, der sich eigentlich in der restaurierten und zum exklusiven Erholungspark verwandelten Stadt Venedig zugetragen hat; der Mörder soll sich nun in Hanseapolis herumtreiben. Sehr rasch überschlagen sich die Ereignisse: eine kristallisierte Leiche wird gefunden, eine Reihe hochwertiger mysteriöser Artefakte wurde gestohlen, und einige sehr zwielichtige Gestalten sind auf der Jagd nach einer alten Klavierpartitur… und mehr vom Inhalt wird nicht verraten.

Miriam Pharo hat beim Erzählen ein gut ausbalanciertes Gefühl dafür, wie man die verschiedenen Handlungsstränge aufbauen, beschleunigen, abbremsen, teilen und wieder zusammenführen muss, um dem Krimifan ein entspannt-flottes Kawuppdich der Lesefreude zu bereiten. Zuweilen kam mir zwar die Verwendung einschlägiger Requisiten – machtgierige Ex-Militärs, Supertechnologie, hier noch Alienartefakte, da noch ein Geheimbund – ein wenig inflationär vor, und im falschen Lesemoment wirkt das etwas beliebig. Jedoch scheint mir das im Grunde vor allem dem sich langsam etablierenden Seriencharakter von ‚Sektion 3‘ geschuldet: manche Fäden werden für die Fortsetzung offengelassen, andere aus den vorherigen Bänden aufgegriffen, wieder andere für den Augenblick nur kurz angerissen. Die Welt ist halt, was sie ist: kompliziert und vernetzt. Statt mich also über gelegentlich fragmentarisch bleibenden Elemente zu ärgern, freue ich mich, dass Miriam Pharo sich erfolgreich so viel Mühe gibt, die potentielle Eindimensionalität eines hardboiled SF-Krimis zu erweitern, ohne ihre Story und deren Eigendynamik aus den Augen zu verlieren.

Die Handlungsorte sind – wie auch schon im zweiten Band, der u.a. sogar auf den Mond führte – nicht nur innerhalb der weiten Stadtgrenzen von Hanseapolis gelegen, sondern viel weiträumiger verteilt. Das ist einerseits reizvoll, weil Pharos Ideen für einen Alltag der Menschheit im Jahr 2066 so immer neuen Nährboden finden, aber die Tiefenschärfe der Beschreibung, die sich aus der Beschränkung auf einen einzelnen Ort ergibt, geht zwangsläufig etwas verloren. So gibt die Reihe zunehmend etwas von ihrem im Titel genannten Regionalbezug auf – aber stört das? Den Hanseapolisfan ja, den Kosloffmarinofan nicht.

Zuletzt: Da ich selbst mal Creative Writing unterrichtet habe, war für mich der Ansatz der Autorin besonders interessant, die 24 Kapitel des Romans atmosphärisch an den Tempi der 24 Präludien Chopins auszurichten, um deren Urschrift es im Roman u.a. geht. Das klingt zunächst ziemlich aufgesetzt, jedoch ist Miriam Pharo eine Erzählerin, der man die spielerische Freude am Entwickeln ihrer Geschichte jederzeit anliest, und so vollzieht man ihr Spiel gerne lesend nach und nimmt daran teil, zumal sie nicht den Fehler begeht, das Programm über den Fortgang der Geschichte zu stellen. Im Gegenteil: Eine Kapiteleinleitung wie

„Presto con fuoco*

Ein Desaster! Leilas Gedanken wirbelten durcheinander, während ihre Finger hektisch…“  [*etwa: ’schnell & feurig‘]

lässt mich grinsend anerkennen, dass hier das eine wunderbar zum andern passt und mich weiter gerne der Erzählerin anvertrauen.

Alles in allem und kurz & knapp: Prädikat kurzweilig & lesenswert. Was Besseres kann man von einem SF-Krimi sagen?

Abschließend noch ein Lob an den Verlag: das Cover des Buches ist für diesmal gut gelungen, da es tatsächlich Aspekte des Romans andeutet, ohne zugleich zuviel vorwegzunehmen. Ein Stück venezianisches Weichbild, dahinter eine futuristische Pyramide der Sorte, die seit Ridley Scott automatisch wie eine „Blade Runner“-Anlehnung herüberkommt, ob sie will oder nicht. Links vorne wird eine Figur dargestellt, die tatsächlich eine der Hauptfiguren des Romans ist. Früher hätte ich sowas für selbstverständlich gehalten, heutzutage – und gerade bei Taschenbüchern – bin ich bereit, bereits lobend anzumerken, wenn ein Cover nicht nur irgend nachvollziehbare Bezüge zum Buchgenre, sondern womöglich noch zu Details des Inhalts hat. Schön, dass der Verlag sich hierfür die Zeit genommen hat.

MIRIAM PHARO, „Präludium“ (Sektion 3: Hanseapolis), 2012 Acabus Verlag, 978-3-86282-149-5.

Diese Rezension stammt von Hendrik Schulthe und steht wie immer unter Creative Commons.