Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Mögest Du in interessanten Zeiten leben.“ Chinesischer Fluch.

Kommissarin Emilia Capelli, genannt Em, ist sauer. Erst geht ihr Partner in Elternzeit (Memme!), der von ihr bevorzugte Kollege wird nicht sein Nachfolger (nicht nachvollziehbare Chef-Entscheidung!), sondern eine Frau! Mai Zhou, Deutsch-Chinesin mit FBI-Ausbildung, optisch das genaue Gegenteil von Em, die gerne robust, fast frauenfeindlich, auftritt. Mit dieser Art vergeigt sie die erste Begegnung. So hatte sich Mai die Rückkehr in ihre Heimatstadt Frankfurt nicht vorgestellt.

mit freundl. Genehmigung von dtvWas die beiden Frauen insgeheim eint, ist scharfe Intelligenz und natürlich Ehrgeiz. Beides brauchen sie in ihrem neuen Fall dringend. Eine Frau erhält einen anonymen Brief:

Theo hat versagt. Tja, Glück für Dich! Ich schätze, das bedeutet, dass nummer sibn Dir gehört. Masl-tòw! Wohlan denn: Folge dem Pfad der Erleuchtung, und er wird Dich ans Ziel führen. Allerdings solltest Du Dich lieber beeilen. Die Adresse ist: Fordstraße 237. Ach übrigens, ihr Name ist jennifer, falls es Dich interessiert.

Die Panik der Briefempfängerin und die Neugier ihres Mannes führen zu einer entsetzlich verunstalteten Leiche einer Frau, die ihnen noch dazu völlig unbekannt ist. Da wissen die herbeigerufenen Kommissarinnen noch nicht, dass die Tote bereits das vierte Opfer eines Serientäters ist. Ein Soziopath, der auf eine höchst komplizierte Weise seine Opfer auswählt, langsam tötet und dann noch andere einbindet, die Leichen zu finden. Es dauert lange, bis Em und Mai ein Muster erkennen. Dem Täter geht es um Schuld, um ein mathematisches Rätsel und um den scheußlichen Abzählreim „Zehn kleine Negerlein“. Die Fäden laufen bei einem Psychologen zusammen, der früher forensische Gutachten erstellt hat, natürlich wird er als Erster verdächtigt. Doch das wäre viel zu einfach …

Judith Winter erzählt intelligent, spannend, perfekt irritierend, sodass ich möglichst wenig Handlung verraten möchte, man muss sich dem Buch einfach ergeben. Sie lässt dem Leser immer nur gerade so viel Wissensvorsprung über die Mordopfer, um den Fall nicht vor den Ermittlerinnen zu lösen. Genial.

Ihre Personen sind auf das Feinste ausgearbeitete Charaktere, auch ihr Sprachstil ist ein Genuss, noch dazu gibt es bei allen Schrecklichkeiten, die die Morde beinhalten, immer wieder köstlich-humorvolle Dialoge im Kommissariat. Auch fühlte ich mich an sehr gute amerikanische Kriminalfilme erinnert. Sehr schön die Idee, die Kapitel mit chinesischen Sprüchen einzuleiten. Mein liebstes Zitat: Mögest Du in interessanten Zeiten leben. Chinesischer Fluch.

Zum Lese-Glück sitzt Judith Winter schon am zweiten Band.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken
(Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Judith Winter
Siebenschön
dtv € 9,95
ISBN 978-3-423-21489-6

Lesenswert: Interview mit Judith Winter