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The Future … revisited (Folge 2)

The Future … revisited: schoener-denken entkorkt alte Jahrgangs-SF und testet die Nachhaltigkeit des Bouquets wiederveröffentlichter alter Science Fiction-Filme

Heute auf der Karte: Hendrik über Halbe Welt (1993)

Vorgeschmack

Als nächsten Verkostungsanwärter in der Reihe haben wir eine europäische Produktion auf dem Programm, die erst sechzehn Jahre jung und damit natürlich noch einige Jahre von einer wirklich ernsthaften Diskussion über eine eventuelle Reifung zum Klassikerstatus entfernt ist.

Na, SOOO trocken ist der Film auch wieder nicht ...

Na, SOOO trocken ist der Film auch wieder nicht ...

Es handelt sich um die 1993 unter der Regie von Florian Flicker gedrehte österreichische Dystopie Halbe Welt, unter Mitwirkung von Rainer Egger, Dani Levy, Maria Schrader und anderen. Der – so sagt es das DVD-Cover – „spottbillige, aber vor Einfällen übersprudelnde Science Fiction-Film“ ist 2007 als Nr. 97 in der Reihe „Der Österreichische Film – Edition Der Standard“ erschienen, in der ich vor einiger Zeit auch Wolfgang Liebeneiners Erster April 2000 von 1952 entdecken durfte.

Halbe Welt

1.

„Guten Abend. Es gibt Frühstück!“

Dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich Lebensräume zu erschaffen, in denen er selbst kaum zu überleben, geschweige denn glücklich zu sein vermag, ist eine häufig bewiesene, traurige Tatsache und an sich nur bedingt erzählenswert.

Aber welche grotesken Wege er beschreitet, um in genau einer solchen Welt doch beides zu vollbringen, ist in vielerlei Genres der Stoff großer Geschichten. Ob inmitten eines Krieges, am unteren Ende einer ausbeuterischen Gesellschaftshierarchie oder in den verseuchten Resten einer ehemals paradiesischen Welt, die sich homo sapiens zugezogen hat und nun im Todeskampf liegt: stets finden sich die schicksalhaften Ausgangspunkte und erzählerischen Lichtblicke in den von den Wächtern und Observierungskameras nicht beleuchteten Nischen.

Dort gedeihen sie: die freiwilligen und die unfreiwilligen Helden, die kleinen Fluchten, die eigentlich unmöglich gemachten, aber durch Mutation ins Skurrile dennoch beharrlich überlebenden Augenblicke des individuellen und unüberwachten Glücks.

Der, wie der Regisseur Florian Flicker gerne berichtet, seinerzeit u.a. auch von dem Sommelier skurriler Filmphantastik Terry Gilliam für gut befundene Low Budget-Film Halbe Welt spielt in einer namenlosen europäischen Metropole irgendwo in naher Zukunft. Der Aufenthalt im Tageslicht ist zu einer tödlichen Gefahr geworden, und das menschliche Leben spielt sich nachts und unterirdisch ab. Bei Tagesanbruch ertönen Sirenen, und jede Wiese, jede Straße, jede Terrasse, jeder Sonnenfleck hinter jedem Zimmerfenster verwandelt sich in eine tödliche Zone. Das Leben, wie wir es noch kennen, legt sich zur Ruhe und erwacht erst wieder, wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt.

Zugleich werden die Menschen von den allgegenwärtigen weißgekleideten Polizisten des Konzerns Luna gezwungen zu vergessen, dass es je ein anderes, natürlicheres Leben gab, denn nur Luna verwaltet und überwacht die Erinnerung und die Geschichte. Und so werden Kitschpostkarten von Sonnenuntergängen und Waldidyllen zu begehrter Schwarzmarktware, und Anarchisten bekleben Häuserwände mit Fototapeten und Parolen. Die Nacht und der Untergrund gehören dem System und auch dem Kampf gegen das System. Der sonnenversengte Tag gehört den Wächtern und denen, die ihr Leben für ein paar Kisten Schmuggelware zu riskieren bereit sind. Und auch denen, die das schlichte kurze Glück, das Gesicht unverhüllt Wind und Sonne auszusetzen, bereitwillig mit diesem Leben bezahlen. Warum das? Weil das bloße Überleben eben doch nicht genug sein kann.

2.

Das alles wird ernst, zugleich mit genau der richtigen Beimischung von Selbstironie und Humor, erzählt ohne viele Worte und mit noch weniger futuristischen Effekten. Es gibt keine Helden, lediglich Figuren, denen man immer wieder begegnet, und deren Geschichte man nicht aus pathetischen Lebensbeichten abliest, sondern aus der Art und Weise, in der sie z.B. mit größter Selbstverständlichkeit erst einmal zur Waffe greifen, wenn es an der Tür klopft.

Wir begegnen, wem wir zu begegnen erwarten in den lichtlosen Korridoren, Kellern und abgedunkelten Wohnungen der Nichtkonformen:
Es gibt die Barbesitzerin mit dem jungen Körper und dem alten Blick.
Es gibt den nicht unterzukriegenden Schwarzhändler, der ständig und überall irgendwas zu verkaufen hat, sich, wenn es schlecht läuft, aus Mülltonnen ernährt, um am nächsten Tag, wenn dann ein Deal geklappt hat, in der Bar alle freizuhalten.
Es gibt den mürrischen Bastler, der sich auf seine ganz eigene Weise an dem Polizisten rächt, der seinen Laden ausräumt; es gibt die draufgängerische Diebin und den abgebrühten Fahrer des illegalen Tageslichttaxis.
Und natürlich gibt es auch ihn, den Träumer, der irgendwann einmal zu oft im Auftrag des Luna-Konzerns beschlagnahmte Bilder der Vergangenheit vernichtet hat und sich irgendwann vom System abwendet, weil sein Hunger nach echtem Leben einfach zu groß wird.

Mit ganz wenigen Ausnahmen erreicht der Film sein Ziel der Darstellung einer nahen, erschreckenden Zukunft mit einfachsten Licht-, Farb- und Stimmverfremdungen, was für den effekteschwelgerischen Gaumen zunächst einmal eine herbe Enttäuschung darstellt. Auch wer z.B. eine vollmundige Note in Form einer Identifikationsfigur erwartet, sieht sich zurückgesetzt: die hier gezeigten Charakterzeichnungen sind bloße Schnellskizzen: Momentaufnahmen von Fremden, die Fremde bleiben müssen in einer licht- und wortkargen Welt. In diese blenden wir uns nur für einen 83 Minuten währenden Augenblick ein, und dieser eine Augenblick ist aus der Makroperspektive nur ein Augenblick wie alle anderen in dieser bizarren Welt: das System wird nicht umgestürzt, und schon einen Korridor weiter bemerkt niemand mehr etwas von dem, was hier geschieht.

Doch gerade wegen seiner teils freiwilligen, teils vom Budget erzwungenen Konsequenz funktioniert der Film und erlangt Glaubwürdigkeit. Er bietet aus heutiger Perspektive wenig Neues, das Vertraute jedoch mit einer persönlichen Ganzherzigkeit, welche eine Empfehlung völlig rechtfertigt. Zumindest für den, der Science Fiction zuweilen mit Brian Aldiss versteht als „die Suche nach einer Definition des Menschen und seiner Stellung im Universum“ und nicht nur als genüsslich-kindliches Phantasiegelage mit Laserstrahlen (welchletzteres natürlich auch mal seine Rechtfertigung hat!).

Abgang

Als großer Klassiker wird sich, wie ich mal vorausgreifend prognostiziere, der Film außerhalb der doch recht übersichtlichen Science Fiction-Filmbauregion Österreich sicher nie etablieren, schon weil es SF, die ohne den Geschmacksverstärker großer Effekte auskommt bzw. auskommen muss, schon immer ausgesprochen schwer hatte. Den Achtungserfolg, mit extrem karger Budgetdüngung das an Aussage und Intensität geschafft zu haben, was Hollywood auf ganz anders ausgestatteten monetären Lagen – wenn überhaupt – nur mit zehnfachem Aufwand gelungen ist, kann man ihm aber ganz klar nicht wegdiskutieren.

Wie schön, dass es gute Science Fiction auch weit unterhalb der 10 Millionen Dollar-Grenze geben kann.

Soweit für heute.

Hendrik Schulthe für schoener-denken

Redaktionelle Anmerkung: Die podcast-Version der ersten Folge wurde mittlerweile nachgereicht: hier!