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Darwin und das Erdbeben von Chile

Götz Kohlmann spürt einem Darwin nach, der sich auf unsicherem Grund bewegt:

Während seiner Reise um die Welt mit dem Expeditionsschiff „Beagle“ verbrachte Darwin auch eine längere Zeit in Chile. Eines Tages wurde er dort Zeuge eines gewaltigen Erdbebens. Allerdings hielt er sich zum Zeitpunkt des Bebens nicht in einer Ortschaft auf, sondern befand sich in einem Wald nahe des pazifischen Ozeans. So kam es, dass er das Beben zunächst nicht als Katastrophe, sondern als „zutiefst interessantes, aber keineswegs furchterregendes Phänomen“ erlebte. Es war der 20. Februar 1835. Im Wissen um Darwins späteres Werk und dessen heutige Bedeutung nimmt das Erlebnis einen prophetischen, gleichnishaften Charakter an.

„Ich war gerade an der Küste und hatte mich im Wald niedergelegt, um auszuruhen“,

schreibt Darwin in seinem Reisetagebuch. Ein Wald in Meeresnähe: ein romantischer Topos, der Assoziationen weckt, der Wald als Ort des Geheimnisvollen und Unheimlichen, als die Lokalität, in der sich im Märchen alle Schrecken und manche Wunder verbergen, in der man mit ungeheuren Begegnungen rechnen muss, die sich außerhalb der Gegenwart ereignen.

Ich stelle mir die Bäume jenes Waldes vor, in dem Darwin lag, und es sind alte, von Stürmen gebogene und zerzauste Kiefern und ich stelle mir vor, dass er dem Sausen in ihren Nadeln lauschte. Vielleicht war da kein anderer Laut, als dieses Sausen. Mir fällt auch Hitchcocks „Vertigo“ ein, der Wald der Mammutbäume in Kalifornien, in dem Kim Novak unter den Blicken James Stewarts somnambul umherwandelt, einer lebenden Toten gleich, der Zeit enthoben. Darwin ist nicht allein, ein Begleiter ist bei ihm, und doch ist es, als sei diese Erfahrung in dieser Weise nur ihm zugedacht gewesen. Darwin schreibt:

„Es brach unvermittelt aus und dauerte zwei Minuten, doch erschien die Zeit viel länger. Das Schwanken des Bodens war deutlich zu spüren … Es war nicht schwer aufrecht zu stehen, doch die Bewegung machte mich fast schwindelig; sie glich der Bewegung eines Schiffes in einem kleinen Wellenschlag von querab oder eher noch jener, die man empfindet, wenn man auf dünnem Eis Schlittschuh läuft und dieses sich unter dem Körpergewicht beugt.“

Darwin zeigt sich in diesem Augenblick der Gefahr ganz und gar als Naturwissenschaftler; es fasziniert ihn, dass die scheinbare Gewissheit des festen Bodens unter den Füßen sich als trügerisch erweist. Scheinbare Gewissheiten zu hinterfragen, zu stürzen und neue zu errichten – das ist es auch, was auf der Fahne der Wissenschaften steht. In Darwin selbst bereitet sich auf dieser Weltreise ein Beben vor, ein intellektuelles Beben, das Jahrzehnte später, nach stiller Arbeit in einem südenglischen Landhaus, die Grundfesten menschlichen Denkens erschüttern sollte. Es klingt in diesen Tagebuchzeilen schon an, dass Darwin einst bereit zum Äußersten sein würde.

„Es ist, als würde man einen Mord gestehen“

so äußert er sich selbst in einem Brief an den Botaniker Joseph Hooker über die Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie. Der unvoreingenommene, freie Blick auf die Dinge – das war die Voraussetzung für das Werk, das von ihm zu schaffen war. Und war er auch mit diesem Blick begabt, so hat es ihn dennoch auch immer wieder Überwindung gekostet, mit dem Herkömmlichen, insbesondere wenn es den religiösen Glauben tangierte, zu brechen. Das Erdbeben ermöglicht ihm einen solchen Blick, quasi ohne eigene intellektuelle Mühe:

„Ein schlimmes Erdbeben zerstört mit einem Mal unsere ältesten Bindungen: Die Erde, das Emblem von Festigkeit schlechthin, hat sich unter unseren Füßen bewegt wie eine dünne Kruste über Flüssigkeit – eine Sekunde der Zeit hat im Geist einen seltsamen Begriff von Unsicherheit geschaffen, wie ihn stundenlanges Nachdenken nicht erzeugt hätte. Im Wald, wo ein Wind die Bäume bewegte, spürte ich nur die Erde beben, sah aber keine weiteren Auswirkungen.“

Der Wind in den Bäumen – das er dies hervorhebt, zeigt: der Augenblick hatte bei aller Nüchternheit, die Darwin auszeichnete, durchaus eine naturmystische Dimension für ihn. Er war sich bewusst, dass er da mit etwas in Kontakt kam, das, wenn es ihm auch keine Furcht bereitete, so doch Ehrfurcht gebot. Das Seltsame ist denn auch, dass aus diesem Moment der Verunsicherung ein tiefes Vertrauen spricht. Doch Vertrauen in was? Vertrauen in das eigene Geschick.

In den folgenden Tagen besichtigt Darwin mehrere Städte, die von dem Erdbeben, einem der schwersten seit Generationen, und einer nachfolgenden Flutwelle verwüstet wurden. Er schreibt:

„Beide Städte (Talcahuano und Concepción) boten das schrecklichste und dabei auch interessanteste Schauspiel, das ich je gesehen hatte.“

Darwin war ein Mann mit zwei Gesichtern: sehr einfühlsam und des Mitleids fähig und immer zugleich kühler, distanzierter Beobachter und Phänomenologe. Und er lässt sich nun von Augenzeugen all jene Schrecken schildern, von denen er, weil er sich ja zum Zeitpunkt des Bebens innerhalb der Natur befand, verschont blieb. Dies mündet dann in eine visionäre Betrachtung, in ein Katastrophenszenario: er stellt sich vor, England würde von einem Erdbeben heimgesucht. Es ist ihm klar geworden: je höher der Grad der Zivilisation, desto verheerender die Folgen einer Naturkatastrophe. Was würde also„mit den hohen Häusern“, „mit den dicht gepackten Städten, den großen Fabriken“ seiner Heimat? Keine Frage: „England wäre auf einen Schlag bankrott“.

Das Erdbeben per se ist gar keine Katastrophe, es wird nur im Aufeinandertreffen mit den menschlichen Werken zu einer solchen. Der Gedanke der Theodizee ist Darwin fremd, die Frage also, wie man Gott mit Blick auf die von ihm in der Welt zugelassenen Übel und angesichts des Bösen rechtfertigen kann. Das entsprach nicht seiner Vorstellung von Gott. Gott war nicht der allzeit gütige, alte Herr mit dem weißen Rauschebart. Wenn er überhaupt etwas war, dann etwas, dem wir mit unseren menschlichen Begriffen und Kategorien nicht beikommen.

Und wie, um dieser seiner Auffassung eine ironische Gestalt zu geben, glich sich Darwin selbst im Alter jenem naiven Bild, das sich viele seiner Zeitgenossen noch immer von Gott machten und das die Kunstgeschichte in ihrem Dienst als Illustrator religiöser Inhalte überlieferte, mehr und mehr an. Er ließ sich einen langen weißen Bart wachsen (der simple Grund war, dass sich beim Rasieren Pusteln gebildet hatten) und sah mindestens wie ein biblischer Urvater oder der Stammvater des Menschengeschlechts aus. Und um seiner Botschaft, der Mensch sei irgendwie mit dem Affen verwandt, spöttischen Nachdruck zu verleihen, versanken die Augen immer tiefer in ihren Höhlen und der von buschigem Haar gekrönte Augenbrauenbogen des Stirnbeins wurde immer wulstiger, erinnerte immer mehr an die Physiognomie der Menschenaffen, so als habe sich gerade in ihm, Darwin, jener Erbstrang am offensichtlichsten erhalten.

Überraschend war es denn auch im Zuge des 200. Geburtstages nun einmal Fotografien und Bilder zu sehen, die den jungen Darwin und den Mann im mittleren Lebensalter zeigen, ohne Bart, ein zwar schon markantes, aber noch keinesfalls mythisches Gesicht – diese Bilder löschten die aberwitzige Phantasie aus, Darwin sei bereits alt zu Welt gekommen. Nein, er wurde auch erst langsam zu dem, der er nun im Menschheitsgedächtnis ist und die Erfahrungen der Reise mit der „Beagle“ hatten großen Anteil daran. Am Ende des Tagebuchs zieht er ein Fazit seiner Erlebnisse. Er kommt auch noch einmal auf das Erdbeben zurück und fasst zusammen, was es ihn gelehrt hat: Demut.

„Wenn wir sehen, wie die mühevolle Arbeit des Menschen in einem Augenblick umgestoßen wird, empfinden wir die Bedeutungslosigkeit seiner angemaßten Macht.“

Link

Götz über Charles Darwins „Die Fahrt der Beagle“