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Ein großer Schritt für die Menschheit und ein kleiner Schritt für jeden Menschen – Die Lange Erde von Terry Pratchett und Stephen Baxter

Hendrik geht schon etwas vor auf der Langen Erde, dem neuen Romanzyklus von Terry Pratchett und Stephen Baxter – und versucht dabei, nicht zuviel zu verraten.

Die Erwartungen waren naturgemäß hoch, als zwei der bekannteren Namen der zeitgenössischen Phantastik vor Jahren ihre Arbeit an einem gemeinsamen Projekt bekanntmachten: einem Science Fiction-Zyklus auf Basis einer – wie es sich für einen guten SF-Zyklus gehört – wirklich hochinteressanten Idee:

Es gibt nicht nur eine Erde. Es gibt hunderte, tausende, hunderttausende von Erden, und sie alle sind nur einen einzigen Schritt von hier entfernt. Denn um sie zu erreichen, bedarf es keiner Weltraumrakete, man muss nicht einmal die Schuhe wechseln, man macht ganz einfach den Schritt ins nächste Universum und steht auf genau der gleichen Stelle einer anderen Erde. Und dann betritt man die übernächste, die überübernächste. Und so weiter.

Unsere Erde ist nur eine von vielen in einer unendlich scheinenden Kette von Erden, die unserem Heimatplaneten mal mehr, mal weniger ähneln – während die erste Nachbarerde vielleicht einfach nur wie unsere Erde ohne Häuser und Straßen aussieht (denn Menschen gibt es ursprünglich nur bei uns), mag irgendein Phänomen auf der übernächsten Erde bereits ein anderes Klima geschaffen haben. Und je weiter man reist, desto stärker werden die Abweichungen von dem, was wir als die eine Erde kennen, und man gelangt zu den Erden, bei denen sich die Kontinente nicht entwickelt haben und die reine Wasserwelten sind, oder zu den Eiserden, den von Kometen zerklüfteten Erden und so fort.

Und es ist nicht das Werk einer hochspezialisierten, unglaublich raffinierten und geheimlaborversteckten Teufelsmaschinerie, welche den Schritt von Erde zu Erde zu Erde ermöglicht. Nein, ein Wissenschaftler hat im Alleingang die Anleitung für ein ganz einfaches Gerät erstellt, einen sogenannten „Stepper“, das von jedem halbwegs geschickten Hobbybastler nachgebaut werden kann, und diese veröffentlicht. Von einem Tag auf den anderen ist praktisch jeder Mensch, wenn er will, ein Welteneroberer.

Terry Pratchett darf man ganz sicher als den wichtigsten lebenden Fantasyautoren bezeichnen; seine bisherigen Erzählbeiträge zur Science Fiction waren bislang dagegen eher selten und unspektakulär, wenngleich er eine Reihe äußerst unterhaltsamer und lehrreicher Infotainmentbücher (The Science of Discworld) mitveröffentlicht hat.

Stephen Baxter ist im Deutschen weniger bekannt, jedoch tatsächlich seit Jahrzehnten im stark naturwissenschaftlich orientierten Sektor der Science Fiction sehr fleißig und erfolgreich.

Beide Autoren gemeinsam entwickeln ihre Idee erzählerisch auf genau die schrittweise, zunächst behutsame, dann zunehmend forschfreudige Art, wie nun auch die Menschheit ihren plötzlich unendlich großen Lebensraum erkundet. Sie erzählen vor allem die Geschichten einiger einzelner Menschen – z.B. von dem Waisenjungen, der in jener Nacht, als zeitgleich mit ihm viele andere das aus Spaß nach dieser komischen im Internet herumgeisternden Anleitung zusammengebaute kleine Kästchen ausprobieren, einer von vielen ist, die sich plötzlich auf einer bis auf sie selbst völlig menschenleeren, wilden Welt wiederfinden. Während jedoch die meisten um ihn her in Panik ausbrechen, behält er einen klaren Kopf und bringt viele der verzweifelten und verwirrten Kinder seiner Nachbarschaft heil wieder nachhause.

Sie erzählen von der Polizistin, die ihn beschützt und seinen weiteren Werdegang verfolgt. Von der Tochter des Erfinders jenes kleinen Geräts. Oder von dem Mann, der die clevere Idee hat, auf der nächstgelegenen Erde dort nach Gold zu graben, wo es in unserer Geschichte die größten Funde gegeben hat. Oder die Geschichte einer Familie, die mit einer der ersten Siedlergruppen zu einer weit entfernten Erde aufbricht, dabei jedoch den Sohn zurücklassen muss, der zu der kleinen Gruppe von Phobikern gehört, die zu einem Wechsel der Welten nicht fähig sind.

Zugleich erzählen sie von den Regierungen, die keine Ahnung haben, ob das Land mit der mehr oder weniger gleichen Form wie hier auf der nächsten und übernächsten und überübernächsten Welt nun eigentlich zu ihrem Territorium gehört oder nicht. Von den Abenteurern und Plünderern, den auswandernden Sekten. Von den auf der Erde Zurückbleibenden, welche die Weltenreisenden für Verräter halten. Und sie erzählen von den anderen Erden selbst und dem, was dort lebt. Und vor allem auch: von den anderen Reisenden, denen die Menschen irgendwann zu begegnen beginnen…

Was mir an The Long Earth gefiel, war genau dieses allmähliche erzählerische Erkunden der Gestalt dieses neuen Kettenuniversums, welche auch die Menschen zunächst kindlich naiv, dann mit wachsender Sicherheit und Wissbegierde erkunden. Was geschieht, wenn ich vom 1. Stock eines Hauses aus auf eine Erde wechsle, auf der es keine Häuser gibt? Was geschieht, wenn ich an eine Stelle springe, an der sich ein Felsen oder ein Baum befindet? Wie weit kann ich reisen? Wie viele Erden gibt es auf dieser Perlenschnur von Welten, und wie unterscheiden sie sich? Warum ist Eisen das einzige Material, das man nicht in eine andere Welt mitnehmen kann? Gibt es eigentlich noch irgendwo einen sicheren Ort, wenn jeder, der nicht durch die Tür hineingelangt, einfach den Umweg über die benachbarte Erde nehmen kann? Was bedeutet diese plötzliche unendliche Erweiterung ihres Lebensraumes für die Menschheit? Mit spürbarer Freude am gemächlichen Entrollen dieses Möglichkeitenteppichs ertasten Pratchett und Baxter ihre eigene Idee.

Manche Pratchett-Leser werden dennoch dabei von dem Roman in einer Hinsicht enttäuscht sein, denn er ist zwar gut, aber nicht in erster Linie humoristisch geschrieben, obwohl er einige herrliche Passagen und Nebenfiguren hat, die ich ganz klar (sorry Mr. Baxter) nur einem zutraue:

„Sister Agnes was definitely religious, in a weird kind of way. At the Home, Sister Agnes had two pictures on the walls of her cramped room: one of them was of the Sacred Heart, the other was of Meat Loaf. And she played old Jim Steinman records far too loudly for the other Sisters. Joshua didn’t know much about bikes, but Sister Agnes’s Harley looked so old that St. Paul had probably once ridden in the sidecar.“  [The Long Earth, p. 50]

Wie es den Lesern Baxters mit The Long Earth ergehen mag, kann ich nicht beurteilen, weil ich mit dessen Zyklen nicht vertraut bin, allerdings dürften die alleinigen Werke des gelernten Ingenieurs und Physikers deutlich mehr naturwissenschaftliche Untermauerung und Spekulation enthalten, u.a. zum Thema Paralleluniversen – Hardcore-Elemente, also physikalische oder technische Überlegungen und Details enthält The Long Earth nur wenig, was man geschmacksabhängig bemängeln oder auch begrüßen wird.

Mit der im Englischen bereits erschienenen Fortsetzung The Long War, deren Handlung etwa zwanzig Jahre nach dem Ende von The Long Earth einsetzt, bin ich im Augenblick etwa zu einem Drittel durch, und der beharrlich fortgesetzte gemächliche Erzählstil beginnt sich hin zu einer Konfliktgeschichte zu entwickeln, die viele Elemente der U.S.-Geschichte zu enthalten scheint: von einem alten Imperium aus wird ein unendlich großes Neuland erforscht, bis irgendwann zunehmend viele Menschen gar keine Anbindung mehr an ihre Herkunft verspüren und sich zu emanzipieren und unabhängig zu machen beginnen. Und das sehen alte Imperien bekanntlich nicht gerne…

Übrigens enthält die Danksagung von The Long Earth eine schöne Begründung dafür, warum die zwei Briten ausgerechnet die U.S.-Stadt Madison in Wisconsin zum örtlichen Angelpunkt ihrer Geschichte gemacht haben: dort fand nämlich in 2011 eine große Discworld Convention statt, und die von den Autoren genutzte Gelegenheit, dort gleich ein wenig zu recherchieren, führte offenbar zu einer Art Massenworkshop.

Wenn man The Long Earth und – soweit ich bereits sagen kann – The Long War eines vorwerfen kann, dann vor allem, dass die Ideenbühne, welche die Beiden da errichtet haben, zumindest bisher um einige Nummern größer ist als die Geschichte(n), die sie anschließend auf dieser Basis erzählen. Einerseits ist das sehr entspannend, weil man Raum gewinnt, sich selbst ganz subjektiv in dieses faszinierende Was-wäre-wenn hineinzufühlen; andererseits lässt es einen ein wenig unbefriedigt zurück. Es fehlt ein wenig von dem mitreißenden sense of wonder, der andere geniale Entwürfe wie z.B. das Kultur-Universum von Iain Banks oder die Zonen des Denkens von Vernor Vinge auszeichnet. Aber vielleicht geht das auch nur mir so, zum einen, weil bislang für mich eigentlich nur Iain Banks mit sich selbst in dieser Hinsicht erfolgreich konkurrieren kann, zum Zweiten, weil mir der sich mehr und mehr herausbildende Hauptcharakter von The Long Earth, Joshua Valianté, jenes Waisenkind, mit dem die ganze Erzählung beginnt, nur bedingt sympathisch (und gleichzeitig nicht faszinierend genug unsympathisch) ist. Zum Glück ist der Rest der Bühne so groß und frei, dass ich zwischendrin den Blick abschweifen lassen kann. Damit ist allerdings zugleich der Geschichte die Dynamik ein wenig genommen.

Aber das ist alles ganz klar Gemecker auf sehr hohem Niveau. Pratchett und Baxter selbst zählen in ihrem jeweiligen Bereich zu denen, die für ihre Gegenwart hohes erzählerisches Niveau definiert und etabliert haben, und das merkt man The Long Earth durchaus an. Insbesondere die seltsam entschleunigte neue Form des Reisens, die immer wieder aufgegriffen wird, fasziniert: Als geeignetstes Vehikel für die Reisen zwischen den Welten stellt sich nämlich das gute alte Luftschiff dar – man kann es ohne Eisen bauen, es an einen „Stepper“ anschließen und in Sicherheit gemächlich in großer Höhe schweben, während man unter sich die Erden vorüberspringen lässt. Relativ sicher, denn es erweist sich auch, dass es viel unglaublichere Erdvarianten gibt, als man es sich hätte träumen lassen.

Es ist eine sehr schöne Lesereise, auf der ich mich da befinde, und ich bin’s zufrieden. Die erste Etappe erscheint jetzt im Oktober 2013 in deutscher Fassung, ich hoffe, das Buch wird den Sprung ins Deutsche gut überstehen. Übrigens liegt die Skizze für den Selbstbau des Steppers bei; wer möchte, kann es also auch selbst versuchen.

 

Terry Pratchett / Stephen Baxter

The Long Earth (2012)
The Long War (2013)
Random House

Und der erste Band in Deutsch beim Manhattan bzw. Goldmann Verlag, München

 

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 3.0
Quelle: Hendrik Schulthe/SchönerDenken