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Fermors Zeit der Gaben

CoverZu Fuß quer durch Europa – das haben wir doch schon mal irgendwo gehört? Ja – dieser Seume machte doch im 19. Jahrhundert einen „Spaziergang nach Syrakus“! Wer aber ist Patrick Leigh Fermor? Laut Wikipedia einer der wichtigsten englischen Reiseschriftsteller. Dieser machte sich eines Tages auf, um von Hoek van Holland an Rhein und Donau entlang zum Bosporus zu wandern. Der Zeitpunkt war aus Sicht Fermors genau der Richtige: Der gerade 18-Jährige war in Cambridge von der Schule geflogen (wegen des Anbandelns mit der Tochter des Gemüsehändlers), hatte nach etlichen Monaten Privatunterricht die Nase voll und beschloß, diese Wanderung zu unternehmen. Aus Sicht des (deutschen) Lesers war der Zeitpunkt ebenfalls bestens gewählt: Spätherbst 1933, also ein halbes Jahr nach Hitlers „Machtergreifung“.

Da es damals gute Sitte war, wandernde Studenten gastfreundlich aufzunehmen und Fermor auf Anraten des britischen Passbeamten „Student“ in seinem Ausweis hatte eintragen lassen, konnte er meist ein Dach über dem Kopf finden. Und das war bitter nötig, denn Holland, Deutschland und Österreich durchwanderte er zur Winterzeit. Weitere Details zu Unterkunft, Verpflegung und Finanzierung entnehme man den beiden Bänden.

Foto: PJ Klein

Seine Erlebnisse und Eindrücke schildert Fermor wortgewaltig, bildhaft und aus dem Fundus seiner humanistischen Bildung schöpfend. Gerade die Stimmung in Deutschland, wo SA-Männer martialisch durch die Straßen marschieren und im Wirtshaus alsbald romantisch-wehmütige Volksweisen anstimmen, beschreibt Fermor sehr eindringlich. Aber auch die beiden Nachbarstaaten – das nichtsahnende Holland und das bereits von Nazi-Umtrieben geschüttelte Österreich – wird lebendig. Dabei blickt er eher naiv-unpolitisch auf die aktuellen Entwicklungen, nur gelegentlich Anmerkungen aus späterer Sicht einflechtend.

Interessant die Charakterisierung der Menschen, die dem Wandernden Unterkunft gewähren und manchmal ihr letztes Essen mit ihm teilen. Manche Beschreibung könnte auch von heute sein, so die von Menschen im Münchner Hofbräuhaus, das Fermor neben Kirchen, Museen und anderen Kulturstätten selbstverständlich aufsucht:

„Vom Oberlauf des Rheins muß man 180 Meilen ostwärts reisen und von den Gipfeln der Alpen 70 nordwärts um zu begreifen, in welchem Maße Bier (zusammen mit beinahe ununterbrochenem Essen – Mahlzeit um Mahlzeit in so rascher Folge über den ganzen Tag, dass kaum eine Zeit bleibt, in der man nichts zu sich nimmt) den Körper eines Menschen verändern kann. Magengrimmen und unerbittlicher Nachschub an Nahrung schlagen manch einem Deutschen aufs Gemüt und zeigen sich in finsterer Miene und machen sich in heftigen Worten und Taten Luft. Die Leiber dieser tafelnden Bürger waren breit wie ein Faß. Ihre Gesäße, auf die Wirtshausbänke gedrückt, nahmen gut und gern einen Meter ein. Sie teilten sich zu Oberschenkeln, dick wie der Körper eines Zehnjährigen und Arme vergleichbarer Größe drohten das Tuch ihrer Janker zu sprengen. Hals und Brust verschmolzen zu einer massigen Säule …“

Doppelausgabe "Zeit der Gaben" und "Zwischen Wäldern und Wasser"

Doppelausgabe "Zeit der Gaben" und "Zwischen Wäldern und Wasser" (Dörlemann)

Da scheint das Bild so manches zeitgenössigen Bajuwaren vor unserem inneren Auge auf. In diesem Stil geht es weiter, bis der gerade 19 Jahre alt gewordene Reisende nach mehreren Maß Bier regelrecht versackt. Weiter donauabwärts werden längst vergangene Zeiten wieder lebendig, wenn Fermor in Dürnstein auf den Spuren des hier gefangenen Richard Löwenherz die Ruinen der Burg durchstreift.

So wandert der Leser mit Fermor auch durch 2000 Jahre europäischer Geschichte; Episoden der römischen oder mittelalterlichen Historie klingen an; aber auch der gerade 15 Jahre zurückliegende 1. Weltkrieg und der damit verbundene Zusammenbruch der Donau-Monarchie. Dies wird vor allem in den Wiener Wochen Fermors immer wieder thematisiert.

Im zweiten Band setzt Fermor Regionen wie Ungarn, Rumänien, Transilvanien, Siebenbürgen, Moldavien und Städten wie Kronstadt, Cluj, Orzsova ein Denkmal. Er durchstreift die ungarischen Ebenen und die südlichen Karpaten, als hier noch die Aura des 19. Jahrhunderts durchschimmert. Die beiden Bände der Reisebeschreibung verfasste er 1977 bzw. 1986, wohl wissend, daß der Zweite Weltkrieg und die folgenden Jahrzehnte dies alles hinweggefegt hatten. Er genießt die Gastfreundschaft der Einheimischen, mal bei einfachen Hirten oder Holzfällern, mal wird er von Herrenhaus zu Landsitz „weitergereicht“. Mit einigen seiner Gastgeber schloß er sehr gute Freundschaften, doch:

„Jeder Teil Europas, den ich bislang bereist hatte, sollte durch den Krieg zerrissen und erschüttert werden … Nach dem Krieg war das Ausmaß der Entwurzelung und Verwüstung so gewaltig, dass es mitunter Jahre dauerte, ehe sich der Nebel lichtete und ich hie und da einen Hinweis erhielt, was aus ihnen geworden war.“

So liest man das Buch der Wanderung eines jungen Mannes, geschrieben von einem Mann mit den Erfahrungen und dem Wissen eines halben Jahrhunderts später. Dies macht Reiz und Schwierigkeiten der Lektüre aus, muß aber akzeptiert werden. In den beiden Büchern entsteht das Bild einer unwiederbringlich dahin gegangenen Zeit und Kultur; einer europäischen, vielfältigen Kultur, wie man sie nur noch in solch wortgewaltigen Erzählungen erleben kann. Der zweite Band endet am Südzipfel der transilvanischen Alpen an der Grenze zur Walachei mit dem lapidaren Hinweis „Letzter Teil folgt“. Leider blieb dieser Manuskript.

Patrick Leigh Fermor (geb. 1915) gilt als einer der bekanntesten englisch-sprachigen Reiseschriftsteller. In Deutschland ist er kaum bekannt. Sein Ruhm rührt auch daher, dass er für den englischen Geheimdienst im Zweiten Weltkrieg auf Kreta den Widerstand gegen die Deutschen organisierte und den deutschen General Kreipe gefangen nahm. Diese Geschichte wurde Anfang der 50er Jahre verfilmt. Fermor lebt auf dem Peloponnes.

PJ Klein im Dezember 2010

Patrick Leigh Fermor:
Zeit der Gaben / Zwischen Wassern und Wäldern

(Zu Fuß nach Konstantinopel)
Fischer-Verlag
ISBN 978-3596169566

Nachtrag von Thomas:
Die Originalausgabe im Dörlemann-Verlag umfasst beide Bände. Sara Venzin vom Dörlemann-Verlag machte uns darauf aufmerksam, dass Patrick Leigh Fermor noch am dritten Band arbeite und der Band sowohl in Englisch als auch später in Deutsch erscheinen werde.

Patrick Leigh Fermor:
Zeit der Gaben / Zwischen Wassern und Wäldern
Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland zum Eisernen Tor. Der Reise erster und zweiter Teil sowie eine Episode aus dem dritten Teil.
Dörlemann-Verlag
ISBN 9783908777496