Wenn das Universum brennt …

Vernor Vinge - Ein Feuer auf der TiefeHendrik liest „Ein Feuer auf der Tiefe“ (A Fire Upon the Deep) von Vernor Vinge

I.

Es ist eigentlich kein verheißungsvoller Einstieg in einen über 600 Seiten starken Roman:

„Wie es erklären? Wie beschreiben? Selbst der allwissende Blickpunkt versagt.“ (S. 7)

Das Universum ist nämlich – wir wissen es seit der Lektüre vieler gigantomaner Space Operas, von „Perry Rhodan“ über Doc Smiths „Lensmen“-Romane, von Philip José Farmer über Larry Niven bis Iain M. Banks – eigentlich ein viel zu großer Ort, um ihn in einer Geschichte unterzubringen. Nur wenigen wirklich großen Autoren gelingt es, diesen größten aller Happen narrativ so mundgerecht zu verpacken, dass wir uns nicht an schierer Langeweile verschlucken, weil die handelnden Figuren inmitten der versammelten Parseks ungefähr so relevant wirken wie eines der kleinen wandernden Lichtpünktchen im guten alten Microsoft Starfield Simulation-Bildschirmschoner.

Das gilt insbesondere dann, wenn – wie hier bei Vernor Vinge – sich nicht nur herausstellt, dass unser Universum verdammt groß ist, sondern dass das, was wir Menschen immerhin theoretisch bislang über seine Größe und seine Naturgesetze wissen, sich als völlig provinziell herausstellt. Unsere Ecke des Alls ist nur die Langsame Zone, jener abgelegene und nicht besonders attraktive Bereich, in dem die Lichtgeschwindigkeit eine absolute Grenze darstellt. Wer jedoch diesem Bereich zu entrinnen vermag, begegnet einer gigantischen Vielzahl uralter und weit verstreuter Zivilisationscluster, wo man mit Ultraantrieb reist und wo eine Rasse erst nach einigen Dutzend Millennien nicht mehr als absoluter Neuankömmling gilt. Kommunikativ zusammengehalten wird das Ganze vom Netz, einem alles umspannenden Wissensarchiv und Informationsgeflecht.

Hier sind auch die Menschen irgendwann in ferner Zukunft als eine Lebensvariante unter vielen angekommen. Und einige von ihnen (Äquivalente der frühen Königsgraberforscher/-plünderer) entdecken auf einem toten Planeten eine uralte wissensspeichernde Maschinerie und wecken sie auf:

„Tage verstrichen. Für das Übel, das in den neuen Maschinen heranwuchs, war jede Stunde länger als alle Zeit davor. Nun war das Neugeborene weniger als eine Stunde von seiner großen Blüte entfernt, in Sicherheit über den interstellaren Raum ausgebreitet. Die Menschen hier vor Ort konnten bald beseitigt werden. Selbst jetzt waren sie lästig, wenngleich amüsant. Manche von ihnen glaubten tatsächlich, sie könnten entkommen. […] Manche von den Menschen wussten, dass sie etwas ins Leben gerufen hatten, das ihr Ende sein konnte … Derlei Katastrophen hatten sich schon ereignet, es gab Geschichten von Rassen, die mit dem Feuer gespielt hatten und darin verbrannt waren.“ (S. 10)

Kurze Zeit später beginnt sich eine ungreifbare Macht auszubreiten und die ersteren kleineren Zivilisationen zu vereinnahmen – keine Monsterrasse, kein Kriegerimperium, eher eine Art despotisches Verhaltensprogramm, das ganzen Völkern ihre geistige Freiheit nimmt und sie zu Sklaven seiner Interessen macht. Das ist in diesem Meta-Universum schon vorgekommen: man klassifiziert das Ganze als „Perversion der Klasse 2“ und wartet ab, dass sich die Bedrohung von selbst erschöpft. Schlimmstenfalls gehen einige Dutzend Rassen verloren; die zur nächsthöheren Stufe transzendierten Alten Zivilisationen wähnen sich außer Gefahr.

Doch diesmal kommt es anders, und als die Perversion den ersten transzendierten Alten tötet und auch das Netz selbst attackiert, erkennt man das Ausmaß der Bedrohung. Es wird zur Aufgabe einiger weniger unfreiwilliger Helden, dieser Bedrohung entgegenzutreten und um die einzige Chance auf Rettung zu kämpfen…

II.

Ja, es ist wieder die gleiche alte Geschichte: das Universum ist in Gefahr … blabla … nur eine letzte Rettungsmöglichkeit … blabla … eine kleine Gemeinschaft … blabla … übermächtiger Feind … Verräter in den eigenen Reihen … gegen alle Wahrscheinlichkeit … schon klar. Es ist eine immer wieder gern erzählte und gelesene Geschichte (wohl eine der ältesten überhaupt).

Und gerade dann hängt alles davon ab, dass sie GUT erzählt wird.

Und das KANN Vernor Vinge. Seine Nichthelden sind Ravna Bergsndot, überlebende Bibliothekarin eines von der Perversion zerstörten Netzrelais, Pham Nuwen, ein aus barbarischer Vergangenheit stammender menschlicher Raumfahrer, der einige Gottsplitter in sich trägt, sowie zwei Skrodfahrer namens Blaustiel und Grünmuschel, zwei halbpflanzliche Angehörige einer sehr alten Händlerrasse. Diese vier machen sich auf den Weg, um zwei in der Langsamen Zone gestrandete Kinder zu retten, die als einzige Überlebende der unfreiwilligen Erwecker der Perversion den Schlüssel zu ihrer Vernichtung besitzen.

Wie auch andere gute Universenerzähler begeht Vinge nicht den Fehler, uns ununterbrochen todernst mit der schieren Größe seiner Fiktion beeindrucken zu wollen, sondern gibt uns Zeit, uns mit den Charakteren zu beschäftigen und auch an seiner Erzähler- und Erfinderfreude teilzuhaben.

Für mich besteht Vinges besonderer Geniestreich in diesem Roman in der durchdachten Schilderung einer mittelalterlichen Zivilisation von hundeartigen Rudelwesen, bei denen ein Individuum aus mehreren telepathisch verbundenen Körpern besteht. Auch die Schilderung einer Rasse wie den Skrodfahrern, die ständig ihr nicht vorhandenes Kurzzeitgedächtnis kompensieren müssen, ist äußerst reizvoll.

Kurz: in dieser Leseladung ist absolut alles drin, was ich in einem 600-Seiten-SF-Leseziegel finden möchte: Spannung, Story, Phantasie, Charaktere, Humor, ein intelligentes Konzept, Phantasie und nochmals Phantasie.

Und um nicht zuletzt zuviel verraten zu haben, führe ich abschließend nur noch zwei meiner Lieblingssätze auf, die zugleich auch einiges von dem zusammenfassen, was  „Ein Feuer auf der Tiefe“ zu einem richtig guten SF-Schmöker macht:

„Wanderer Wickwrackrum war geteilter Meinung über das Böse: Wenn genug Regeln verletzt werden, ist mitunter Gutes inmitten des Gemetzels.“ (S. 24)

Und (dieser Satz kann auch als sehr schöne Leseeinladung verstanden werden):

„Nimm Platz. Die Galaxis geht in einer halben Stunde auf.“ (S. 197)

Vernor Vinge, „Ein Feuer auf der Tiefe“ (A Fire Upon the Deep). In überarbeiteter Neuausgabe: 2004 Heyne Verlag. Die Übersetzung besorgte Erik Simon, vor dessen Können ich mittlerweile einen Heidenrespekt habe.

P.S.: Nicht zu verwechseln mit dem von Thomas bereits besprochenen „Eine Tiefe am Himmel“ (A Deepness in the Sky“), das später entstand, aber zeitlich früher im gleichen Universum spielt. Wer beide lesen möchte, möge mit „Eine Tiefe am Himmel“ beginnen, auch wenn es insgesamt [über die Figur Pham Nuwens nämlich] nur eine sehr lose Verbindung gibt.

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