BIG IN JAPAN: SchönerDenken berichtete vom Filmfestival “Nippon Connection” und widmet auch sonst den ganzen April der japanischen Kultur. Götz wimdet sich daher in seinem zweiteiligen Essay dem elegischen Meisterwerk „Die Sieben Samurai“ von Akira Kurosawa.

I.

Filme, die einen solchen Grad an emotionaler und visueller Intensität erreichen wie „Shichinin no samurai“ (dt. „Die Sieben Samurai“) sind selten. Neben Akira Kurosawas mehr als 50 Jahre altem Meisterwerk erscheint vieles, was gegenwärtig in den Kinos läuft, lächerlich und belanglos. Welche Wirkungsmacht doch ein Film haben kann, wenn einer wie Kurosawa hinter der Kamera steht.

Mit dem bis dahin teuersten japanischen Film war er 1954 zugleich einer der Mitbegründer eines neuen Genres im Kino: des Actionfilms. Doch „Die Sieben Samurai“ ist weit davon entfernt von dem, was man inzwischen unter einem Actionfilm versteht, wenn auch die entsprechenden Sequenzen selbst heutigen Sehgewohnheiten genügen (sogar die Zeitlupe setzt Kurosawa ein, wenn tödlich Getroffene zu Boden stürzen). Man spürt in diesem Werk einen kompromisslosen künstlerischen Willen, einen Anspruch an die Form, eine Ernsthaftigkeit, wie sie uns inzwischen im Kino leider kaum noch begegnet.

Gewiss, Kurosawas Kino verkündet vielleicht manchmal etwas zu demonstrativ: Ich bin Kunst, ich bin bedeutungsvoll, ich bin groß. Das mag ihm nicht unbedingt die Freundschaft jener eingetragen haben, die im Geiste der Nouvelle Vague eine unaufdringliche Klarheit und Beiläufigkeit der Inszenierung schätzen, Filme, die nicht moralisch und symbolisch befrachtet sind, losgelöst von den Werken der großen Literatur oder allenfalls in spielerischer Weise deren Bausteine nutzend.

Schön ist der Film allein schon durch seine realistische Evokation einer uns fremden Zeit und Kultur. Kurosawa schafft eine mythisch-poetische Wirklichkeit, wie es sonst im Kino nur John Ford gelang, den Kurosawa nicht von ungefähr bewunderte. Die Samurai sind seine Westernhelden und folgerichtig schloss sich der Kreis dann wieder, indem Hollywood seinerseits auf Kurosawa reagierte und sich dessen Konzeption des Helden zu eigen machte. Die Linie führte dann über das von John Sturges gedrehte Remake „Die Glorreichen Sieben“ zu den Italo-Western Sergio Leones, dessen von Clint Eastwood verkörperter Kopfgeldjäger nichts anderes ist als ein in eine künstliche amerikanische Pionierzeit transponierter Samurai.

Kurosawa führt uns gebrochene, dem Untergang geweihte Helden vor. Es sind so genannte Ronin – herrenlose Samuraikämpfer, wörtlich übersetzt: „Wellenmänner“, Vagabunden, Verlorene, die aber, wie um ihre Existenz zu rechtfertigen, bei Gelegenheit noch gute Taten vollbringen, inmitten des Alltags für Recht und Ordnung sorgen.

Kambei (Takashi Shimura), der später als Ältester eine Art Anführer der „Sieben Samurai“ sein wird, tötet bei seinem ersten Auftritt einen Dieb, der einen kleinen Jungen als Geisel genommen hat. Er lässt sich zuvor die Haare scheren, um wie ein Priester auszusehen und den Dieb täuschen zu können. Kurosawa inszeniert den Haarschnitt wie ein Ritual der Erniedrigung. Eine große Schar von Menschen schaut entsetzt und ungläubig zu, wie der Samurai glatzköpfig wird. Jede Bewegung ist gemessen, weihevoll, erinnert an eine religiöse Wandlungszeremonie. Während des gesamten Films geht von Kambei eine stille, bescheidene Stärke aus. Unerschütterliche Ruhe, Weisheit und Humor verbinden sich in seinem Wesen, so dass er unserem westlichen Blick wie die Inkarnation aller ostasiatischen Tugenden erscheint. Neben ihm ragen noch der junge, ungestüme Katsushiro, der bei den älteren Samuraikämpfern in die Lehre gehen will, Kikuchiyo, der wie ein hyperaktives Kind im Körper eines Erwachsenen ist und der coole, aber auch feinfühlige Kyuzo als Charaktere aus der Schar der Samurai hervor.

Ein Bauerndorf wird alljährlich nach der Ernte von Banditen überfallen. Eines Tages wollen die Bewohner des Dorfes dies nicht länger wehrlos erdulden. Der Dorfälteste rät ihnen, Samurai-Krieger anzuwerben. Eine Abordnung wird in die Stadt gesandt, um umherziehende Samurai zu finden, die bereit sind ohne Lohn den Bauern zur Seite zu stehen. Zunächst stoßen die Bauern bloß auf Ablehnung. Ihre Stimmung ist verzweifelt, sie streiten sich. Als sie schon kurz davor sind, resigniert heimzukehren, begegnet ihnen Kambei, der bereit ist, ihnen zu helfen und ihnen auch die Rekrutierung der weiteren Krieger abnimmt. Vier Samurai kann er gewinnen. Außerdem schließen sich ihnen noch der unerfahrene Katsushiro an und der verrückte, allzeit aufgekratzte Kikuchiyo, ein Herumtreiber bäuerlicher Herkunft, der sich nur als Samurai ausgibt (später erfahren wir, dass ein in früher Kindheit erlittenes Trauma der Grund seiner permanenten Narretei ist – seine Mutter wurde, als er noch ein Säugling war, von Räubern ermordet). Toshiro Mifunes expressives, exaltiertes Spiel sorgte in den fünfziger Jahren für Furore und machte ihn zu einem der ersten Weltstars aus Fernost. Mehr noch als bei Kirk Douglas, seinem Pendant in Hollywood, bricht in seinem Spiel immer wieder die Selbstverliebtheit, die Lust die eigene Darstellungskunst zum Zentrum des Films zu machen, hervor. Manchmal ist sein Part zu dominant, doch dies verträgt das mehr als dreistündige Epos ohne Schaden zu nehmen.

Morgen folgt der zweite und letzte Teil des Essays.

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