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1917: Von der Kälte der Perfektion

George MacKay in 1917 von Sam Mendes © 2019 Universal Pictures and Storyteller Distribution Co., LLC. All Rights Reserved.


Eine atemberaubende Leistung – aus der Perspektive des Über-Kameramanns Roger Deakins. Ein zweistündiger Film von der Front des Ersten Weltkriegs – in einem Shot. Zumindest soll es so auf den Zuschauer wirken. Was von Sam Mendes als immersiv geplant war, Zuschauer*innen also besonders tief in den Film hineinziehen sollte, prallt zumindest an unserer kleinen Kinogruppe ab. Wir vermissen die Nahaufnahme und die überraschenden Perspektivwechsel. Vielleicht gibt es doch einen Grund, warum Filme geschnitten werden …

„Das fühlt sich an wie ein Christopher-Nolan-Film. Und das ist echt kein Kompliment!“ (Thomas)

Wir vergleichen 1917 mit SAVING PRIVATE RYAN, mit FULL METAL JACKET und sogar mit EINE DAME VERSCHWINDET, um unserem Unbehagen auf die Spur zu kommen. Am Ende ist es ein kunsthandwerkliches Meisterstück – aber immer steht hier die Form über der Emotion, ist die ununterbrochene Darstellung wichtiger als das Innenleben der Protagonisten, ist der Single Shot wichtiger als der Suspension of Disbelief. Kopfgeburt wie DUNKIRK, inszeniert mit der kalten Perfektion eines Schachgroßmeisters. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Tom, Harald und Thomas.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

1917
USA 2019, 119 Min., Regie: Sam Mendes


Andere
Meinungen

„Die formale Ebene ist in 1917 allerdings derart dominant, dass sie alles andere überstrahlt. Und so müssen sich ihr auch Plotstruktur und -dynamik unterordnen. Das elegante Tänzeln der Kamera auf den Schlachtfeldern darf nicht stoppen, wird immer weiter vorangetrieben. Gräuel des Krieges — die Zerstörung, die Leichen, die Massengräber — werden zur beinahe beiläufigen Kulisse, fliegen wahlweise sprich- oder wortwörtlich am Publikum vorbei. Feindliche Soldaten sind nie mehr als dunkle Schemen in der Ferne. Statt aus in sich geschlossenen Szenen besteht 1917 aus Situationen, Momentaufnahmen, in denen nie lange verweilt werden darf, bevor es weiter zum nächsten Zielpunkt geht. Viel zu selten hat all das tatsächliche Konsequenzen, emotionale wie auch narrative.“
Christian Neffe für kino-zeit