Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Das Leben ist die allerkomischste Angelegenheit auf der ganzen Welt

Prof. Pu empfiehlt: Die Ordnung der Sterne über Como von Monika Zeiner

Danach hatte ich länger schon gesucht, nach einem Roman mit mindestens 500 Seiten, in den ich mich versenken kann, schnell und doch gleichzeitig lieber langsam lesen möchte, und an dessen Ende ich mich verlassen fühle. Monika Zeiner ist mit ihrem ersten Buch genau das gelungen.

Sie erzählt von  zwei Freunden, Musiker, die die gleiche Frau lieben, der eine offen, der andere heimlich. Eine Geschichte voller Musik, Melancholie und philosophisch-klugen Sätzen. In einem wundervollen Erzählton, berührend, dann wieder zum Lachen komisch, ein Roman, in dem einfach alles steckt, das ganze Leben mit allen Facetten.

Tom Holler, Jazzpianist, ist gerade von seiner Frau Hedda verlassen worden.

Ist es nicht so: Gerade dasjenige, das wir am anderen lieben, genau das Eigenartige, aufgrund dessen wir uns in unser Gegenüber verlieben, wird später dasjenige sein, das uns an ihm stört?

Toms Phlegma, mit dem er seinem Klavier die schönsten Töne entlockt, seine Unentschlossenheit, sein Vor-Sich-Hinleben hat seine Frau  angezogen und wieder weggehen lassen. Nach und nach erzählt Monika Zeiner abwechselnd in Rückblenden und Gegenwart den Grund seiner abgrundtiefen Traurigkeit, die Geschichte der Freundschaft zwischen Tom und Marc. Vom Tag ihres Kennenlernens an sind sie unzertrennlich. Marc, Komponist neuer Musik, ist erfolgreicher als sein phlegmatischer Freund. „Stipendiensammler“ nennt ihn Tom, dabei ist Marc das alles ganz ohne Bedeutung. Er will einfach nur spielen, Musik machen, in den Tag hineinleben, Frauen genießen, nicht erwachsen werden.

Tom hat ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau, der er Klavierunterricht gibt. Dort lernt er Betty Morgenthal  kennen, die die Hunde ausführt und nicht genau weiß, ob sie Sängerin bleiben oder Ärztin werden soll. Sie und sein Freund Marc werden ein Paar, schnell leben sie zu dritt in einer WG. Sehr bald wird klar, dass es zwischen Betty und Tom eine starke Anziehung gibt, der sie beide vor sich selbst und vor dem anderen aus dem Weg gehen. Nur eine Nacht am Lago di Como – Marc ist ausnahmsweise nicht dabei – verbringen sie miteinander und wollen dann nie mehr darüber reden. Und doch ändert diese eine Nacht so eklatant alles für die Freunde. Die Ordnung der Sterne über Como bringt alles in Unordnung.

Zehn Jahre später, der Manager von Toms preisgekröntem Berliner Jazz-Quartett, plant eine Tournee durch Italien, die Tom so gar nicht interessiert, er sitzt vor einem Glas mit Schlaftabletten und starrt es an. In seine Hedda-Trennungsdepression und Lebenssinnlosigkeit hinein klingelt das Telefon. Betty, an deren Augen er gerade gedacht hat, spricht auf den Anrufbeantworter, weil sie die Plakate in Neapel gesehen hat, wo sie mittlerweile als Ärztin arbeitet und mit einem Italiener verheiratet ist.

Das Leben ist echt die allerkomischste Angelegenheit auf der ganzen Welt, dachte er, während das Glas, das er eigentlich schon zu vergessen begonnen hatte, durch eine vielleicht unbedachte, vielleicht gezielte Bewegung seines Ellbogens hinabstürzte und auf den Dielen zersprang.

Dann will Tom doch auf Tournee gehen …

Wie Monika Zeiner die Geschichte des Wiedersehens und die Ereignisse der Jahre vorher oder allein nur das Leben Bettys in Neapel erzählt, ist grandios und fulminant und lässt Raum für Spekulationen über das Ende bis zur letzten Seite zu. Selten habe ich so viele kluge und nachdenkenswerte Sätze über die Liebe, das Leben und über Freundschaft gelesen. Der Roman ist voller Musikalität – die Autorin selbst ist Sängerin – und sie kennt sich aus mit der Melancholie, ihrem Promotionsthema.

606 Seiten perfektes Leseglück. Bitte mehr davon!

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Monika Zeiner
Die Ordnung der Sterne über Como
Blumenbar €19,99
978-3-351-05000-9

Die Website von Monika Zeiners Band Marinafon