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MIDSOMMAR: Der allererste IKEA-Giallo

Midsommar @ Weltkino 2019


Es ist #Horrorctober. Außen IKEA, innen Horror – das verspricht der Trailer von Ari Asters neuem Film MIDSOMMAR und in gewisser Weise liefert er das auch: So idyllisch hat Horror noch nie ausgehen, so blumenwiesensonnigtanzumdenbaumsingend. Nach einer sehr düsteren, sehr ausführlichen und sehr gelungenen Exposition folgen wir der Protagonistin, ihrem Freund und weiteren Kulturanthropologiestudierenden nach Schweden. Dort will Dani Abstand gewinnen von ihren Schicksalsschlägen, ihre Trauer überwinden und die Beziehung zu ihrem Freund Christian wieder auf die Reihe kriegen. Aber Ihr ahnt es: Die FriedeFreudeEierkuchen-Sekte, die sie mit weiten Armen aufnimmt, hat viele extrem makabre Geheimnisse. Und das mit der Beziehung (Mini-Spoiler) hat auch keine Zukunft …

Optisch ist der Film ein Ereignis, ein Set Piece schöner als das andere, wunderbare Kameraspielereien, Schnitte zum Niederknien, Musik, Ausstattung, alles vom Allerfeinsten. Aster nimmt die Regeln des Horrorgenres auf und bricht sie: Die gruseligen, schrecklichen und expliziten Momente werden so stark angekündigt und dann sehr oft aus halber Distanz gezeigt, dass sie ihre genretypische Wirkung verlieren. Fast alle Szenen, die genretypisch im Dunkeln spielen sollten, holt Aster auf sonnendurchflutete Wiesen und helle Räume (die Wir-Schreien-Gemeinsam-Szene! die Wir-Sind-Alle-Beim-Sex-Dabei-Szene!).

MIDSOMMAR will gleichzeitig Horrorfilm, intellektuelle Horrorfilmparodie und surreal-poetischer ArthouseFestivalfilm sein. Er bleibt zwischen diesen drei Kraftfeldern. Das ist seine Stärke und gleichzeitig seine Schwäche. Da er sich für keinen der Wege entscheidet, wirkt der skandinavische Paradies-Splatter auf Tom und Thomas in der zweiten Hälfte seltsam kraftlos. Für Identifikationsjunkies wie Thomas ist MIDSOMMAR ohnehin eine Herausforderung, denn die Protagonistin Dani (Florence Pugh) ist dauerverzweifelt und ihr Freund Christian (Jack Reynor) ist dauerdoof.

Was alles großartig ist am IKEA-Giallo MIDSOMMAR und warum die Üblichen Verdächtigen dennoch nur gebremst begeistert sind, erfahrt Ihr in der SPOILERFREIEN Podcastepisode, in der HEREDITARY mit keinem Wort erwähnt wird :-) Am Mikrofon direkt nach der Vorstellung: Tom und Thomas.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Midsommar
USA, SWE 2019, 147 Min., Regie: Ari Aster


Andere
Meinungen

„Über Wandmalereien, Runen und Gemälde werden (äquivalent zu den Miniaturen in Hereditary) Entwicklungen und Schlüsselmomente der Handlung bereits lange im Voraus kommuniziert, Genre-Bewanderte können nach wenigen Minuten recht genau erahnen, wohin sich die Geschichte entwickelt. (Wer in den ersten 15 Sekunden aufpasst, kann aus dem kunstvollen Fresko zu Beginn von Midsommar gar bereits den kompletten Plot herauslesen.) Noch mehr als in seinem Erstling beweist Aster sein Können im Erzählen auf rein visueller Ebene und wird dabei durch die abermals fantastische Kameraarbeit von Pawel Pogorzelski flankiert, der jede Einstellung zu einem wahren Gedicht macht. Mit einer einzelnen Fokusverschiebung vermittelt der Pole zuweilen mehr, als manche anderer in einer kompletten Szene. In Verbindung mit der unheiligen Musikuntermalung aus der Feder von Bobby Krlic, der dissonante Streicher mit heidnischen Chorgesängen verknüpft, wird Midsommar zu einem der ästhetisch eindrücklichsten Filme der jüngeren Vergangenheit.“
Christian Neffe für kino-zeit.de

„In paradiesisch, sonnendurchleuchteten Bildern führt uns die psychologisch meisterhaft gebaute Handlung auf Augenhöhe mit den Figuren über die Bühne eines kathartischen Märchens. Einem Märchen aus vorgrimmschen Zeiten, in denen ein Rotkäppchen vom Wolf tatsächlich noch gefressen, ein Dornröschen während ihres 100 jährigen Schlafes von ihrem Zukünftigen geschwängert wurde und sich böse Stiefmütter in glühenden Fußeisen zu Tode tanzen mussten.“
Andreas für fluxkompensator

Podcast-
Tipp

Enough Talk ET054: „6 Wochen kein Podcast, weil wir uns ins schwedische Niemandsland verdrückt hatten, wo wir bei gleißendem Licht kultische Feste feierten und sowohl uns selbst, wie auch eine neue Familie fanden. Doch all die Blumen, die Pilze und das Blutwurden schnell langweilig, also beschlossen wir alsbald zu unserer alten Fam. – euch, den Hörer_innen – zurückzukehren. Dass Ari Aster nun gerade einen Film ins Kino brachte, in dem exakt das von uns erlebte passiert – oder auch nicht? – ist ein Zufall, den wirklich keiner ahnen konnte. MIDSOMMAR heißt er. Viel Spaß!“