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Brandbeschleuniger bitterer Enttäuschungen – „Blogparade Der schlechteste Film 2015“

Der Filmtipp-Award / Grafik © Henrieke Ludwig

Die Blogparade findet statt im Rahmen des Filmtipp-Awards. Mehr dazu am Ende des Beitrags.

Eines meiner einprägsamsten Podcasterlebnisse 2015 war der Jahresrückblick der Second Unit. Wie sollte es auch anders sein, war „Victoria“ Gesprächsthema (ab 1:34:00). Arne lobte den Film und beschrieb die intensive Wirkung, während Tamino mit hörbar schnittfestem Schaum vor dem Mund „Victoria“ als vielleicht den schlechtesten aller Filme bezeichnete, den er jemals gesehen hatte. Diese Auseinandersetzung war für mich als Hörer schwer zu ertragen, weil Tamino gar kein Ende fand und Arnes geduldige und kluge Entgegnungen an Taminos hitziger Wut verdampften wie Regentropfen in der Hölle. Bei mir hat dieser Podcast ein Nachdenken über „gute“ und „schlechte“ Filme ausgelöst. Und alles lief dabei auf die Frage hinaus:

Ist das Fehlen von Qualität objektivierbar?

Es ist uns kaum bewusst, in welchem Ausmass unser Denken, Reden und Schreiben über Filme subjektiv ist. Wir bringen uns selbst mit in den Film, alle unsere Erwartungen, alle Filme, die uns noch in Erinnerung sind – ganz zu schweigen von unserer aktuellen Stimmung und Tagesform. Konkretes Beispiel: Ich traue mir gar kein Urteil mehr darüber zu, wie „gut“ oder „schlecht“ die schauspielerische Leistung von Leonardo DiCaprio in „The Revenant“ war. Zu sehr klingelte mir tinnitusartig das Narrativ in den Ohren vom Star DiCaprio, der verzweifelt um einen Oscar kämpft.

Brandbeschleuniger bitterer Kinoenttäuschungen

Meine Theorie: Vorwissen und Vorerwartungen sind die Brandbeschleuniger bitterer Kinoenttäuschungen. Bei „Star Wars: The Force Awakens“ haben wir alle zuviel gewusst, um den Film unvoreingenommen auf uns wirken zu lassen. Wie sehr habe ich Bettina beneidet, die keinen der bisherigen Star Wars-Filme gesehen hatte, keine der Nerd-Diskussionen verfolgt hatte. Ich hätte was darum gegeben, den Film mit ihren Augen sehen zu können.

Not My Cup of Tea

Als Konsequenz daraus versuche ich zu unterscheiden: War das einfach nicht mein Geschmack oder wirklich schlecht? War ich hier nicht die Zielgruppe oder hat das tatsächlich gar nichts getaugt? „Boyhood“ schlecht, nur weil ich davon nicht berührt wurde? „Der Bunker“ schlecht, weil ich nicht auf der gleichen düsteren Humorfrequenz war? Bestimmt nicht. Also rede ich erst einmal lieber davon, wie der Film auf mich gewirkt hat, denn das weiß ich. Und dann denke ich über Handwerk nach.

Über eine gute Kameraarbeit lässt sich nicht streiten

Jenseits subjektiver Bewertungen bleiben dann doch noch eine Menge sachlicher Kriterien, über die sich sinnvoll diskutieren lassen: Kameraführung zum Beispiel. Will jemand ernsthaft die herausragende Arbeit von Emmanuel Lubezki („The Revenant“) oder Sturla Brandth Grøvlen („Victoria“) in Frage stellen? Andererseits: Selbst handwerklich sehr ordentliche Filme können grausam schlecht sein. Dann nämlich, wenn die Filmemacher keinen Respekt vor ihrem eigenen Film und ihrem Publikum haben.

Ein bisschen Kunst muss sein

Filme befinden sich ja immer im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und finanziellen Interessen. Die allermeisten Filme entstehen vor dem Hintergrund einer Wette der Produzenten, dass sich so viele Menschen den Film anschauen, dass er ein gutes Geschäft wird. Ich nehme es Disney nicht übel, dass sie mit „Star Wars“ irrsinnig reich werden wollen, solange ich sehe, dass das für Regisseur J.J. Abrams kaum eine Rolle spielt. Wenn der Film aber nicht verbergen kann, dass es überhaupt keinen wie immer auch gearteten Anspruch gibt, sondern ausschließlich auf das Geld des Publikums geschielt wird, dann ist die Gefahr sehr groß, dass ein objektiv schlechter, auf jeden Fall ein überflüssiger Film dabei herauskommt.

Müssen sich die Filme, die von der Jury des Filmtipp-Awards in der Kategorie „IN MEMORIAM“ als schlechtester Film 2015 nominiert worden sind („Pixels“, „Kartoffelsalat“, „Fantastic Four“, „50 Shades of Grey“ und „Fack Ju Göhte 2“), alle diesen Vorwurf gefallen lassen? Ich weiß es nicht. Ich habe keinen der Filme gesehen.


P.S. Die Filmtipp-Awards sind eine fantastische Idee von Michael Scharsig von derfilmtipp.de. Mit enormen Aufwand hat er eine Jury zusammengestellt und Nominierungen in den verschiedensten spannenden Kategorien organisiert. Mehr über die Nominierungen und Teilnehmer erfahrt Ihr hier. Hörenswert: das Interview, dass die Medien-Nomaden mit Michael Scharsig geführt haben. Lesenswert: Warum der „Godfather of German Filmblogosphäre“, Alex Matzkeit, bei den Filmtipp-Awards mitmacht.

P.P.S. Und was war jetzt der schlechteste Film, den ich 2015 gesehen habe? Ganz subjektiv: „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“. Peter Jackson weiß warum.