Filme zwischen Kirk und Kafka seit 2004

SEARCHING: Der Computer als auktorialer und neutraler Erzähler

John Cho in SEARCHING © Sony Pictures


Manchmal sagen die Nachrichten, die man im Chat erst eingibt und dann wieder löscht, mehr als die dann wirklich gesendeten Nachrichten. Das können wir in Aneesh Chagantys Film SEARCHING genau beobachten, denn der Regisseur erzählt die Geschichte komplett über die Interfaces eines Computers oder anderer Geräte wie Smartphones. „Desktop Thriller“ oder „Digital Thriller“ heißt dieses sehr junge Genre, zu dem Filme wie UNKNOWN USER und OPEN WINDOWS gehören.

Michael von Schneeland ist endlich wieder zu Gast und wirft mit Thomas einen kritischen Blick auf den Film. Im Mittelpunkt steht David, dessen Tochter Margot verschwindet. Als er sich auf die Suche nach ihr macht, wird ihm schnell klar, wie wenig er über seine Tochter weiß. Also rekonstruiert er ihr Leben anhand ihres Laptops, den sie zurückgelassen hat. Wer war Margot wirklich, warum ist sie verschwunden? Wird er sie finden können?

Der Film hält die Spannung und bietet überraschende Twists, die allerdings nicht alle gleich gut geraten sind. Spannende, gelungene Thriller gibt es viele – was den Film aber von allen anderen abhebt, ist seine Form. Konsequent und ausnahmslos wird alles über Bildschirme und Displays erzählt und gezeigt: Ständig werfen wir den Blick über Davids Schulter und sehen an den Bildschirmen seiner verschiedenen Computer und Smartphones Videochats, YouTube-Videos, beobachten ihn, wie er Mails schreibt, chattet, in Suchmaschinen recherchiert und in den unterschiedlichsten Internetplattformen den Spuren seiner Tochter folgt. Das ist handwerklich großartig umgesetzt, mit dem notwendigen Blick und einer Portion Besessenheit für tausende Details, die stimmen müssen, um authentisch zu wirken.

Michael und Thomas debattieren über die Stärken und Schwächen, über Computer als auktoriale Erzähler, über die Zielgruppe und besondere Form des Films, über den sehr beeindruckenden Einstieg mit der digitalen Familie, über versteckte Geschichten und Easter Eggs, über die Schauspieler, über die Entstehungsgeschichte des Films und Chagantys besonders tiefe Einblicke in die User Interfaces der großen Internetplattformen.


Über unseren Gast

Michael Schleeh ist renommierter Kenner der asiatischen Filmkultur und Literatur, (wir empfehlen seinen wunderbaren Blog Schneeland) und ein besonders lieber Gast von SchönerDenken. Hier alle Episoden von SchönerDenken, bei denen Michael zu Gast war – viele gemeinsame Episoden haben wir auf dem japanischen Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt am Main aufgenommen.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Musik von Johannes Klan

Searching
USA 2018, 102 Min., Regie: Aneesh Chaganty


Der Trailer


Andere
Meinungen

„Tatsächlich sind die sozialen Medien als filmisches Gestaltungsmittel fernab davon erkundet, geschweige denn etabliert, zu sein. In der Nutzung dieser Mittel wirkt Searching ebenso konsequent wie fast schon dogmatisch.“
Stefan Lydicke für 100 Years of Terror

„Chaganty unter­streicht sowohl Nutzen als auch Gefahren eines digital verwal­teten Lebens. Die Chancen steter Erreich­bar­keit, der Spuren­suche im angeblich nichts verges­senden Web oder gar des lebens­ret­tenden Notrufs stehen die Verschleie­rungs­mög­lich­keiten der eigenen Identität gegenüber. Nicht nur im Hinblick auf die Biografie seiner Tochter wird dem verzwei­felten Erzieher zunehmend der Boden unter den Füßen wegge­zogen. Bald kann er sich nicht mehr sicher sein, wem er noch trauen darf. Gerade dies erweist sich ebenfalls als reizvolle Prämisse des weitaus geschlos­sener konstru­ierten »Profile«.“
Gregor Ries für artechock

„Es ist beeindruckend, welche cleveren Wege Aneesh Chaganty findet, um nur auf einem Desktop seine Geschichte und vor allem ganz viel über seine Protagonisten zu erzählen: So erfahren wir, dass die zweite Chemotherapie wohl nicht funktioniert hat, indem der Termin von Pamelas Entlassung immer wieder mit dem Mauszeiger im Kalender nach hinten verschoben wird. Und in den Chats sagen die Worte, die David anfängt zu schreiben, dann aber wieder löscht, so viel mehr aus als der Text, den er am Ende tatsächlich abschickt. Man leidet mit David, wenn er herausfindet, dass die Facebook-Freunde seiner Tochter eben (nur) genau das sind: Facebook-Freunde. Und man spürt den Hass der Internet-Trolle wie am eigenen Leib, wenn der verzweifelte Vater mit Verschwörungstheorie-Webseiten und sogar Mord-Beschuldigungen konfrontiert wird. Denn während „Searching“ als reiner Ermittlungs-Thriller beginnt, entwickelt er, sobald erst einmal der ganz große Medienzirkus um das verschwundene Mädchen losbricht, zunehmend auch noch eine bittere satirische Note.“
Christoph Petersen für filmstarts

„Dafür inszeniert er durch diese ungewöhnliche Perspektive einen der packendsten und einfallsreichsten Thriller des Jahres, dessen Präsentation im besten Sinne makellos ist. Betriebssysteme wie Windows XP oder Apples macOS werden regelrecht Teil der Erzählung und verdeutlichen subtil, wie neu oder alt bestimmte Informationen sind, auf die zurückgegriffen wird. Videochats mit pixeligen Bildern, kurzen Aussetzern und Verzögerungen, sind wie aus dem Leben gegriffen und unterstreichen die Authentizität. An dieser Stelle darf man auch dem deutschen Verleih ein großes Lob aussprechen: Sämtliche der gezeigten Monitorbilder, bei den Betriebssystemen bis hin zu Kontextmenüs, und auch alle Webseiten, darunter bekannte wie Facebook, YouTube oder eBay, aber ebenso Werbeanzeigen am Rand, vollständig in deutscher Sprache zu präsentieren, muss ein unvorstellbar aufwändiges Unterfangen gewesen sein. Doch die Mühe hat sich gelohnt und zeichnet Searching ebenfalls aus.“
Jens Adrian für treffpunkt-kritik