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THE VAST OF NIGHT: Low Budget, High Concept

Sierra McCormick und Jake Horowitz in The Vast of Night © 2019 Amazon.com


Der Film THE VAST OF NIGHT ist praktisch ein Hörspiel – und das ist in diesem Fall ein Kompliment. In einer amerikanischen Kleinstadt irgendwann in den 1950ern sind alle beim Heimspiel der Basketballmannschaft – alle bis auf die junge Telefonistin Fay und Everett, den Moderator des Lokalradios WOTW. Nach einer wunderbaren Exposition mit einem Aufnahmegerät und ersten Interviewversuchen von Fay, stoßen die beiden auf ein Geräusch, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Als Everett es im Radio spielt, meldet sich Billy. Er kennt das Geräusch aus seiner Militärzeit und erzählt von einem düsteren Geheimnis. Draußen in der Weite der Nacht seien Wesen, die uns manipulieren und entführen: Außerirdische. Fay und Everett gehen der Geschichte nach …

Soweit klingt die Story nach den guten alten X-Files, aber Debüt-Regisseur Andrew Patterson inszeniert sehr atmosphärisch in einem leichten Sepia-Rausch mit ISO 2000-Körnung, gibt seinen jungen Protagonisten Raum und lässt nicht nur das fremdartige Geräusch sondern auch die Stimme des Zeugen Billy auf uns wirken, zieht das Bild sogar ins Schwarz, damit wir uns vollständig nur auf den Klang seiner Stimme konzentrieren. Die beiden Protagonisten stammen als Telefonistin und Radiomoderator aus der Welt des Hörens. Patterson hat sogar ein voll funktionsfähiges Schaltpult für Fay mit Hilfe von Telefonistinnen rekonstruiert, die in den 1950er Jahren für AT&T gearbeitet hatten, um den authentischen Sound zu bekommen. Den spannenden Film bettet Patterson in einen Rahmen ein, der die Geschichte als Episode von „Paradox Theater“ zeigt, einer Serie wie „The Twilight Zone“.

Im Podcast direkt nach dem Film reden Johanna und Thomas über die intensive Wirkung des kammerspielartigen Films, über subtile Gesellschaftskritik, über die mutigen Hörspielelemente und eine einfallsreiche Kamera, die den ganzen Drehort erkundet. Eine Entdeckung und ein echter Tipp, nicht nur für Science-Fiction-Freunde. Zu sehen auf Amazon Prime.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Musik von Johannes Klan

Die Weite der Nacht (The Vast of Night)
USA 2019, 91 Min., Regie: Andrew Patterson


Der Trailer


Andere
Meinungen

„Kniffe, wie das Spiel mit dem Zoom, der Dunkelheit und der monologartigen Dialogführung, täuschen nicht nur gekonnt über das erstaunlich geringe Budget hinweg, sondern dienen auch als Spannungs- und Erzählungstreiber. Die größte inszenatorische Qualität von The Vast of Night liegt jedoch darin, die Stimmung der leergefegten Straßen der Kleinstädte einzufangen, ihren kalten Schauer an den Zuschauer weiterzugeben und ihn gleichzeitig mit der Wärme der zurückhaltenden Schüchternheit der kleinen Städte zu kontrastieren. Dieses Ambiente lässt den Film letztlich zu dieser wohlig-schaurigen Genreerfahrung avancieren.“
Maximillian Knade für moviebreak

„Ob Rassismus oder Kalter Krieg, Selbstentfaltung oder Isolation – während der Reise durch die Nacht streift der Film unzählige Themen und verknüpft diese kunstvoll miteinander, ist mal neugierig, dann wieder wahnsinnig traurig. (…) Dank wunderbarer, oft ausgedehnten Aufnahmen und eines unheimlichen Sound Designs entsteht hier beste Mystery-Stimmung mit leichten Verschwörungsuntertönen. Der Film vermittelt das Gefühl, dass da draußen irgendwas ist, das wir nicht erfassen können und regt damit wieder die Fantasie im Publikum an, die zu oft mit Effektorgien niedergebrannt wurde. Für die breite Masse wird das vermutlich nicht ausreichen. Aber wer die Geduld und die Neugierde mitbringt, darf sich bei Die Weite der Nacht auf einen der gelungensten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre freuen.“
Oliver Armknecht für film-rezensionen