Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

WINTERMÄRCHEN: Die Banalität der Bösen


Regisseur Jan Bonny erzählt die Geschichte von einer Frau und zwei Männern, die angetrieben von ihrem Hass auf Fremde durch Deutschland fahren und Menschen töten, auf die ihr Feindbild passt. Auch zwei Polizisten gehören zu ihren Opfern. Kein Wunder, dass wir sofort an die Taten der NSU denken und ständig Übereinstimmungen mit Bildern aus Dokumentarfilmen suchen. Einiges stimmt überein, vieles weicht ab. Bonny erzählt eine freie Variante und das ist das Problem des Films. Vor dem Hintergrund des realen Geschehens erscheint es respektlos sich schon wieder nur auf die Täter zu konzentrieren und den Opfern keinen Raum zu geben. Vor dem Hintergrund des realen Geschehens fehlt die Auseinandersetzung mit Polizei und Verfassungsschutz.

Jan Bonny geht es aber – steile These – überhaupt nicht um den NSU. Er übernimmt nur Motive, um die Dynamik von destruktiven Beziehungen zu zeigen. Es geht ihm nicht um die Entstehung rechtsextremer Kriminalität oder um politische Motive. Seine Figuren haben keine politische Theorie, nur einen dumpfen Ausländerhass, der als Ventil dient für alles, was in ihnen brodelt, der Selbsthass, die Frustration, die Selbstüberschätzung und Geltungssucht – eine tödliche Mischung aus Dummheit, Gewalttätigkeit und psychischen Problemen. Bonny zeigt die Banalität des Bösen, zeigt die Täter ohne auch nur den Hauch von Rechtfertigung oder Glorifizierung, so wie diese drei Verlierer möchte man keine Sekunde sein. Bonny zeigt deren Welt völlig ohne Ästhetisierung, ungeschönte Hinterhöfe, überall Trostlosigkeit, selbst der Sex ist so trostlos, dass man gar nicht mehr hinschauen mag.

Bonny verweigert sich den Erwartungen, die auch von uns Üblichen Verdächtigen an einen Film mit diesem Thema gestellt werden. Aber die Folie NSU liegt über der Geschichte, die Bonny erzählt und verstellt den Blick auf seinen Film. Im Podcast streiten wir mitunter ziemlich hitzig unter anderem darüber, ob das ein sehr schlechter oder ein ungemein interessanter Film ist. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Heidi, Bettina, Dominik und Thomas mit sehr unterschiedlichen Meinungen zu WINTERMÄRCHEN.

Gesehen über kino-on-demand.com und dabei das Lieblingskino ausgesucht.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Wintermärchen
D 2018, 125 Min., Regie: Jan Bonny