Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

BURNING: Die Welt ist ein Rätsel

@ capelight pictures


„Die Welt ist ein Rätsel“, erklärt Jongsu. Der junge Südkoreaner hat einen Universitätsabschluss in Creative Writing aber lebt von Gelegenheitsjobs, während er versucht einen ersten Roman zu schreiben. Eine Perspektive hat er wie die allermeisten seiner Generation nicht. Das gilt auch für die junge, sehr hübsche Haemi – sie kommt aus dem gleichen Dorf und als die beiden sich treffen, kommt es zu einer unbeholfenen kurzen Affäre. Die dritte Figur in Lee Chang-dongs Film BURNING ist Ben, er ist der neue Mann an Haemis Seite, jung, attraktiv, sehr reich und gelangweilt.

Durch Ben kommen Haemi und Jongsu in Berührung mit Bens ebenfalls reichen Freunden und sind umso mehr darauf gestoßen, dass ihr Leben so nicht aussehen wird. Haemi ist eine chronische Lügnerin und macht Schulden und Jongsu lebt im verlassenen und verwahrlosten Elternhaus, auch seine Eltern gescheitert. Ben, der sein perfektes Leben lebt, fühlt sich nur lebendig, wenn er Gewächshäuser anzündet.

Anderthalb Stunden folgen wir diesen drei jungen Menschen, die fühlen, aber – wie wir alle – nicht verstehen, was eigentlich in dieser Welt schief läuft. Sie alle haben den „großen Hunger“ nach einem Sinn im Leben. Als Zuschauer entdecken wir langsam die Wut, Verzweiflung und Leere in diesen drei Charakteren und treiben mit ihnen durch das Südkorea der Gegenwart bis zum Höhepunkt des Films – einem gemeinsamen Abend vor Jongsus Haus, den Haemi krönt mit einem Tanz im Sonnenuntergang zu den hypnotischen Trompetenklängen von Miles Davis. Eine hypnotische Sogwirkung haben auch die Filmbilder, manchmal kühle, manchmal poetische, oft lange Einstellungen.

Nach anderthalb Stunden dreht sich der Film: Haemi verschwindet. Hat Ben etwas mit dem Verschwinden zu tun? Jongsu verdächtigt ihn, findet Indizien, sucht Haemi, sucht abgebrannte Gewächshäuser, sucht die Wahrheit über Haemi, über Ben und über sich selbst. Die Welt aber bleibt ein Rätsel, die Kunst Lee Chang-dongs ist es, Fragen zu stellen. Die Suche nach den Antworten wird die Zuschauer noch eine Weile beschäftigen.

Am Mikrofon direkt nach dem Film schildern Johanna und Thomas ihren ersten Eindruck und diskutieren über klare Ansagen des Regisseurs und eine Gesellschaftskritik, die allgegenwärtig ist aber genauso im Hintergrund bleibt wie die nordkoreanischen Propaganda-Lautsprecherdurchsagen hinter Jongsus Elternhaus. Die beiden arbeiten sich an der Vielschichtigkeit des Films ab und sind sich einig: Ein überraschend komplexer Film, ein überraschend guter Film mit einem unerwarteten Finale.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Burning
Korea 2018, 148 Min., Regie: Lee Chang-dong
nach einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami

Capelight bietet den Film an als
4-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook
(4K Ultra HD + Blu-ray + Bonus-Blu-ray + DVD)


Andere
Meinung

„Die stete Unsicherheit, ob Haemi wirklich einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, erinnert an Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof, aber noch mehr an Michelangelo Antonionis Blow Up. Mit letzterem verbindet Burning den Hang zur distanzierten Inszenierung, die fehlende Auflösung und denselben Grundgedanken: Um die Feinheiten eines Bildes erkennen zu können, muss man sich ihm nähern, doch überschreitet man einen kritischen Punkt, verkehrt sich der Effekt ins Gegenteil – vor lauter Details verschwimmt das Gesamtbild. (…) Während des Abspanns bleibt zunächst ein unbefriedigter Eindruck: Die distanzierte Regie verhindert einen emotionalen Zugang, die Figurenzeichnung bleibt oberflächlich und die Beweislast scheint sich zu eindeutig gegen Ben zu richten. Dennoch lässt Burning auch Tage nach dem Sehen nicht los. Das liegt nicht nur an den sehenswerten Bildern oder dem motivreichen Blick auf das Leben in Südkorea, sondern vor allem an den blinden Flecken der Handlung. Sie machen die Subjektivität der vermeintlich objektiven Realität bewusst; die kontemplative Erzählweise verformt das filmische Erleben.“
Tom Schünemann für Filmsucht.org

„Mit präzisem Gespür für die Figuren und den Raum um sie herum zeichnet Lee Chang-dong in wenigen Einstel­lungen hier zwei in der Großstadt Seoul Gestran­dete, die einmal gehofft haben, ihre Chance zu kriegen und viel­leicht immer noch von Glück und Erfolg träumen. Bei Jong-su scheint das weniger der Fall zu sein als bei Hae-mi, die mit einer nach wie vor naiven Begeis­te­rung vom spiri­tu­ellen großen Hunger der Buschmänner in Afrika spricht. (…) Lee Chang-dong lässt anhand dieser beiden jungen Leute sehr prägnant das Bild einer enttäuschten, betro­genen Gene­ra­tion im gegen­wär­tigen Südkorea aufscheinen, die sich ziemlich allein­ge­lassen fühlt. Hae-mi hat keinerlei Bindungen zu Angehö­rigen, Jong-su hat sich um den abge­wirt­schaf­teten Bauernhof seines Vaters an der Grenze zu Nordkorea zu kümmern, der nach einem Angriff auf einen Gemein­de­be­amten mit seiner Umwelt gebrochen hat und unver­söhn­lich ins Gefängnis geht.“
Wolfgang Lasinger für artechock

„Eine Bestätigung für all die unheilvollen Vermutungen, die sich in Jongsus Kopf und somit auch den Köpfen der Zuschauer formen, liefert Burning zu keinem Zeitpunkt. Stattdessen versteht sich Lee Chang-Dong in der Poesie der Dämmerung. Die Farben es Horizonts vermischen sich genauso wie Jongsus Entdeckungen zwischen Einbildung und Realität. Ein Albtraum, der dem Titel des Film in apokalyptischen Bildern am ehesten gerecht wird, besiegelt das Misstrauen, bis das strahlende Blau des Himmels im blutroten Sonnenuntergang verschwindet. Eine böse, finstere Macht übernimmt den Film, der vordergründig in Form eines Mystery-Thrillers vom rätselhaften Verschwinden einer Person berichtet, während im Hintergrund die soziale Isolation in einer Welt diskutiert wird, in dem jeglicher Sinn für Gemeinschaft verloren gegangen ist. Niemand hat hier echte Freunde, die zuhören und verstehen. Selbst am anderen Ende des Telefons ist die meiste Zeit über nur Stille zu vernehmen, die unerträglicher kaum sein könnte.“
Matthias Hopf für das filmfeuilleton

„Die Hauptfigur sieht sich selbst als Schriftsteller mit den Geschichten von William Faulkner als Vorbild. Interessanterweise hat Faulkner auch eine Kurzgeschichte geschrieben, die ebenfalls BARN BURNING (übersetzt Scheunenverbrennen) heißt, wie auch die von Haruki Murakami, welche BURNING als Handlungsgrundlage dient. Wenn man Jong-su als kreative, schreibende Rolle sieht, ergibt sich vielleicht ein neuer Interpretationsweg für die Geschichte: Alles und damit auch Hae-mi und Ben könnte seiner Fantasie entsprungen sein. Denn seine Person bekommt in dieser Dreier-Konstellation nicht nur die passivste Rolle, sondern auch die dialogschwächste. Er ist der Beobachter, der versucht das Rätsel dieser Welt zu entschlüsseln. Eine Deutung ganz im Stil von SWIMMING POOLoder NACH EINER WAHREN GESCHICHTE. Was ist Fiktion und was Realität?“
Christoph Müller für Fluxkompensator