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Kochen heißt sich kümmern: „Kirschblüten und rote Bohnen“

Kirschblüten und rote Bohnen © Neue Visionen Filmverleih 2015


Tokue, die alte etwas merkwürdige Dame, spricht mit den Bohnen, aus denen sie „An“, eine süßen Bohnenpaste zubereitet. Sie hört ihnen zu, denkt an den Wind, der die Bohnenpflanzen geschüttelt hat, an den Mond, der auf sie schien. Ihre Bohnenpaste wird das geheime Erfolgsrezept der süßen Pfannkuchen, den Dorayaki, ihres Chefs Sentaro. Das klingt nach „Babettes Fest“ unter Kirschblüten, stattdessen bekommen wir in Naomi Kawases neuem Film etwas viel Besseres: Die traurige und nur in wenigen Szenen auch tröstliche Geschichte dreier Menschen am Rande der Gesellschaft. Am Mikrofon direkt nach dem Film sind Katharina, Hendrik und Thomas. Sie reden über die Bedeutung des Kochens, über Leid und Kraft und wunderbare Bilder.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Hier unser Podcast zu Naomi Kawases Film „Still the water“.


Kirschblüten und rote Bohnen (An)
Japan 2015, 113 Min., Regie: Naomi Kawase


Andere Menschen,
andere Meinungen

Wir geben Joachim Kurz (kino-zeit.de) völlig recht – das Kochen bedeutet soviel mehr: „Viel Aufmerksamkeit widmet Naomi Kawase der Zubereitung der Bohnenpaste – eine Sequenz, die überaus sinnlich und verlockend gestaltet ist und beinahe wie ein zenbuddhistisches Ritual erscheint. Die Art und Weise der Zubereitung verdeutlicht, dass es Tokue nicht allein um die Herstellung einer Speise geht, sondern dass sich dahinter eine ganze Philosophie verbirgt, die sich durchaus auf die Menschen und deren Umgang miteinander übertragen lässt: Es geht um Respekt und darum, auf die Bedürfnisse achten – sei es nun auf die Erfordernisse der Adzukibohnen, aus denen An hergestellt wird oder auf die von Menschen wie Sentaro, Wakana und Tokue, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Außenseiter innerhalb der japanischen Gesellschaft sind.“

Und auch die Kirschblüten bedeuten mehr – entdeckt Gaby Sikorski (programmkino.de): „Die Kirschblüte hält den Film wie eine Klammer zusammen: Sie symbolisiert die schnelle Vergänglichkeit des Schönen ebenso wie die Hoffnung darauf, dass sich Geduld lohnt, weil es eine neue Blüte gibt. Das gilt nicht nur für Kirschbäume, sondern auch für Menschen, könnte Naomi Kawase sagen.“

Alle Zutaten für einen kitschigen Film wären da – aber Christian Witte (cereality.net) sagt: „Diese Voraussetzungen klingen nach einem Stoff, den Regiekollegen mit einer Zuckerwatte umschließen würden, die nach Gefälligkeit schreit und Kitsch ausstrahlt. Kawase vermeidet die Fallen des routinierten Wohlfühlkonsens und dessen Weisheiten zur Lebenshilfe im Postkartenformat.“

Das Erzähltempo ist für einige europäische Zuschauer eine Herausforderung, aber Christian Gertz (mehrfilm.de) tröstet: „Doch wer sich auf die fast dichterischen Einstellungen und das ruhige Tempo einlässt, der bekommt Kino für Feinschmecker geboten mit berührenden Bildern, hinter denen sich sehr viel Demut und Wohlbefinden verbergen. Inklusive langer Nachwirkung.“



Dorayaki Foto: Hiroshi Yoshinaga Creative Commons BY 2.0