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KOLLEKTIV – KORRUPTION TÖTET: „Wir sind keine Menschen mehr“

© Alexander Nanau


Es ist wie im „Dritten Mann“: Verbrecher verdünnen Medikamente – hier lebenswichtige Desinfektionsmittel – bis zur Nutzlosigkeit und nehmen dabei den Tod hunderter vielleicht tausender Menschen in Kauf. Allein der hier geschilderte Skandal in Rumänien betraf mehr als 300 Krankenhäuser und mehr als 2000 Operationssäle. Die Dokumentation KOLLEKTIV – KORRUPTION TÖTET berichtet von einem unglaublichen Fall, der mit einem Brand in einem Club in Bukarest im Oktober 2015 beginnt. Viele sterben im Feuer, da es keinen Notausgang gibt. Danach verstarben aber noch 37 weitere Clubbesucher:innen an leichten und mittleren Verbrennungen. Die Redaktion einer rumänischen Sportzeitung stößt darauf und beginnt zu recherchieren. Mit den Informationen von Whistle Blowern aus Krankenhäusern entdecken sie, dass die Desinfektionsmittel gepanscht sind und die Verbrennungsopfer an tödlichen Keimen sterben. Der Aufschrei in der Bevölkerung ist so groß, dass die Regierung zurücktreten muss. Eine Übergangsregierung setzt einen Patientenanwalt ein, der das System der Korruption beenden will. Währenddessen dringen die Report:innen tiefer in den Skandal vor.

Immer wieder mutet diese Dokumentation mit ihrer sich immer weiter steigenden Dramaturgie wie ein Hollywoodfilm an: Immer weiter wird die Schraube von Bestechung, Angst, Mord und Korruption bis in hohe Staatsämter gedreht. Aber es ist alles Wirklichkeit. Regisseur Alexander Nanau ist von Anfang an mit der Kamera dabei – ein unglaubliches Glück. Er darf die Recherchen filmen, ist bei den Aussagen der Whistle Blower dabei, filmt die Gesichter der Redakteur:innen, als die ersten Morddrohungen kommen, kehrt immer wieder zu den Opfern zurück und darf sogar den engagierten Gesundheitsminister der Übergangsregierung begleiten, der einen Kampf gegen die Windmühlen der übermächtigen Korruption beginnt. Johanna hat den vom MDR koproduzierten Film ausgesucht und diskutiert mit Thomas diesen atemberaubenden Blick in eine Welt, in der die Korruption den Menschen ihre Menschlichkeit nimmt und sie erkennen: Das Gegenteil von Korruption ist nicht Unbestechlichkeit sondern Rechtsstaat.

Die Dokumentation KOLLEKTIV – KORRUPTION TÖTET ist völlig zurecht für den diesjährigen Oscar in den Kategorien „Beste Dokumentation“ und „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert worden.
Hier klicken: KOLLEKTIV ist bis zum 15. April 2021 kostenlos in der ARD Mediathek zu sehen.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Musik von Johannes Klan

Kollektiv – Korruption tötet
Lux/Rum 2019, 109 Min., Regie: Alexander Nanau


Der Trailer


Sehr lesenswerte
Filmkritik

„Das Zusammenspiel aus Authentizität und Transparenz, vor dem Hintergrund eines schier unglaublichen Skandals, sorgte dafür, dass Colectiv bei seinem US-Streaming-Start im vergangenen November mit überschwänglichen Kritiken bedacht wurde. Das Online-Filmmagazin Indiewire adelte die Dokumentation, die von rumänischer Seite als Beitrag für die Oscarverleihungen 2021 in der Kategorie Bester Internationaler Film eingereicht wurde, als „einen der besten Journalistenfilme aller Zeiten“. Das kann man so sehen. Doch eigentlich greift dieses Label viel zu kurz. Colectiv ist mehr als die Chronologie einer beharrlichen Recherche. Es ist die Bestandsaufnahme einer Nation, die sich danach sehnt, international Schritt halten zu können, nach über 25 Jahren aber immer wieder von den Geistern Ceau?escus eingeholt wird. Um die Vergangenheit abzuschütteln, braucht es – da wird der Filmtitel zum programmatischen Fanal – ein Kollektiv beherzter Akteur*innen. Dazu gehören die Journalist*innen der Gazeta Sporturilor. Ihre Arbeit allerdings wäre nicht möglich ohne die Informant*innen, die den Mut aufbringen, Missstände aufzudecken.“
Patrick Torma / filmjournalismus.de

Sehr lesenswertes
Interview mit dem
Regisseur

Was sich vor Ihren Augen aufgetan hat, war ein erschütterndes Netz aus Korruption, Lügen und Missständen im rumänischen Gesundheitswesen. Hatten Sie mit etwas Derartigem gerechnet? Nein, so schlimm hatte ich es nicht erwartet. Natürlich hat Rumänien als ehemaliges kommunistisches Land eine gewisse Tradition der Korruption. Aber was Tolontan und seine Leute aufgedeckt haben und was alles in diesem Zusammenhang passiert ist, damit konnte keiner rechnen. Wir waren alle baff. Und die Dinge passierten mit einer Geschwindigkeit, dass ich produktionsmäßig wirklich schauen musste, wie wir überhaupt einfangen können, was wichtig ist, und wie ich das in Kino übersetzen kann. Mann musste so schnell ja überhaupt erst einmal kapieren, was da wirklich vor sich geht. Allein schon die Tatsache, dass eine Firma Desinfektionsmittel streckt, ist ja schon kaum zu begreifen. Und das war nur die erste von vielen Enthüllungen.“
Alexander Nanau im Interview mit Patrick Heidmann für taz