TAR: Das Ich, die Macht und das verräterische Herz

Cate Blanchett und im Hintergrund Nina Hoss in Todd Fields Film TAR © Focus Features/Universal

Cate Blanchett und im Hintergrund Nina Hoss in Todd Fields Film TAR © Focus Features/Universal Pictures

Das „Meisterwerk“-Etikett findet gefühlt in jeder zweiten Filmkritik zu TÁR. Zurecht? Im Mittelpunkt steht Lydia Tár, Komponistin und Dirigentin von Weltruf, auf dem Gipfel ihres Ruhmes und ihrer Macht. Sie dirigiert die Berliner Philharmoniker, spielt Mahlers Fünfte für die Deutsche Grammophon ein, veröffentlicht ein Buch – für diese Exposition lässt sich Todd Field Zeit. Ein fast dokumentarisch wirkender Einstieg, sehr schön für alle, die sich auch nur ein bisschen für klassische Musik interessieren. Aber vom Gipfel aus droht der Absturz: Ganz langsam steigert Todd Field die Bedrohung, die Schatten der Vergangenheit werden sichtbar, Überempfindlichkeit und Paranoia wachsen. Vor allem sehen wir, wie Lydia Társ kalter Narzissmus ihre Arbeit und ihre Ehe gefährdet …

Wie moralisch ist TÁR? Nicht leicht zu beantworten. Ist Tár charismatisches Genie oder narzisstisches Monster? Oder beides? Was hat sie sich zu schulden kommen lassen? Abgesehen von einem Egoismus, der einem manchmal die Sprache verschlägt und mangelnder Diplomatie in der Diskussion mit Studierenden und ihrer offensichtlichen Bevorzugung einer begehrenswerten Cellistin. Es ist vor allem ihre Entscheidung, die Karriere und das Leben einer ehemaligen Mitarbeiterin, einer Cellistin, zu zerstören, die auf sie zurückschlägt.

Im Film kommt trotz der Länge keine Langeweile auf – Thomas hätte sich TAR auch als 10-teilige Serien angeschaut (Peter hätte den Film aber gerne um eine Stunde gekürzt). Field gelingt ein besonderer Realismus: Field und Blanchett erwecken mit Lydia Tár eine umfassende Figur zum Leben in einer ebenso komplexen wie interessanten Welt. Mit ihrer Ehefrau (Nina Hoss), ihrer Assistentin (Noemie Merlant) und einem unterlegenen Konkurrenten (Mark Strong) hat Tár starke Partner und Gegner. Sehr gut und sehr sehenswert, aber das „Meisterwerk“-Etikett würden wir nicht aufkleben. Im Podcast direkt nach dem Film reden wir über Edgar Allan Poe, über filmische Regelbrüche, rückwärts erzählte Dekonstruktionen, Oscar-Chancen und die Hölle. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Heidi, Johanna, Katharina, Peter und Thomas.


Folge 1194
Unser erster Eindruck von TAR
Länge: 15:34


WICHTIG: Wir haben TAR im Programmkino Capitol&Palatin in Mainz gesehen. Dem Programmkino Capitol&Palatin droht nach einem Gebäudekauf durch ein großes Immobilienunternehmen die Schließung. Mehr Informationen gibt es hier und hier. Eine Petition zum Erhalt dieses wichtigen Kinos gibt es hier. Bitte unterstützen! Wir haben in Capitol&Palatin sehr viele großartige Filme gesehen, sehr viele SchönerDenken-Episoden zu anspruchsvolleren Filmen sind vor diesem Programmkino aufgezeichnet worden. Dieses Kino ist die Grundlage der Kinokultur in Mainz: Das Programm ist hervorragend kuratiert – besondere Filme aus vielen unterschiedlichen Genres und Nationen, immer wieder auch in Originalsprache, dazu viele Veranstaltungen. Wir appellieren an die Verantwortlichen der Stadt Mainz, dieses Kino zu retten!


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken
Bild: © 2022 Focus Features/Universal Pictures
Musik: Johannes Klan


TAR
USA 2022, 158 Min., Buch und Regie: Todd Field


Andere Meinungen

„Todd Fields Tár ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Film. Angefangen von einer geforderten, fantastischen Besetzung, über einen Blick hinter den Vorhang eines großen Konzerthauses, bis hin zu einer so detaillierten Charakterzeichnung, dass man vermuten könnte, sie wäre eine Biografie. Präsentiert ist all das in hervorragenden Bildern, aber auch mit einer fordernden Ausdauer, sich einer konventionellen Dramaturgie zu entziehen. Insofern richtet sich das preiswürdige Drama nur an ein kleines Publikum und macht daraus auch kein Geheimnis.“
Jens Adrian für treffpunkt-kritik.de

„Durch die konsequente Erzählperspektive aus Lydias Sicht wird ein Band zwischen Künstlerin und Publikum geschaffen, wir identifizieren uns sehr lange mit ihr. Doch der Fall kommt schnell und heftig. Todd Field zwingt uns so, permanent unsere Sympathien für die Protagonistin zu hinterfragen. Auch über die Trennung von Künstler und Kunstwerk lässt der Film dadurch nachdenken. Das rätselhafte Drama mit vielen Thriller-Elementen ist ein intensiver Essay über Macht und wie sie Menschen verändert mit Cate Blanchett in Bestform.“
Melanie Hoffmann für kino-zeit.de

„Cate Blanchett, die von Anfang an die Wunschkandidatin des Regisseurs war, ist hierfür natürlich eine Idealbesetzung. Wie kaum einer anderen Schauspielerin gelingt ihr der Spagat aus Charisma und Eiseskälte, aus Stärke und Verletzlichkeit. Auch wenn man im Anschluss nicht genau weiß, was man von der Figur halten soll, die Lichtgestalt und Monster in einem ist: Sie auf der Leinwand sehen zu dürfen, ist auf jeden Fall ein Geschenk.“
Oliver Armknecht für film-rezensionen.de

„Das Plattenlabel Deutsche Grammophon ist nicht nur mit Promotion um Lydia Tár im Drehbuch vertreten. Dem Label ist auch ein kleiner produktbezogener Coup gelungen. Nicht so plakativ wie der E-Porsche mit Stuttgarter Kennzeichen im Film, nein eher in organischer Weise. Eine Schallplatte findet ihren Weg gleich zu Beginn in den Film, genauer gesagt unter Blanchetts nacktem Fuß, die aber erst zum Kinostart von TÁR erscheinen wird: Claudio Abbado spielt mit den Berliner Philharmonikern Gustav Mahlers fünfte Symphonie. Der Prozess für die Liveaufnahmen von Lydias Interpretation findet zusätzlich nicht nur fiktional statt, sondern begibt sich sogar in unsere Realität. Der Soundtrack zum Film trägt das Cover mit Lydia, das im Film entworfen wird. Es gibt aber noch eine andere Metaebene, wenn man so will. Die Filmmusik von TÁR ist komponiert und gespielt von der Isländerin Hildur Guðnadóttir (JOKER, SICARIO 2). Guðnadóttir ist Cellistin, wie die Figur von Olga im Film und bringt zusätzlich musikalische Stimmung. Wenn Cate Blanchett mit ihrer Probe zu Mahlers Fünfte ein musikalisches Gewicht stellt, so bringt Hildur Guðnadóttir mit ihren Stücken die düstere Tiefe.“
Christoph für fluxkompensator

„(Todd Field) zeigt den Downfall eher als Psychogramm einer komplizierten Künstlerpersönlichkeit, die auf der Höhe des Erfolgs den eigenen Kompass verliert. Tár öffnet so einen größeren Denkraum, in dem überkommene Traditionsmuster und Machtstrukturen im Kulturbetrieb geschlechterübergreifend hinterfragt werden. Und in dem Frauen nicht automatisch die besseren Menschen sind.“
Ute Thon für critic.de


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