Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

STRANGE DAYS: “Memories are meant to fade. They’re designed that way for a reason.”

Ralph Fiennes als Lenny Nero in STRANGE DAYS © Koch Media


Es ist wieder Lucas-Time! Thomas heißt den Kinomenschen Lucas Barwenczik willkommen, um mit ihm den Near-Future-Science-Fiction STRANGE DAYS zu durchleben. Der Film von Kathryn Bigelow spielt in den letzten 48 Stunden des Jahres 1999, so genannte Squid-Clips zeichnen absolut lebensecht Erinnerungen auf, Erinnerungen verblassen also nicht mehr. Mit diesen illegalen Erinnerungsaufzeichnungen handelt unser Protagonist, der Ex-Polizist Lenny Nero, ein echter Antiheld, rattenhaft und gescheitert. Eine tolle Rolle für Ralph Fiennes (Thomas lernt endlich den Namen richtig auszusprechen), eine Rolle für die auch Andy Garcia, John Travolta, Nicolas Cage und Arnold Schwarzenegger im Gespräch waren …

Dieser Science-Fiction ist zugleich ein Krimi, ein Liebesfilm und eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit Rassismus. Die Entstehung des Films wurde damals angefeuert von der Misshandlung von Rodney King. Mehr als genug Stoff für einen Film möchte man meinen. Aber Bigelow verhandelt in dieser Überdosis Film auch die Überdosis Wirklichkeit, die Reizüberflutung. Und sie beschäftigt sich mit der Frage von Blick und Perspektive durch die Technik der Squid-Clips – das gipfelt in einem besonders perversen Vergewaltigungsmord, bei dem der Male Gaze auf die Spitze getrieben wird.

Lucas und Thomas waten in dieser Episode anderthalb Stunden lang durch diesen übervollen Film, wiederentdecken die großartige Angela Bassett (hier als kämpferische Mace), feiern die hässlichste Perücke der Filmgeschichte und den Konfetti-Showdown, bewundern Bigelows technische Umsetzung samt der Erfindung einer neuen Kamera. Und wenn der rebellische Rapper Jericho One erklärt: „Wir leben in einem Polizeistaat. Der Tag der Abrechnung steht uns bevor. Die Geschichte endet und beginnt von neuem genau hier, genau jetzt!“ Dann geht es natürlich darum, was dieses „Right here, right now“ mit Fat Boy Slim zu tun hat. Wir wünschen viel Vergnügen!


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Musik von Johannes Klan

Strange Days
USA 1995, 139 Min., Regie: Kathryn Bigelow


Der Trailer


Andere
Meinungen

„Die Gewalt des Blicks. Was nämlich macht der Mensch, wenn er eine Technologie entwickelt hat, mit der er die Erlebnisse einer_s anderen hautnah miterleben und –fühlen kann? Genau: Er macht Pornos. Aber halt! Nicht der Mensch schaut und macht Pornos, sondern der Mann! In Strange Days sind es ausschließlich Männer, die sich mit Hilfe des kabellosen Gimmicks in anderer Leute Gedanken flüchten, anderer Leute Erlebnisse sehen. Die Frau ist in diesen Szenarien ausschließlich die Angeschaute. Damit ist Strange Days quasi ein Film über Laura Mulveys feministische Blicktheorie, die dem Kino grundsätzlich eine männliche Perspektive unterstellt, in der die Frau nur Objekt sein kann.“
Sophie Carlotte Rieger für Filmlöwin

„Zentrales gestalterisches Merkmal von „Strange Days“ sind die von den SQUIDs aufgezeichneten Filme, die die Konstruktion einer gänzlich neuen Kamera erforderlich machten. Die im Point of View gefilmten Sequenzen, die meist ohne sichtbare Schnitte auskommen, nehmen den Metafilm-Trend, der nur wenige Jahre später etwa durch „Blair Witch Project“ ausgelöst wurde, vorweg und arbeiten mit einer geschickten Täuschung: Denn die absolut vollkommenen, lebensechten Sinneseindrücke werden ja durch Bilder simuliert, die sich qualitativ überhaupt nicht von den gewöhnlichen Filmbildern unterscheiden.“
Oliver Nöding für f-lm