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PARASITE: Wenn das Leben aus dem Ruder läuft (Gisaengchung)

Parasite © 2018 KOCH MEDIA


Südkorea. Ein junger Mann erschwindelt sich einen Job in einer sehr reichen Familie. Ist das vielleicht auch eine Chance für seine restliche Familie, um der Armut zu entfliehen? Jong Boon-ho beginnt PARASITE als höchst unterhaltsame Schelmenkomödie, dann aber wechselt er das Genre, wechselt die Richtung und lässt seine Geschichte so richtig aus dem Ruder laufen. Alle Erwartungen seiner Zuschauer hat er da schon längst über Bord geworfen.

„Wäre ich lieber im Sesselchen meiner erfüllten Erwartungen geblieben?“ Hendrik

Licht, Szenenbild, Kamera und Schnitt, vor allem aber das Schauspielensemble sind sehr beeindruckend. Aber die eigentliche Meisterleistung ist die Dramaturgie. Bong Joon-ho porträtiert seine kapitalistische, feudale, durchdigitalisierte südkoreanische Gegenwart mit scharfem Blick und seziert die Klassenunterschiede, in dem er das Skalpell der Konflikte auf seine Protagonisten loslässt. Nach diesem umwerfenden Kammerspiel fragt man sich, wer eigentlich der Parasit ist, ob Naivität oder Demütigungen als  Entschuldigungen taugen. Ein meisterlicher Film, den man gesehen haben muss, finden die Üblichen Verdächtigen. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Heidi, Katharina, Bettina, Hendrik, Uwe und Thomas.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Parasite (Gisaengchung)
Korea 2019, 132 Min., Regie/Drehbuch: Bong Joon-ho


Andere
Meinungen

„Parasite zeigt abermals in sehr ausgefeilter Art, dass Bong Joon-ho ein wirklich gutes Händchen dafür hat, klassisches Autorenkino mit Genrefilmen zu paaren, um daraus beißende Sozialkritik entstehen zu lassen, die einen oftmals plötzlich und unvermittelt mitten ins Gesicht schlägt. Er ist der Meister des Lachens, das einem alsbald im Halse stecken bleibt, so bitterböse entwickeln sich aus seinen lustigen Momenten dann tiefgreifende Schicksale.“
Beatrice Behn für kinozeit

„Die neoliberalen Verheißungen eines ökonomischen Aufstiegs, der mit harter Arbeit, strengem Verzicht und eisernem Willen durchgesetzt werden kann, erweist sich als Illusion derjenigen, die bereits in ein determiniertes Selbstverständnis hineingeboren worden, jemand gegenüber anderen zu sein. Wie kompliziert die Vorstellungswelten von Privilegierten und Nichtprivilegierten sein können, zeigt eine Szene, in der Wasser das Armenviertel flutet. Auf der einen Seite, so wird behauptet, ein starker Regen, auf der anderen Seite, so wird gezeigt, ein existenzgefährdender, reißender Strom: Die Überlebenden treiben als Stück Fleisch ohne Hab und Gut auf dem Wasser und übernachten in einer Sporthalle. Sie werden ihrem Schicksal überantwortet.“
kopfkino