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A BEAUTIFUL DAY: Von der Traurigkeit des Tötens (You Were Never Really Here)

A Beautiful Day / You Were Never Really Here © 2018 Constantin Film Verleih GmbH


Die Geschichte kennen wir: Der einsame Hitman, der Killer, der die Bösen tötet. Er legt sich dabei mit Mächtigen an, wird zum Gejagten, jagt die Jäger, rettet die Unschuldigen und Wehrlosen. Daran hält sich Regisseurin Lynne Ramsay, aber ihr Actionheld Joe ist ein geschundener Mann (wie Heidi sagt), traumatisiert in Kindheit und Krieg. In seinem Kopf scheint es zu dröhnen, was sich beeindruckend in der mal treibenden, mal sirrenden Electro-Musik von Radiohead-Mitglied Johnny Greenwood spiegelt.

Als Joe in die Enge gedrängt wird, steigt die Zahl der Toten und immer weiter verliert er die Kontrolle über die Realität. Ruhige Einstellungen, starke Stimmungen, Erinnerungsfetzen und der Schmerzensmann Joaquin Phoenix dominieren den Film. Ramsay nimmt das Genre und bricht es als Autorenfilm auf, bis es an den Bruchkanten funkelt. Sehr sehenswert. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Heidi, Uwe und Thomas. (Gesehen im Capitol Mainz, OmU).


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

A Beautiful Day (You Were Never Really Here)
FRK/USA/GB 2017, 90 Min., Regie/Drehbuch: Lynne Ramsay


Andere Menschen,
andere Meinungen

„Seine Rage, sein Akt der Aggression, also der Schauwert und die Action selbst, sind nicht vorhanden, sondern scheinen ausgeblendet, vielleicht auch verdrängt. Vielmehr arbeitet Ramsay hier mit allen kinematographischen Mitteln, um eine möglichst präzise Darstellung der Empfindungswelt ihres hochgradig traumatisierten Hauptcharakters zu machen und dabei die Genrekonventionen, aus denen die Geschichte entspringt, mit viel Raffinesse komplett zu dekonstruieren.“
Beatrice Behn für Kinozeit

„A Beautiful Day verzichtet in diesem Sinne zum Großteil auf dialoglastige Exposition und vermittelt den Gefühlsstatus der Hauptfigur primär durch den bedrückten Filmton, was gerade Hauptdarsteller Joaquin Phoenix darstellerisch eine Menge abverlangt. Der vermutlich stärkste Schauspieler unserer Zeit vollführt diesen Drahtakt aber mit links, verleiht seinem zerstörten Charakter eine Rohheit und emotionale Tiefe, die er mit subtiler Mimik und Gestik zu übertragen weiß. Joe tut uns leid, macht uns im gleichen Moment aber auch verdammt große Angst.“
Thomas Söcker für moviebreak

„Es gelingt Lynne Ramsay einmal mehr, ihre Geschichte vor allem über die Stimmung zu erzählen, Gefühle und Eindrücke statt Informationen zu vermitteln. Somit wäre der Film meines Erachtens eher ein Kandidat für Regie-Preise. Ramsay zieht ihre Zuschauer_innen in einen ganz besonderen Bann, der ohne greifbare Nähe zur Hauptfigur und komplexe Spannungsdramaturgie funktioniert. Wieder hinterlässt sie uns ratlos darüber, was zum Teufel wir da eigentlich gerade gesehen haben. Und schafft damit wieder großes Kino.“
filmlöwin