Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

BLUTIGER FREITAG: „Wir sprechen nur mit maßgeblichen Bonzen!“ feat. Lucas Barwenczik

Blutiger Freitag, BRD, 1972


„Wir sprechen nur mit maßgeblichen Bonzen!“ erklärt Mörder Heinz Klett und getreu diesem Motto redet Kinomensch Lucas Barwenczik folgerichtig im CrossCast mit Thomas von SchönerDenken – über Rolf Olsens Action-Exploitation BLUTIGER FREITAG von 1972 in der mittlerweile auf Bluray verfügbaren 4K-Fassung. Während Thomas noch Probleme hat den richtigen Einflugswinkel zu finden, ist Lucas schon vom unverwundbaren Überbösewicht Klett fasziniert, der fast Schwarzenegger und Stallone vorweg nimmt.

Der Film ist Exploitation und zeigt Exploitation – nämlich in den Arbeitsverhältnissen, wenn die Ausbeutung der Arbeit am Beispiel Heidis und Luigis gezeigt werden, bis einem die Halsschlagadern schwellen. Ein klarer Blick in die klassistische Kälte der BRD der frühen Siebziger: Know your place – Bleib, wo Du hingehörst – Heidi wird zusammengestaucht, „damit sie wieder in die Tüte passt“.

Dazu passen immer wieder Anspielungen auf die RAF, Revolutionsattitude hat sich auf jeden Fall auch Heinz Klett zugelegt: Polizisten sind keine Heilsarmisten und wenn einer draufgeht, dann war das Berufsrisiko. Da klingt Heinz Klett gewiß nicht zufällig wie Andreas Baader. Der Tod eines Polizisten (die Handgranate!) führt dann auch zur beeindruckendsten und billig inszenierten Gore-Szene. Vorbild für den Bankraub, den Heinz Klett mit seinem Kumpanen durchführt, war ein echter Bankraub in München 1971, bei dem alle Täter zu Tode kamen.

Beeindruckend wird die trostlose Stimmung der BRD zwischen Studentenbewegung und Deutschem Herbst gezeigt – Heinz Klett wird vor diesem Hintergrund von Lucas als Symbol des Ausbruchs und als gesellschaftliche Gegenfigur interpretiert – mit allen kriminellen und brutalen Aspekten. Die Menschen sind fast ausnahmslos Täter oder Opfer des deutschen Faschismus und seiner Verbrechen – 1971 liegt bei einigen der Geldbeutel schon fast in den 1980ern aber die Werte und Normen hängen noch im Dritten Reich fest.

Thomas kämpft beim Hauptdarsteller Raimund Harmstorf noch mit Kindheitserinnerungen: Harmstorf hatte als Seewolf kartoffelzerquetschend Alpträume verursacht – auch mit einer dunklen, bedrohlichen Stimme, die gar nicht Raimund Harmstorfs eigene Stimme war. Harmstorf beging viele Jahre später Selbstmord – viele geben der BILD-Zeitung daran die Schuld. Auch andere Schauspieler sind früh gestorben, besonders tragisch bei Heidi-Darstellerin Christine Böhm, die wenige Jahre nach dem Film bei einem Unfall starb.

Lucas und Thomas diskutieren, mit welchen Erwartungen die Zuschauer:innen einem B-Film gerecht werden – der Vergleich mit BULLITT oder FRENCH CONNECTION ist auf jeden Fall nicht fair, spätestens wenn das Rennen zwischen einem VW-Käfer und einem Ford Taunus unfreiwillig komisch wie ein Rollatorenrennen wirkt.

Am Ende steht die ebenso irritierende wie brutale Vergewaltigungsszene im Mittelpunkt. Sie wird mit expliziten Genitaldarstellungen und surreal wirkenden Fleischereibildern gegengeschnitten. Besonders vor dem Hintergrund dieser schwer zu ertragenden Szene fragt sich Thomas: Wie kann Heinz Klett heute trotzdem als Kultfigur gefeiert werden? Obwohl er von Regisseur Olsen als das gezeigt wird, was er ist: Inbegriff der toxischen Maskulinität. Aber das ist ein Problem der Rezeption, nicht des Films, sind sich Lucas und Thomas am Ende dieser Episode einig.


Über unseren Gast

Der Filmkritiker Lucas Barwenczik ist bekannt als Podcaster bei cuts und Kulturindustrie, er schreibt für kino-zeit.de, den Filmdienst, Filmstarts und auf Twitter ist er zu finden unter @kinomensch. Dass er alle Filme, die jemals gedreht worden sind, gesehen haben soll (zwei Mal!), ist natürlich nicht wahr – aber es fühlt sich so an :-) Seit wir 2017 gemeinsam im TEE Rheingold unterwegs waren, ist Lucas ein häufiger und besonders lieber Gast von SchönerDenken. Hier alle Episoden von SchönerDenken, bei denen Lucas zu Gast war – viele gemeinsame Episoden haben wir auf dem japanischen Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt am Main aufgenommen.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Musik von Johannes Klan

Blutiger Freitag
BRD 1972, 94 Min., Regie: Rolf Olsen


Trailer