Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

IN DEN GÄNGEN: Wir nennen es das Meer

Sanfra Hüller und Franz Rogowski "In den Gängen" © Zorro Film 2018


„Echte“ Menschen sind überraschend selten auf der Kinoleinwand zu sehen. In Thomas Stubers Film IN DEN GÄNGEN sind die Großmarktgänge voller echter Menschen, voller echter Einsamkeit, Hoffnung, Liebe, Langeweile, Verzweiflung … Es geht um den Frischling Christian, der neu im Großmarkt anfängt – mit seinen Augen entdecken wir diese Welt, seinen Gabelstaplermentor Bruno, die freche Marion von den Süßwaren, die Becken mit den lebenden Fischen („Wir nennen es das Meer“).

Das Tempo ist sehr gemächlich, was dem Film in seiner manchmal schwarzhumorigen und langen Exposition gut tut. Als die Geschichte tragischer wird, hätte auch das Erzähltempo ansteigen sollen – findet zumindest Thomas. Die größte Leistung des Films: Alle großen Themen des menschlichen Lebens packt Stuber in eine kleine, ganz einfache Welt. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Johanna, Bettina, Uwe und Thomas. (Gesehen im Palatin Mainz).


„Liebe Kollegen, willkommen in der Nacht.“


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

In den Gängen
D 2017, 120 Min., Regie: Thomas Stuber


Andere Menschen,
andere Meinungen

„Trotz aller Trostlosigkeit sparen Stuber und sein Drehbuchautor Clemens Meyer („Als wir träumten“) nicht mit humorvollen Dialogen vor dem Kaffeeautomaten oder im Klappstuhl auf dem Betriebsparkplatz. Doch oft bleibt dem Zuschauer binnen Sekunden das Lachen direkt wieder im Halse stecken. Zu real sind diese detailverliebt porträtierten, ruppigen Menschen, ihre durchscheinenden Lebensgeschichten und Schicksale, als dass es sich richtig anfühlt, darüber zu lachen. Regisseur Stuber sagt über sein Werk, es habe ihn gereizt, Meyers Kurzgeschichte zu verfilmen, weil vieles unausgesprochen bleibe und nicht bis zum Ende erzählt werde.“
Nadine Emmerich für filmverliebt

„Auffällig: Die Themen Migration und Fremdenfeindlichkeit kommen überhaupt nicht vor. Obwohl gerade bei Anlernjobs viele ungelernte Kräfte mit Migrationshintergrund eingesetzt werden (zumal deren Ausbildungen hierzulande oft nicht anerkannt werden), sind sie „In den Gängen“ nicht anzutreffen. Der Film ist im Hier und Heute angesiedelt, die Handlung könnte sich aber auch kurz nach der Jahrtausendwende abspielen. Weshalb Meyer und Stuber diese Themen so konsequent umschiffen, berichtete mir der Regisseur auf Nachfrage: Es sei ihnen eine Erzählschicht zu viel gewesen. Eine legitime Haltung. „In den Gängen“ ist rund, so wie er ist, und nimmt sich Zeit für die Themen, an denen Meyer und Stuber dafür nun mal lag.“
Volker Schönenberger für Die Nacht der lebenden Texte