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PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN: Liebe, die wie Wellen an den Strand schlägt

Porträt einer jungen Frau in Flammen


Celine Sciamma führt uns an die bretonische Küste 1770 – das sind gerade 19 Jahre bis zur französischen Revolution. Die Malerin Marianne wird bestellt, um ein Porträt anzufertigen. Als in der stürmischen See die Leinwände über Bord gehen, zögert sie keinen Moment, springt aus dem Boot und fischt die Leinwände aus den Wellen. Klatschnass trifft sie bei der Auftraggeberin ein, trocknet vor dem Kaminfeuer die Leinwände und sich selbst und raucht dabei eine Pfeife. Damit ist Marianne perfekt eingeführt, es ist kaum ein Wort gefallen, die Bilder (mit denen sich Sciamma hier als Gestalterin einführt) sind ikonisch.

Sciamma erzählt in diesem wundervollen Film die Geschichte der Unmöglichkeit der Liebe, der Schönheit der Liebe, ihrer Melancholie und Vergänglichkeit. Denn Marianne und die porträtierte Heloise verlieben sich. Aber die Welt hat ihnen Rollen und Identitäten zugewiesen, aus denen schwer auszubrechen ist. Marianne lebt ein Leben, das in ihrer Zeit (und noch lange danach) eigentlich einem Mann vorbehalten ist, Heloise muss den Platz der verstorbenen Schwester einnehmen und sich verheiraten lassen. Die Unmöglichkeit ihrer Liebe spiegeln die Frauen, in dem sie Orpheus und Eurydike vorlesen.

Sciamma verdichtet, in dem sie viel weglässt: Sie verzichtet in diesem Film auf einen Soundtrack, nur zweimal spielt Musik eine (dann aber wichtige) Rolle, sie verzichtet weitgehend auf Dialoge, weil sie zurecht darauf vertrauen kann, dass ihre beeindruckenden Bilder die Geschichte erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, dass die drei Frauen Marianne, Heloise und die Dienerin Sophie in dem Moment, als sie alleine sind, sofort die Standesgrenzen aufheben und sich als Frauen solidarisch verhalten. Und Sciamma verzichtet fast vollständig auf Männer – der Film würde einen umgekehrten Bechdeltest nicht bestehen: Es gibt keine zwei Männer, die sich miteinander unterhalten.

PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN ist ein Film, der sich über die Blicke der Frauen manifestiert: Wenn sie sich anschauen, dann lesen sie sich, sie verständigen sich. Und die Tiefe des Blicks und des Verstehens macht dann auch den Unterschied aus zwischen den beiden Porträts, die Marianne anfertigt. Im Podcast direkt nach dem Film diskutieren die üblichen Verdächtigen über niederländische Gemälde und Farben, über den Menschen, der die Porträts für den Film gemalt hat, über die Faszination von Zeichnen und Malen im Film und ob es hier zuviel Gestaltungswillen gegeben hat. Spoiler: Thomas sagt: Nein, kein Zuviel. Direkt nach dem Film per Videokonferenz an den Mikrofonen: Heidi, Katharina, Bettina und Thomas.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Musik von Johannes Klan

Porträt einer jungen Frau in Flammen
(Portrait de la jeune fille en feu/Portrait of a Lady on Fire)
FRK 2019, 122 Min., Regie/Drehbuch: Celine Sciamma