AVATAR: THE WAY OF WATER – Das blaue Wunder

Avatar © 2022 20th Century Studios

Avatar © 2022 20th Century Studios


Selten hat bei einem Film die Vorerwartung so haargenau getroffen wie hier:
1. Die Story wird eher dünn sein, vielleicht sogar dünner als beim ersten AVATAR. Check.
2. Man muss sich den Film auf jeden Fall in 3D auf der großen Leinwand anschauen, denn die Illusion wird beeindruckend sein. Check.
Und damit ist eigentlich schon fast alles gesagt. Etwas genauer gesagt: Die Story ist kaum vorhanden: Mann flieht mit seiner Familie, Mann wird von seinem Feind eingeholt, Mann muss sich dem Kampf stellen, Vater-Sohn-Konflikte werden angedeutet. Fertig. Mehr ist nicht da. Gefühle gibt es nur auf einer Klischee-Ebene.

Die Feinde sind fast ohne den Hauch einer Schattierung blutrünstige, geldgeile, schwerbewaffnete Söldner und Unternehmer, die indigene Völker, deren Lebensraum und intelligente Meeresbewohner vernichten – also wir. Und die Guten sind sexy Indianerschlümpfe – jetzt in der schwimmfähigen Variante. Über deren Kultur, über deren Vergangenheit erfahren wir nichts – sie sind einfach nur unsere Projektion der edlen Wilden, naturverbunden, naiv, ein klein bisschen doof. So wie wir es uns vorstellen. Keine Schrift, keine Tempel, keine Eigenschaften, die fundamental anders wäre als bei Erdbewohnern. Das ist kein Worldbuilding, das ist eine blau angemalte Stereotypenmaschine. Dazu kommt in den wenigen Dialogen ein gelinde gesagt konservatives Weltbild an die Oberfläche („Der Vater ist der Beschützer“) und der Held ist immer noch der White Saviour, der schon wieder die edlen Wilden anführen muss. Das ist unoriginell, ideenlos, altbacken.

Trotzdem eine grandiose Kino-Erfahrung: In dem Moment, in dem wir unter die Wasseroberfläche gehen, findet eine Immersion statt, die jedem anderen computergenerierten Film um ein Jahrzehnt voraus ist: Die 3D-Effekte sind meisterhaft erarbeitet und durchgeführt, jede Lichtstimmung im Wasser, vor allem jede Bewegung der Tiere ist in jeder Sekunde absolut authentisch. Das ist – wie Guilermo del Toro gesagt haben soll – „Nation Geographic Under The Sea“ auf Speed. Ein Science-Fiction-Whalewatching, bei dem einem der Mund offensteht. Die Filmerzählung ist eine Bankrotterklärung, das Filmspektakel ist ein Meilenstein. Im Podcast direkt nach dem Film sind Gabriele, Johanna, Axel, Tom und Thomas am Mikrofon sehr unterschiedlicher Meinung.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken
Bild: © 2022 20th Century Studios
Musik: Johannes Klan


Avatar: The Way Of Water
USA 2022, 193 Min., Regie: James Cameron



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Andere Meinung

„Manchmal wünsche auch ich mir, dass man ein paar offensichtliche Konfliktklischees auslassen könnte (die Hänseleien der Jugendlichen), aber dann führe ich mir etwas vor Augen, was viele vergessen: Der durchschnittliche Mensch geht, wenn überhaupt, nur einmal im Jahr ins Kino. „Avatar 2“ ist ein Film, der die Kraft hat, diejenigen anzulocken, die sehr selten ins Lichtspielhaus gehen, aber auch die, die mehrfach reinlaufen. Anders kann man sich gewisse Box-Office-Dynamiken und so viel Vorsprung vor vielen, vielen, quasi fast allen anderen Streifen nicht erklären. Cameron hat das gewisse Etwas, was auch die Muffel anspricht, die dann eben fünf bis zehn verschiedene Filme in einem Mammutwerk erhalten oder die junge Generation, die deutlich weniger Kinowissen mitbringt als Menschen Ü30, die vielleicht ihr Leben lang schon Popkulturjunkie sind.“
serienjunkies.de

„Ich sage mal so: Dies hier ist ein Film für Leute, die gerne von »Mutter Natur« reden, Wissenschaft und Forschung eher skeptisch gegenüberstehen, und gerne auch mal Geld für Bachblüten und Homöopathie ausgeben. Und gerne mal nach Alaska jetten würden, um dort dann beeindruckt noch ein paar der letzten Wale in freier Wildbahn zu sehen und sich dabei der Natur mal so richtig nahe fühlen zu können.“
Florian Breitsameter für sf-fan.de

„James Camerons „Avatar“-Filme sind bei allem Lärm, den sie erzeugen, bei al­ler bunten Gigantomanie, letztlich rührend hilflose Versuche, fernen Echos vergangener Widerreden gegen die Zurichtung von bewussten Geschöpfen zu Si­gnalquellen nachzuhorchen, etwa dem ur­alten Gedanken des Dichters Thomas Traherne, das Menschenwesen könne die Welt erst ge­nießen, wenn es das Meer in den Adern fließen spüre und sich in den Himmel kleide.“
Dietmar Dath für faz.net


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