Wo beginnt ein Verbrechen?


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 29.August 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Verbrechen” von Ferdinand von Schirach

 
 Verbrechen [3:48m]: Play Now | Download

So möchte ich schreiben können, so klar, besonnen, nüchtern und fesselnd zugleich und vor allem so berührend.

Lauter unglaubliche Geschichten, doch sind sie wahr.

Behauptet der Klappentext. Ich hätte gewettet, sie sind alle erfunden, gut ausgedacht. Doch Ferdinand von Schirach, begehrter Strafverteidiger, hat einfach seine Fälle aufgeschrieben. So unglaublich kann die Realität sein, jede Geschichte ließ mich von Neuem staunen. Er erzählt in seinem Erstlingswerk von Schicksalen, von Verbrechen, die ich nicht mehr vergessen werde.

Es ist höchst irritierend, sich bei Mitleidsanwandlungen zu ertappen; Mitleid einem Arzt gegenüber, der seine Frau getötet hat. Eine Frau, die er mit 24 heiratet und die ihn über vierzig Jahre lang mit schriller Stimme demütigt, beschimpft und lächerlich macht. Er versucht es auszuhalten, weil er ihr auf der Hochzeitsreise geschworen hat, sie nie zu verlassen. Bis es nicht mehr auszuhalten ist. Er erschlägt sie im Keller und ruft anschließend mit ruhiger Stimme die Polizei.

Der Staatsanwalt beantragte acht Jahre. Er ließ sich Zeit, er schilderte den Tatablauf und watete durch das Blut im Keller. Dann sagte er, Fähner habe Alternativen gehabt, er hätte sich scheiden lassen können.
Der Staatsanwalt irrte, genau das hätte Fähner nicht gekonnt. Die letzte Reform der Strafprozessordnung hat den Eid als obligatorische Beteuerung einer Aussage im Strafprozess abgeschafft. Wir glauben schon lange nicht mehr daran. Wenn ein Zeuge lügt, lügt er eben – kein Richter denkt ernsthaft, das würde sich durch einen Eid ändern lassen. Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem ‚aber‘ liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten eines Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war.

Fähner bekam drei Jahre im offenen Vollzug und begann mit 72 einen Handel mit den Äpfeln aus seinem eigenen Garten, den seine Frau so sehr gehasst hat.

Auch Schirach erschien mir in einem Fernseh-Interview mit Gero von Boehm wie ein angenehm altmodischer Mensch aus einem anderen Jahrhundert. „Wieso kann er so gut schreiben?“ fragte mich ein Kollege. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich die Stories über ungelöste wie aufgeklärte Verbrechen zutiefst beeindruckt haben.

In jeder Erzählung muss man sich neu orientieren: Wann beginnt ein Verbrechen? Beim hilflosen Versuch eines Mannes, mithilfe eines dilettantischen Banküberfalls zu seiner Familie zurückzukehren? Wo liegt die Schuld? Bei der Schwester, die das elende Leben ihres durch einen Unfall behinderten Bruders nicht mehr ertragen kann? Genial beschreibt Schirach die hauchfeinen Grenzen zwischen Schuld und Unschuld.

Große Erzählkunst, spannende Geschichten. Beim Lesen schwankte ich ständig zwischen der großen Lust, das Buch auf einmal zu verschlingen und dem Genuss, besonders langsam zu lesen um länger davon zu haben. Zu meinem großen Lese-Glück liegt auf dem Nachttisch schon der zweite Band, „Schuld“.

Die Filmrechte an „Verbrechen“ sind verkauft, die Üblichen Verdächtigen dürfen gespannt sein …

Ferdinand von Schirach
Verbrechen
Piper 16,95 €
978-3-492-05362-4
Ab September auch als Piper-Taschenbuch Nr. 05955 8,95 €

Audio-Tipp: Ferdinand von Schirach zu Gast bei SWR1 Leute Rheinland-Pfalz (37:14 min)

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4 Kommentare




Auch die Geduld eines Steins kann nicht unendlich sein …


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 15.August 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Stein der Geduld” von Atiq Rahimi

 
 Vom Zählen der Atemzüge [3:35m]: Play Now | Download

Wenn man ehrlich zu sich ist, verkommt Afghanistan im Alltag häufig doch eher zu einer Art Hintergrundgeräusch. Ob es Zufall war, daß ich mit dem Roman just an dem Tag begann, als dort die zehn ausländischen Helfer ums Leben kamen, sei dahingestellt. Sicher aber fiel mein Blick, angeregt durch die Lektüre, gezielt auf das Time-Magazine-Cover. Darauf zu sehen ist das Gesicht einer von ihrem Taliban-Ehemann schrecklich verstümmelten Frau. Dieses Foto verursachte, dass mir der Roman noch eindringlicher, noch näher ging als Rahimis klare und poetische Sprache allein.

SteinWie in einem Theaterstück mit genauesten Regieanweisungen erzählt er die Geschichte einer Frau, deren Ehemann, mit einer Kugel im Nacken, reglos auf seiner Matratze liegt. Die Augen weit geöffnet, erfährt man von ihm nichts als dass er atmet. Anfangs befolgt die Frau die Anweisungen des Mullahs, den ganzen Tag neben ihm auszuharren und zu beten. Nur wenn sie betet, würde er gesund.

Ihre linke Hand zählt noch immer die Perlen der schwarzen Gebetskette ab. „Ich kann dir sogar sagen, dass du in meiner Abwesenheit dreiunddreißig Mal eingeatmet hast.“ Sie kauert sich nieder. „Und selbst jetzt, während ich mit dir spreche, kann ich deine Atemzüge zählen.“ Sie hält die Gebetskette in das unbestimmte Gesichtsfeld des Mannes. „Hier, seit ich wieder da bin, hast du sieben Mal geatmet.“ Sie setzt sich auf den Kelim und fährt fort: „Ich teile meine Tage nicht mehr in Stunden ein, und die Stunden nicht mehr in Minuten, die Minuten nicht mehr in Sekunden … Ein Tag hat für mich neunundneunzig Runden auf der Gebetskette!“

Doch langsam wird ihr die Sinnlosigkeit des Unterfangens klar und sie beginnt zu reden. Während sie ihn mit Salzzuckerwasser am Leben erhält, erzählt sie ihm alles, worüber sie in den zehn Jahren ihrer Ehe geschwiegen hat. Mit siebzehn wurde sie in seiner Abwesenheit mit ihm verheiratet, erst nach drei Jahren kehrte er aus Kämpfen zurück. Sie schildert ihre unterdrückten Gefühle, gesteht ihm Geheimnisse aus ihrer Kindheit, macht ihm Vorwürfe, entschuldigt sich. Glaubt von einem Dämon besessen zu sein, fängt sich wieder, stellt sich der Realität und bringt ihre beiden Töchter in Sicherheit.

Denn draußen fallen Schüsse, fahren Panzer durch die Straßen, werden Häuser zerstört, Nachbarn getötet. Sie wird überfallen, bestohlen. Immer wieder verlässt sie zornig das Haus, man erwartet, dass sie nicht zu ihrem hilflosen Mann zurückkehrt. Doch sie muss ihre Geschichte zu Ende erzählen, alle Geheimnisse und Geständnisse vor ihm ausbreiten. Sie beginnt diesen reglosen Mann ihren „Stein der Geduld“ zu nennen. In der afghanischen Mythologie gibt es einen Stein, dem man alles erzählen kann. Eines Tages aber wird dieser Stein zerspringen, denn auch die Geduld eines Steins kann nicht unendlich sein.

Für mich hat dieses Bild des geduldigen Steines, der irgendwann einmal explodiert, noch eine weitere Bedeutung: Rahimis Protagonistin steht stellvertretend für die unterdrückten – steingeduldigen – afghanischen Frauen, gestern und heute. Das Ende des Romans ist drastisch, bitter, eindrucksvoll – zerspringende Steine. Ein eindringlicher Blick in eine für uns fremde Welt.

Atiq Rahimi hat für den Roman 2008 den Prix Goncourt, den höchsten französischen Literaturpreis, erhalten.

Atiq Rahimi
Stein der Geduld
Ullstein 18.- €
978-3-550-08786-8

Hier die Lesung des Autors auf Französisch:

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The Private Lives of Pippa Lee


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 1.August 2010

Prof. Pu empfiehlt: Pippa Lee von Rebecca Miller

 
 The Private Lives of Pippa Lee [3:08m]: Play Now | Download

Pippa, Anfang 50, zieht mit ihrem wesentlich älteren Ehemann Herb in eine Seniorensiedlung. Sicher ist sie noch viel zu jung für einen Altersruhesitz, doch als treue Gattin, liebende Mutter und perfekte Gastgeberin gestattet sie sich kein großes Nachdenken darüber. Doch dann irritieren merkwürdige nächtliche Vorfälle ihre ach so ruhigen Kreise: Morgens kommt sie in eine verwüstete Küche, in der es nach einem Fressanfall aussieht.

Der Tisch war auf chaotische Weise gedeckt worden, die Teller waren ganz zufällig darauf verstreut, als wären sie von einer wütenden Hausangestellten hingeknallt worden. Auf einigen lag ein Stück Schokoladenkuchen. Andere waren leer. Pippa entdeckte einen Aufstrich in der Farbe von Erdnussbutter auf einem der Kuchenstücke. Sie roch vorsichtig daran. Es war Erdnussbutter. Doch sie erinnerte sich genau, dass sie den Tisch gestern Abend abgewischt hatte. Der Raum war tadellos sauber gewesen.

Zunächst verdächtigt sie Herb. Sie befürchtet bei ihm erste Demenz-Erscheinungen, installiert daraufhin eine Kamera in der Küche und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie es ist, die schlafwandelt. Endgültig panisch wird sie, als sie morgens bemerkt, dass sie mit dem Auto gefahren ist und wieder mit dem Rauchen begonnen hat,  ohne sich an irgendetwas zu erinnern. Auch ein Arztbesuch bringt sie nicht weiter. Eines Nachts steht sie im Nachthemd im einzigen Laden der Siedlung, in dem der von allen als merkwürdig empfundene Nachbarssohn arbeitet. Chris bringt sie nach Hause und es beginnt eine vorsichtige und gleichzeitig schroffe Annäherung dieser beiden Außenseiter im Rentnerparadies.

Doch zuvor erzählt Rebecca Miller Pippas Lebensgeschichte in einem Rückblick, der mir vorkam, als läge Pippa auf der Analytiker-Couch und erzähle ihr Leben, um zu erkennen, weshalb es mit ihr so weit kommen konnte. Denn Pippa war in ihrem ersten Leben, ihrem Leben vor Herb Lee, alles andere als die perfekte Ehefrau. Sie war ein Freak-Mädchen in New York mit reichlich Drogenerfahrung und einer schwierigen Kindheit. Erlebte sie doch ihre Mutter nur medikamentenabhängig-überdreht, ihren Vater und ihre Brüder schweigend. Rebecca Millers Darstellung der Mutter erinnerte mich an Mary Tyrone aus O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“.

Miller beobachtet messerscharf und bisweilen gnadenlos. Pippas Lebensgeschichte ist abgedreht und lebensnah zugleich. Am Ende steht Pippas Aufbruch in Chris‘ Lastwagen mit dem Satz:

Ich … warte nur ab, was als Nächstes geschieht.

Wir können uns nicht unser ganzes Leben lang verstellen. Irgendwann kommt das unterdrückte Ich wieder zum Vorschein und verlangt nach Raum. „Pippa Lee“ ist ein Roman, der lange nachwirkt. Rebecca Miller hat ihren Roman selbst verfilmt, mit Robin Wríght in der Hauptrolle. Demnächst im Kino – aber erst lesen!

Rebecca Miller
Pippa Lee
Fischer-Taschenbuch € 9,95
978-3-596-18065-3

http://www.pippalee.senator.de/

Leseprobe hier:
http://www.fischerverlage.de/sixcms/media.php/308/LP_978-3-10-049012-4.pdf

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Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 18.Juli 2010

Prof. Pu empfiehlt: Deine Juliet von Mary Ann Shaffer und Annie Barrows

 
 Dichtung und Kartoffelschalenauflauf [3:36m]: Play Now | Download

London, Anfang 1946: Die junge Schriftstellerin Juliet Ashton verdient zum ersten Mal ein wenig Geld mit ihren Kolumnen. Das tröstet sie darüber hinweg, dass ihre Biografie über Anne Brontë so gar nicht gut läuft. Ihren ersten Verlobten hat sie aus der Wohnung geworfen, nachdem er alle ihre Bücher in den Keller geräumt hatte. Ob sie den neuen Verehrer erhören wird, ist fraglich. Am liebsten schreibt sie amüsante Briefe an ihren Verleger und an ihre Freundinnen. Eines Tages erhält sie einen Brief von Dawsey Adams. Er hat ein Buch erworben, das irgendwann einmal ihr gehörte. In dem von enormen Mangel geprägten Nachkriegs-England für ihn ein großer Luxus. Und weil er sich über die Maßen über seinen Fund freut, teilt er es der Vorbesitzerin mit:

Sehr geehrte Miss Ashton,
mein Name ist Dawsey Adams, ich lebe auf einem Bauernhof in St. Martin’s Parish auf Guernsey. Ich weiß von Ihnen, weil ich ein altes Buch habe, das einmal Ihnen gehörte – Ausgewählte Essays von Elia von einem Verfasser, der im wirklichen Leben Charles Lamb hieß. Ihr Name und ihre Adresse stehen auf der Innenseite des Einbands. Ich möchte Sie um eine Gefälligkeit bitten. Könnten Sie mir Namen und Adressen einer Buchhandlung  in London schicken?
…
Charles Lamb hat mich während der deutschen Besatzung zum Lachen gebracht, insbesondere mit dem, was er über den Schweinebraten geschrieben hat. Der Club der Guernseyer Freunde für Dichtung und Kartoffelschalenauflauf wurde wegen eines gebratenen Schweins ins Leben gerufen, das wir vor den Deutschen geheim halten mussten, weswegen ich mich Mr. Lamb verbunden fühle.
…
In der Hoffnung, Ihnen nicht lästig zu fallen, verbleibe ich hochachtungsvoll,
Ihr Dawsey Adams

Die freundliche und neugierige Juliet antwortet prompt und schickt ein neues Lamb-Buch nach Guernsey. Sie beschließt, über die genaue Entstehungsgeschichte der “Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society” einen Artikel für die Times zu schreiben. Nach und nach tritt sie mit fast allen Mitgliedern des Clubs, was gleichbedeutend ist mit der halben Kanalinsel, in Briefkontakt. Da lässt eine Einladung auf die Insel nicht lange auf sich warten. Sie wird begeistert aufgenommen und aus dem Artikel wird ein Buch werden, und nicht nur das …

Diese wunderbare Mischung aus neu erwachter Lebenslust, schlimmen und traurigen Kriegserlebnissen, Mangelwirtschaft, Herzensangelegenheiten, anrührender Mit-Menschlichkeit und einer Liebeserklärung  ans Lesen und an die Literatur, egal welcher Couleur, macht dieses Buch zur idealen Sommer-Lektüre. Juliet spricht mir aus dem Herzen weiterlesen

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Sprachgewalt, die sprachlos macht


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 4.Juli 2010

Prof. Pu empfiehlt: Atemschaukel von Herta Müller

 
 So Entsetzliches in so schönen Sätzen [5:15m]: Play Now | Download

Wie schreibt man eine Empfehlung, wenn einem die Worte fehlen? Und schon von allen so viel gesagt wurde zu diesem Buch? So viel Entsetzliches in so schönen Sätzen, ist mein Resümee zu Herta Müllers außergewöhnlichem Roman. Zusammen mit Oskar Pastior, diesem Lyrik-Schelm, wollte sie seine Erinnerungen an die fünf Jahre Zwangsarbeit im russischen Arbeitslager aufschreiben. Leider starb er 2006 ganz plötzlich und sie mußte das Werk alleine vollenden. Das machte mich am traurigsten bei der Lektüre – dass er diese Art von Wiedergutmachung nicht mehr erlebt hat. So jedenfalls empfinde ich die Auszeichnung des Buches mit dem Literatur-Nobelpreis 2009. Als eine ideelle Wiedergutmachung durch die Aufmerksamkeit, die man diesen Erinnerungen und damit den Schicksalen einer stummen Menge zuteil werden ließ.

Aus dem Nachwort:

“Als im Sommer 1944 die Rote Armee schon tief nach Rumänien vorgerückt war, wurde der faschistische Diktator Antonescu verhaftet und hingerichtet. Rumänien kapitulierte und erklärte dem bis dahin verbündeten Nazideutschland völlig überraschend den Krieg. Im Januar 1945 forderte der sowjetische General Vinogradov im Namen Stalins von der rumänischen Regierung alle in Rumänien lebenden Deutschen für den „Wiederaufbau“ der im Krieg zerstörten Sowjetunion. Alle Männer und Frauen im Alter zwischen 17 und 45 Jahren wurden zur Zwangsarbeit in sowjetische Arbeitslager deportiert.”


Auch Herta Müllers Mutter war dabei. Und der siebzehnjährige Oskar Pastior.

“Alles, was ich habe, trage ich bei mir.
Oder: Alles Meinige trage ich mit mir.
Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. Es war entweder zweckentfremdet oder von jemand anderem. Der Schweinslederkoffer war vom Vater. Der städtische Mantel mit dem Samtbündchen am Hals vom Großvater. Die Pumphose von meinem Onkel Edwin. Die ledernen Wickelgamaschen vom Nachbarn, dem Herrn Carp. Die grünen Wollhandschuhe von meiner Fini-Tante. Nur der rote Seidenschal und das Necessaire waren das Meinige, Geschenke von den letzten Weihnachten.
Es war noch Krieg im Januar 1945. Im Schrecken, dass ich mitten im Winter wer weiß wohin zu den Russen muss, wollte mir jeder etwas geben, das vielleicht etwas nützt, wenn es schon nichts hilft. Weil nichts auf der Welt etwas half. Weil ich unabänderlich auf der Liste der Russen stand, hat mir jeder etwas gegeben und sich seinen Teil dabei gedacht. Und ich habe es genommen und mir gedacht mit meinen siebzehn Jahren, dass dieses Wegfahren zur rechten Zeit kommt. Es müsste nicht die Liste der Russen sein, aber wenn es nicht zu schlimm kommt, ist es für mich sogar gut. Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten. Statt Angst hatte ich diese verheimlichte Ungeduld.”

Er ist zu jung und zu sehr damit beschäftigt, seine Liebe zu Männern zu verbergen, als dass er sich der Verzweiflung anheimgibt. Er ahnt noch nicht, dass ihn der Satz seiner Grossmutter am Leben erhalten wird: „ICH WEISS DU KOMMST WIEDER“. weiterlesen

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Mafiakiller mit Medizinstudium


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 20.Juni 2010

Prof. Pu empfiehlt: Schneller als der Tod von Josh Bazell

 
 Morden bis der Arzt kommt [5:22m]: Play Now | Download

Ich befürchte, dass ich mir mit diesem Buchtipp wahrscheinlich meinen Ruf ruiniere. Das hat der Roman auf jeden Fall verdient. Was sich Bazell für sein Debüt ausgedacht hat, ist so unglaublich irre, dass ich zwischendurch immer mal wieder hyperventilieren musste.

Dr. Peter Brown, eigentlich Pietro Brnwa, gesprochen Brauna, geboren in einem indischen Ashram, aufgewachsen bei seinen Großeltern in New Jersey, ist Assistenzarzt im Manhattan Catholic Krankenhaus. Und Ex-Mafiakiller im Zeugenschutzprogramm – bis ihn ein Patient erkennt und seine Tarnung auffliegt.

Der Mann in dem Bett im Anadale-Trakt ist ein Typ, der mir als Eddy Squillante alias Eddy Consol bekannt war.
„Was soll das?“, knurre ich und packe ihn an seinem Klinikhemd. Ich sehe noch mal auf seine Akte. „Da steht, du heißt LoBrutto!“
Er guckt verwirrt. „Ich heiße doch LoBrutto.“
„Ich denk, du heißt Squillante.“
„Squillante ist nur ein Spitzname.“
„Squillante? Wie kommt man zu dem Spitzname Squillante?
„Er geht auf Jimmy Squillante zurück.“
„Den Scheißkerl von der Müllindustrie?“
„Den Mann, der die Abfallwirtschaft wiederbelebt hat. Und halt dich zurück. Das war ein Kumpel von mir.“
„Langsam“, sage ich. „Du nennst dich Squillante, weil Jimmy Squillante ein Kumpel von dir war?“
„Ja. Wenn er auch in Wirklichkeit Vincent hieß.“
„Scheiße, wovon redest du? Ich kannte mal ein Mädchen namens Barbara – deswegen sag ich den Leuten doch nicht, sie sollen mich Babs nennen.“
„Hat was für sich.“
„Was ist mit ‚Eddy Consol’?“
„Auch ein Spitzname von mir. ‚Consolidated’.“ Er kichert. “Meinst du, jemand heißt wirklich ‘Consolidated’?“
Ich lasse ihn los. „Nein, schon kapiert, danke.“
Er reibt sich die Brust. „Mensch, Bärentatze –„
„Nenn mich nicht so.“
„Okay … „ Er bricht ab. „Warte mal. Wie hast du mich gefunden, wenn du nicht wusstest, dass ich Squillante bin?“
„Ich habe dich nicht gefunden.“
„Was heißt das?“
„Du bist Patient in einem Krankenhaus. Ich bin Arzt.“
„Du bist als Arzt verkleidet.“
„Nein. Ich bin Arzt.“
Wir starren uns an.
Dann sagt er: „Mach das du rauskommst!“

Und dann geht es rund. In den nächsten Stunden versucht Pietro in einem rasenden Countdown, seinen Feinden zu entkommen – sprich zu überleben – und nahezu nebenbei ein paar Menschenleben zu retten. Gleichzeitig erzählt Bazell, wie der damals Vierzehnjährige seine Großeltern ermordet auffindet, sich später in der Schule mit Adam, dem Sohn des Mafiaanwaltes David Locano anfreundet und von dessen Familie wie ein Sohn aufgenommen wird. Zunächst ganz ohne die berühmte Doppeldeutigkeit des Wortes „Familie“ in den Kreisen der Mafia. Bis Pietro einen entscheidenden Fehler begeht: Er gesteht, nur einen Wunsch zu haben: Die Mörder seiner Großeltern zu kennen. Diesen Gefallen tut ihm Vater Locano gern. Sie umzubringen wird seine Inauguration als Mafiakiller.

Jahre später hat die Bundespolizei mich damit kleinzukriegen versucht: Was für ein hoffnungsloser Idiot das sein müsse, der feststellt, dass seine Großeltern von Mafiaschweinen umgebracht worden sind, und dann selbst mit Mafiaschweinen zusammenlebt, für sie arbeitet, sich bei ihnen einschleimt und sich von ihnen abhängig macht. Aber die Gründe lagen auf der Hand.

Wenn er keine Killer-Aufträge erledigt, hängt er mit seinem besten Freund Adam „Skinflick“ Locano herum. Irgendwann will Skinflick auch mitkillen, während Pietro heimlich seinen Ausstieg erwägt. Die gemeinsame Sache geht ziemlich schief, aber nur Pietro landet vor Gericht und wird in einem absurden Prozeß freigesprochen. Noch zögert Pietro, ins Zeugenschutzprogramm zu gehen. Und läßt sich vom aufgehetzten Skinflick in eine Falle locken, bei der nicht nur Pietros große Liebe Magdalena ihr Leben läßt. Aus den ehemals besten Freunden werden Todfeinde. Ein Drama Shakespeare’schen Ausmaßes, denn nicht einmal die Großeltern waren das, was sie ihrem Enkel zu sein schienen. Eine neue Version von „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ …

Was ist schlimmer als ein eiskalter Mafiakiller? Ein eiskalter Mafiakiller mit Medizinstudium, lassen Sie sich das gesagt sein. weiterlesen

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Ein Kommentar




Parvenüs im Paris der Zwanziger Jahre


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 6.Juni 2010

Prof. Pu empfiehlt: Der Ball von Irène Némirovsky

 
 Pariser Parvenüs [2:43m]: Play Now | Download

Madame Rosine Kampf möchte als Beweis ihrer Arriviertheit einen Ball geben. Sie ist schrecklich aufgeregt und herrscht ihre ganze Umgebung an. Endlich sind sie da angekommen, wo sie immer hinwollte. In der feinen Pariser Gesellschaft, dank erfolgreicher Börsenspekulationen ihres Mannes. Tagelang zerbricht sie sich den Kopf über die Gästeliste, schliesslich ist man ja jetzt wer!

Kampf zog einen mit vielen Namen und Korrekturen vollgekritzelten Zettel aus der Tasche.

„Wir fangen mit den Leuten an, die ich kenne, einverstanden, Rosine? Schreib, Antoinette. Monsieur und Madame Banyuls. Die Adresse weiß ich nicht, aber du hast ja das Telefonbuch bei der Hand, da kannst du nachschlagen …“

„Sie sind sehr reich, nicht wahr?“ murmelte Rosine.

„Ja, sehr.“

„Meinst du denn … daß sie kommen wollen? Ich kenne Madame Banyuls gar nicht.“

„Ich auch nicht. Aber ich habe geschäftlich mit ihrem Mann zu tun, das genügt … Die Frau soll reizend sein, und sie wird in ihren Kreisen nicht mehr viel eingeladen, seit sie in diese Geschichte verwickelt war … Du weißt schon, diese berühmten Orgien im Bois de Boulogne, vor zwei Jahren …“

„Alfred, ich bitte dich, die Kleine …

Ihre Tochter Antoinette, bockig, pubertierend, unter der Mutter leidend, träumt davon, auch am Ball teilnehmen zu dürfen.

Ein Ball … Lieber Gott, lieber Gott, wäre es denn möglich, daß nur ein paar Schritte von ihr entfernt dieses herrliche Ereignis stattfände, das sie sich undeutlich als ein Gewirr von wilder Musik, berauschenden Parfüms, prachtvollen Gewändern vorstellte, mit geflüsterten Liebesworten in einem abgelegenen Séparée, dunkel und kühl wie ein Alkoven – und daß sie an diesem Abend wie an jedem anderen um neun Uhr im Bett läge, wie ein Baby?

Doch die Mutter verbietet es ihr vehement. Antoinettes Rache wird grausam sein …

Bild

Ein kleiner feiner Roman über Parvenüs im Paris der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Und eine Geschichte über die herzlose Rache einer eifersüchtigen Tochter an ihrer ungeliebten Mutter. Comédie humaine und Satire in einem, brilliant verfasst. Auch als Hörbuch, gelesen von Nina Hoss, ein grosses Vergnügen!

Irène Némirovsky
Der Ball
btb 73578 € 6.-
ISBN 978-3-442-73578-5

Der Ball Brigitte Hörbuch
gelesen von Nina Hoss
88 Min. € 9,95
ISBN 978-3-86604-191-2

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Prof. Pu macht Pfingstferien


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch, Prof. Pu und die Pücher am 23.Mai 2010

… und liest Bücher. Am Sonntag in zwei Wochen ist sie wieder da, versprochen.

Wer sich bis dahin die Zeit mit den vielen, vielen bisherigen “Puch”-Tipps vertreiben möchte, wird hier fündig.

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